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21. November 2009
 

ZDFdokukanal

 
ab 1. November ZDFneo
Lucas in der Schule. Quelle: ZDF
Lernen, lernen, lernen - für nichts anderes bleibt Zeit.

Themenabend "Abenteuer Schule"

Schwere Last auf schmalen Schultern

Schüler und ihr harter G8-Alltag

G8, das "Turbo-Abi" in acht Jahren, ist für viele Schüler zur Belastung geworden. Anstatt die Lehrpläne sinnvoll zu entrümpeln, wird den Schülern häufig fast das ganze Pensum von neun Schuljahren in acht Jahren eingepaukt. Der Preis dafür: wenig Freizeit, kaum noch Treffen mit Freunden, Hobbys werden sehr eingeschränkt. Außerdem ist der Druck, in der Schule am Ball zu bleiben, sehr groß. Genau wie die Angst vorm Sitzenbleiben.

 
 
 

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Sendedaten

Am Samstag, den 10. Oktober um 0.15 Uhr die Doku. Im Anschluss daran die Diskussion. Weitere Sendezeiten entnehmen Sie bitte dem Programm des ZDFdokukanals.

Die Zwillinge Nicolai und Lucas sind 14 Jahre alt und gehen in die siebte Klasse eines G8-Gymnasiums in Fulda. "Mein Leben besteht nur noch aus Schule und Lernen", meint Nicolai. "Turbo-Abi" in acht Jahren, zwölf verschiedene Fächer, und in allen müssen Arbeiten geschrieben werden. "Schule und Hausaufgaben zusammen - das ist bei mir eine 50-Stunden-Woche", sagt Lucas.

Träumen von der 35-Stunden Woche

Dreimal in der Woche kommen die Brüder erst um 17 Uhr nach Hause und fangen dann mit den Hausaufgaben an. "Wenn es sehr viel ist, schmeiß ich manchmal einfach den Stift hin, weil ich eben keine Lust mehr habe, und weil man den ganzen Tag davor sitzt und für Arbeiten lernt", meint Lucas. "Irgendwann kann man dann einfach nicht mehr." Zwar sind Lucas und Nicolai noch gut in der Schule, doch am liebsten würden sie alles hinschmeißen: Lernen macht einfach keinen Spaß mehr.

 
Nicolai und Lucas. Quelle: ZDF
ZDF
Nicolai und Lucas' kritischer Blick auf den Stundenplan

 

Die Zeit ist knapp geworden für G8-Schüler, die von einer 35-Stunden-Woche nur träumen können. Da bleibt die Freizeit auf der Strecke, Freundschaften finden nur noch in der Schule statt und auch die Hobbys werden weniger. Die Angst vor dem Sitzenbleiben ist groß. Viele Schüler lassen sich nicht mehr krank schreiben, aus Angst, den Stoff alleine nicht nacharbeiten zu können. Antibiotika werden immer häufiger auch bei kleineren Erkältungen verschrieben, erzählt Nachhilfelehrerin Glotzbach, selbst Lehrerin, die ihren Beruf aufgeben musste, um ihren eigenen Sohn zu betreuen und sich jetzt privat um die Bildung vieler Schüler kümmert. Kinderärzte bekommen immer häufiger Kinder mit Bauch- und Kopfschmerzen zu Gesicht, Stresssymptome tauchen schon bei den Kleinsten auf, erklärt unter anderem Kinderpsychologe Dietmar Langer.

Zitat

„Es kann nicht sein, dass Kinder unter so einem Druck stehen, und dass Schule nur mit Hilfe von allen Seiten zu bewältigen ist. Die Vorbereitung auf das Schulebene für G8 war überhaupt nicht gegeben. Und ohne Nachhilfe wären die Probleme noch viel größer.“

Jeanettes Vater

Dem Druck standhalten können

Auch Jeanette plagt sich mit den Anforderungen von G8. Die 13-Jährige ist nur noch müde und fühlt sich immer öfter krank. "Ich denke jede Minute an die Schule. Ich habe oft Kopfschmerzen und Bauchschmerzen", sagt sie. In der Grundschule war sie eine der Besten. Doch heute, in der siebten Klasse, leidet sie unter Schlafstörungen, liegt nachts wach und denkt über ihre Noten nach. Eine Freundin von ihr hatte bereits einen Hörsturz. Von den 34 Schülern, die mit ihr in der fünften Klasse anfingen, sind nach drei Jahren G8 nur noch 21 geblieben. Der Rest hat es einfach nicht gepackt.

 
Jeanette. Quelle: ZDF
ZDF
Jeanette (13)

Jeanette steht massiv unter Druck, und zuhause dreht sich alles nur um Schule, sieben Tage in der Woche, auch in den Ferien. Der Druck kommt nicht von den Eltern, den macht sie sich selber. Und immer öfter endet der Hausaufgaben-Stress in Wut, Verzweiflung und Resignation. Sie beneidet ihren Bruder, der in die elfte Klasse geht, erst nach neun Jahren Abitur macht und nachmittags Freizeit hat, wenn sie mal wieder im Nachhilfeunterricht büffeln muss. "Am wütendsten macht mich, dass die anderen es nicht machen müssen", sagt sie: "Und wir müssen G8 machen, zwölf Jahre, kriegen das alles reingedrückt. Ich finde das einfach nur unfair".

 

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Kritik an der Umsetzung

Das Thema Schulzeitverkürzung wird heiß diskutiert - bei Politikern, Eltern und Schülern. Dabei steht gar nicht das Abitur in zwölf Jahren an sich in der Kritik, sondern hauptsächlich dessen Umsetzung: Vor allem wird bemängelt, dass die Lehrpläne nicht sinnvoll an die acht Jahre angepasst werden konnten. Schüler müssen ein hohes Pensum an Unterricht über sich ergehen lassen. Andererseits machen sich schon jetzt Lücken in den Lehrplänen breit. Nachhilfe ist für viele Schüler unverzichtbar. Der Deutsche Lehrerverband fordert deshalb ein Ende um die Debatte der Entrümpelungen. Es müsse ein neues, ganzheitliches Konzept vorgelegt werden.

 
 

Eine andere Art des Lernens

Ganz anders sieht der Schulalltag von Richard aus. Nachdem der 14-Jährige aus Jena am G8-Gymnasium große Schwierigkeiten hatte, wechselte er zur Jenaplan-Schule. "Es ist ganz anders als auf dem G8-Gymnasium. Da habe ich jede Minute auf die Uhr geschaut und gehofft, dass es endlich vorbei ist", sagt Richard, der von seiner neuen Schule begeistert ist. Hier gibt es kein Lernen im 45-Minutentakt, kein Pausenklingeln und keine Noten bis zur siebten Klasse. Richard lernt in altersgemischten Gruppen und muss die Welt nicht mehr in einzelne Fächer kategorisieren.

 
Richard. Quelle: ZDF
ZDF
Richard

Anstatt von seinen Lehrern belehrt, benotet und überprüft zu werden, wird er von ihnen begleitet und kann viel an eigenen Erfahrungen lernen, fächerübergreifend und in Projektarbeit. Wenn er in einem Fach Schwächen hat, wird er gesondert gefördert. Die Türen der Klassenräume stehen offen, und leises Stimmengemurmel liegt über der Bildungsstätte, die für ihr erfolgreiches Konzept mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde.

 

Frontalunterricht ein Fremdwort

Für Richard ist die Jenaplan-Schule die richtige. Hier kann er die Wirklichkeit erkunden und im Team tüfteln. Frontalunterricht ist ein Fremdwort, und nach der Schule hat Richard frei. "Ich glaube, das Wesentliche ist, dass er ausgeglichen ist und sich wohl fühlt auf der Schule", meint Richards Vater.

 

Am Schuljahresende sitzt Richard gemeinsam mit seinen Eltern und der Klassenlehrerin zusammen, um intensiv über das Zeugnis zu reden. "Wir haben Noten, aber auch noch eine verbale Einschätzung. Das finde ich sehr gut. Das man wirklich keinen Druck hat. Man lernt wirklich für sich selbst", erklärt Richard, der selbst erstaunt ist, wie leicht ihm jetzt das Lernen fällt. Gemeinsam wird das Schuljahr reflektiert - an seiner alten Schule undenkbar. Hier ist Schule Lebensraum und nicht nur Lernfabrik.