Anselm Kiefer, der 1945 geborene Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2008, steht Volker Panzer in Paris über eine Stunde lang Rede und Antwort.
In den achtziger Jahren kürte ihn das Time Magazine zum wichtigsten Künstler seiner Zeit: vor allem wegen der Heftigkeit seiner Provokationen und seines einzigartig machtvollen Umgangs mit der künstlerischen Leere nach Auschwitz - "zum Bersten gefüllt mit Geschichte", wie er es ausdrückt. Trotzdem blieb Anselm Kiefer immer einer der umstrittensten Maler und Bildhauer der Gegenwart.
Eigentlich wäre er gerne Schriftsteller geworden. Gigantische Ansammlungen von Bleibüchern wie "20 Jahre Einsamkeit" (1991 bis 2000) bezeugen, dass das Büchermachen grundlegender Bestandteil seines Gesamtkunstwerks ist. Doch auch die Oper reizt ihn: Am 07. Juli 2009 feierte "Am Anfang" an der Pariser Opéra Bastille Premiere - als ein "mit Klangteppich unterlegtes, bewegtes Kiefer-Bild" und "musiktheatralische Umsetzung der kieferschen Geschichtsphilosophie", so das Presseecho.
Anselm Kiefer ist ein Geschichtsversessener, der sich als erster deutscher Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg auf das verminte Gelände der Nazisymbolik begab. Wie könne man überhaupt noch ein "deutscher Künstler" sein nach dem Holocaust und der Vereinnahmung national kultureller und künstlerischer Tradition durch die NS-Ideologie, fragte sich Kiefer.
Entsprechend ist seine Geschichtsphilosophie gegossen in monumentale Gemälde, die er mit Titeln wie "Deutsche Geisteshelden" oder "Hermannsschlacht" versieht - was ihm nicht selten den Vorwurf künstlerischen Deutschtums einbrachte. Typisch für ihn: In fast allen seinen Bildern findet man Schriftzüge und Namen von Menschen, Sagengestalten oder geschichtsträchtigen Orten. Anfang der 80er Jahre wurde der Verlust von Sinn, die Unmöglichkeit, Zugang zu ihm zu finden, zweites Hauptthema neben den Mythen vieler Kulturen - den christlich-jüdischen, ägyptischen, orientalischen wie germanischen und nordischen.
Getragen von nahezu romantisch-poetischer Melancholie, einer von Grund auf künstlerischen Weltsicht, ist Kiefers Künstlerkosmos eine Welt gigantischer Materialschlachten: Blei, Teer, Draht, Scherben, Stroh oder Asche säumen seine Flucht aus der Gegenwart in die Geschichte zeitloser Natur, ins Reich der Pflanzen und Tiere - immer mittendrin in einer Welt der Vernichtung und des Untergangs, die für ihn erst in der Kunst ihren Sinn findet und im Übersinnlichen christlicher Mystik und jüdischer Kabbala eine eventuelle Aussöhnung mit der Absurdität menschlicher Existenz.
"Der Mensch ist eine Fehlkonstruktion" - Anselm Kiefer im Gespräch mit Volker Panzer" - exklusiv aus Paris, am Sonntag, den 24. Januar 2010 um 0.20 Uhr.
Literaturtipps:
"Über der grauschwarzen Ödnis, ein baumhoher Gedanke, greift sich den Lichtton: es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen." (Paul Celan)
Das nächste ZDF-nachtstudio kommt am 31. Januar 2010. Zum Thema "Agenda 2010 - Wie haben die Reformen unser Land verändert?" diskutiert Volker Panzer mit den Journalisten Ines Pohl (Chefredakteurin der taz), Hans-Ulrich Jörges (Mitglied der Chefredaktion des Stern), Christoph Keese (Konzerngeschäftsführer Public Affairs Gruner + Jahr) sowie Heribert Prantl (Leiter des Ressorts Innenpolitik bei der Süddeutschen).