Schon heute sind die Grenzen der finanziellen Belastbarkeit im Gesundheitswesen erreicht. Die wirklich gravierenden Auswirkungen der demographischen Entwicklung kommen aber erst noch. Und das betrifft alle Systeme staatlicher Fürsorge: die Renten-, Pflege- und Krankenversicherung. Das Forum "Gemeinschaftliches Wohnen" sieht in der Krise auch die Chance für einen Paradigmenwechsel: weg von der Versorgungs- hin zu einer Beteiligungs- und Tätigkeitsgesellschaft. Interessant an dieser Entwicklung ist, dass sie aus der Mitte der Gesellschaft heraus angestoßen wird - mit alternativen Wohnprojekten wie Senioren-WGs und organisierter Nachbarschaftshilfe.
Ab Samstag, 27. Juni 2009 um 18.45 und 4.00 Uhr. Weitere Sendezeiten entnehmen Sie bitte dem Programm des ZDFdokukanals.
Es gibt kaum eine gesellschaftliche Entwicklung, die so dynamisch ist wie Senioren-WGs. Immer mehr ältere Menschen machen sich auf die Suche nach alternativen Wohnformen. Der Dachverband "Gemeinschaftliches Wohnen", der die wichtigste Anlaufstelle für Interessenten ist, registrierte 2007 weit über 10.000 Anfragen für Alters-Wohnprojekte, 2002 waren es lediglich 2000.
"Gemeinsam statt einsam" war der erste Gedanke von Brigitte Stender, als sie sich vor über zehn Jahren eine Senioren-WG suchte. Der zweite Gedanke war: "Bloß nicht ins Pflegeheim." Sie wusste, wovon sie sprach: Sie hat jahrelang in Berlin ein Pflegeheim geleitet. Heute - im Jahr 2007 - lebt Brigitte Stender mit 17 anderen Hausbewohnern in einer Senioren-WG in Hannover-Kronsberg. Jeden Morgen läutet sie bei ihrer direkten Nachbarin Hannelore Schaumann. Und das hat jenseits von Klatsch und Tratsch einen tieferen Sinn: "Wir wollen sehen, ob wir die Nacht gut überlebt haben, ob es uns gut geht, ob wir den Tag genießen können. Das sind Dinge, die wir abfragen. Das ist in unserer Konzeption festgelegt, dass man gewisse Sicherheitsvorkehrungen eingezogen hat und wir schauen, wie es dem Einzelnen geht."
Und die WG hat auch erste Bewährungsproben hinter sich. Kurz nach ihrem Einzug vor fünf Jahren hat eine Mitbewohnerin einen schweren Schlaganfall erlitten - ganz klar ein Fall fürs Pflegeheim. Gegen den Willen der Ärzte holte die Senioren-WG ihre Mitbewohnerin Christa Lowak allerdings wieder nach Hause. Jeden Tag trainierten sie mit ihr, heute kann sich Christa Lowak wieder selbstständig versorgen: "Anfangs war es ja wesentlich schwieriger. Dann hat man mich sehr gut betreut hier - mit allem. Die haben mich einfach wieder so ein bisschen reingeschubst in den Alltag. Wenn die Wohngemeinschaft nicht gewesen wäre, wäre ich im Heim gelandet." Eine solche Erfahrung hat die Hausgemeinschaft näher zusammengebracht und die Senioren-WG an Gemeinschaftssinn und Selbstbewusstsein gestärkt.
2007: Zwei Gemeinschaftliche Wohnprojekte in Deutschland. Damals berichtete der ZDFdokukanal über die Entwicklung rund um die "Alten-WG".
2009: Der ZDFdokukanal besucht erneut die beiden Wohnprojekte in Hannover und Celle. Was hat sich die letzten zwei Jahre getan, wie fühlen sich die Senionen in dieser Form des neuen gemeinschaftlichen Wohnens.
Ein ähnliches Wohnmodell soll in Celle gegründet werden. Eigentlich wollten die zwölf Frauen gar keine reine Frauen-WG gründen, aber bislang hat sich einfach kein männlicher Interessent blicken lassen. Nun suchen sie ein Haus, in das sie gemeinsam einziehen können. Im Gegensatz zu vielen anderen Gruppen kommen sie mit ihren Plänen sehr schnell voran. Das liegt vor allem daran, dass sie sich eine Expertin für die Entwicklung solcher Wohnprojekte geholt haben.

Doris Tjaden-Jöhren ist Supervisorin und lebt selbst in einer Wohngemeinschaft. Mit ihrer Hilfe steht die Gruppe nach nur sieben Monaten vor der konkreten Umsetzung ihrer Pläne. Doch eine Frage bleibt: Wo sind die Männer? Doris Tjaden-Jöhren weiß eine Antwort: "Frauen sind irgendwie aktiver oder vielleicht auch aufgrund ihrer Lebensgeschichte sehr flexibel, sich auf so etwas einzulassen. Und es ist vielleicht auch etwas, was sie von ihrer Lebensgeschichte her kennen: Beruf, Familie immer irgendwie managen, mehrere Dinge zur gleichen Zeit unter einen Hut zu bringen."
Margret Thil, eine der zwölf Frauen, beschreibt, was sie bewegt, nach neuen Wohnformen zu suchen: "Für mich ist das auf jeden Fall sehr attraktiv, weil ich nicht gern allein bin. Ich muss zwar etwas haben, wo ich mich wieder zurückziehen kann. Aber ich war immer in großer Gemeinschaft, beruflich. Und das vermisse ich seit einigen Jahren, seitdem ich allein bin." Von der Wohnungsbaugenossenschaft in Celle ist den Frauen nun ein Haus angeboten worden.
Überhaupt sind für alternative Wohnprojekte für ältere Menschen auch die Wohnungsbaugesellschaften gefragt. Wer über 60 Jahre alt ist und seit über 20 Jahren in seiner Wohnung lebt, will in der Regel nicht mehr umziehen. Der Bauverein Leer hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Wunsch zu erfüllen. 1600 Wohnungen besitzt die Genossenschaft in der ostfriesischen Kleinstadt. Über 40 Prozent der Mieter sind älter als 60. Sie wurden gefragt, was sie brauchen, um in ihrer Wohnung gut alt zu werden. Schnell waren die Bedürfnisse klar: barrierefreies Wohnen, Gartenpflege, Haushaltshilfe. Und so strickte Vorstand Fritz Zitterich mit seinen Mitarbeiterinnen ein entsprechendes Angebot.
Seit vier Jahren ermöglicht Jessica Gossling beispielsweise der 90-jährigen Marie-Luise Kortlepel, eigenständig zu bleiben. Jessica Gossling ist Mutter von vier Töchtern und weit mehr als eine Haushaltshilfe. Der Bauverein hat in sie investiert, ihr einen Pflegekurs bezahlt und hat sich zum Ziel gesetzt, genau dieses Miteinander seiner Mieter zu fördern. Die Resonanz ist gewaltig: "Das Wohlgefühl der Menschen in dem Stadtteil hat sich total verändert. Sie fühlen sich in ihrer Nachbarschaft geborgen. Es haben sich traumhafte Bekanntschaften entwickelt", erklärt Fritz Zitterich vom Bauverein Leer.
Heute bringt der Bauverein freiwillige Nachbarschaftshelfer mit hilfsbedürftigen Nachbarn zusammen. Für ein geringes Honorar werden Dienstleistungen, die alte Menschen brauchen, erbracht. Und so kommen pro Jahr über 10.000 Stunden zusammen, in denen Nachbarn ihren Nachbarn helfen, zum Beispiel beim Gemeinschaftskochen jeden Donnerstag im Nachbarschaftstreff. "Wir haben aus diesen älteren Personen wiederum sehr viele Helferinnen und Helfer gewinnen können, die ebenfalls Aufgaben bekommen haben, die sich einbringen können und wieder was zurückgeben können", zieht Zitterich Bilanz.
Unterm Strich heißt das: Die Menschen leben viel bewusster miteinander und die Zufriedenheit mit der Wohnsituation im Bauverein liegt bei fast 100 Prozent. Das könnte zum Modell werden für den viel beschworenen Paradigmenwechsel von der gewohnten Versorgungs- zu einer neuen Beteiligungs- und Tätigkeitsgesellschaft.