Volker Panzer über das Fegefeuer

Also über das Fegefeuer redet ja heute kaum noch jemand. Dabei war es für uns katholische Kinder die letzte Hoffnung.
"Das Fegefeuer", sagte der Herr Pastor, "ist der Ort, wo die Verdammnis noch nicht endgültig ist". Verdammte waren wir Buben allemal, hatten wir doch nicht nur unkeusche Gedanken, sondern schon Unkeuschheit getrieben, allein versteht sich, wie der Herr Pastor in der Beichte nachfragte.
Schlimmer noch hatten wir doch hin und wieder im Kommunionsunterricht gekichert, wenn der Herr Pastor ganz heimlich, so nebenbei beim Zeigefingerdrohen, ein Schnäpschen gekippt hatte, den er vom Schwarzbrenner für den Sündenerlass bekam. Der Himmel, das wussten wir alle, war uns jedenfalls bis zur nächsten Beichte verschlossen, die Hölle gewiss und die frommen Mädchen beteten für uns verlorene Seelen, dass wir wenigstens nur ins Fegefeuer kämen.
Fegefeuer, das war die letzte Zuflucht. Fegefeuer war für uns Rabauken irgendwie cool, hätte es das Wort damals schon im Deutschen gegeben. Man konnte also sündigen und beispielsweise statt als Messdiener korrekt lateinisch auswendig gelernte Reime runterzuleiern, dreckige Umdichtungen zu psalmodieren. Wir beteten also immer: statt mea culpa, mea culpa: Theas vulva. Theas vulva. Und kein Bannstrahl hat uns je getroffen.
Vielleicht haben Gott, das Einzelkind Jesus und der Heilige Geist eventuell doch Humor: "Kommt doch zu uns ins den Himmel", lockt dann die Dreifaltigkeit uns Fegefeuerinsassen: "Der Herr Pastor wartet schon: mit dem Rohrstock wie früher". So schwarz wie die Kutten, so schwarz der Humor.
Als Kind war das Fegefeuer immerhin noch ein Zufluchtsort, gewissermaßen "mittig" zwischen Gut und Böse. Und seit es offiziell abgeschafft ist, habe ich so meine Zweifel, was die beiden anderen angeht. Könnte der Papst doch auch abschaffen. Dann könnten wir uns doch freier bewegen hienieden auf der Erde.
Schicken Sie Volker Panzer eine E-Mail.