nachtstudio
60 Jahre deutscher Schlager - Kulturgut oder Nervensäge?
"Deutsche Chansons heißen Schlager, weil sie einen in die Flucht schlagen": Das behauptete der Journalist und Aphoristiker Wolfram Weidner. Und als Schlagerhasser war er in guter Gesellschaft. Der große Dichter Peter Rühmkorf sprach gar von "verbrecherischer Volksverdummung" und Rolf Dieter Brinkmann stöhnte, Schlager, das sei ein "mieses Geflecht beschissener Texte." Wer in dieser Republik etwas auf sich hielt, von Adorno bis Zupfgeigenhansel, ließ am Schlager keinen guten Reim.
Aber andererseits, warum leuchten die Augen so manches Zeitzeugen der frühen Bundesrepublik bis heute, wenn ganz leis' "Bella, Bella, Bella Marie, bleib mir treu, ich komm' zurück morgen früh" erklingt, oder wer schwört nicht auf die Wahrheit, dass "Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht". Und dass Frauen in den frühen 60ern einen Cowboy als Mann dem pensionsberechtigten Postbeamten vorzogen, hat vielleicht mehr bewirkt, als es den Schlagerhassern lieb ist. Keine andere Musikgattung nämlich hat sich im "kollektiven Gehör" unserer Republik derart als Wurm eingenistet, wie der Schlager.
Man könnte mit diesen Ohrwürmern der Nachkriegsepochen durchaus eine Chronik der Bundesrepublik bis heute schreiben. Von der Sehnsucht nach der weiten Welt, die bis nach Italien reichte, vom Glauben an das kommende Wirtschaftswunder ("Morgen, morgen"), von den ersten Liebeshändeln mit 17 Jahr, den schlimmen Folgen der Libertinage, als Conny Kramer starb, bis hin zu seltsamen Ritualen auf Inseln, insbesondere Mallorca. Immer war der Schlager dabei.
Mögen Schlagertexte noch so sinnfrei und banal sein, mögen die Melodien noch so humpta-humpta gestrickt sein, der Schlager gehört zu den "kollektiven Wachträumen der Gesellschaft" (Wilfried Berghahn). Ja der "Schlagerforscher" und Leiter des Hamburger Literaturhauses Rainer Moritz geht sogar so weit zu behaupten, dass gerade weil der Schlager vor nichts zurückschreckt, er "als Krückstock und als Gleitmittel der Gesellschaft funktioniert".
"60 Jahre deutscher Schlager - Kulturgut oder Nervensäge?", darüber diskutiert Volker Panzer im ZDF-nachtstudio am 28. Juni 2009, exakt 40 Jahre nach Woodstock, mit seinen Gästen
Gitte Haenning, Guildo Horn und Rainer Moritz.
Gäste:
Gitte Haenning, Sängerin und Entertainerin
Guildo Horn, Schlagersänger
Rainer Moritz, Leiter Literaturhaus Hamburg und Schlagerforscher