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12. Februar 2012
 

Abenteuer Wissen

 
Gräberfeld am Stadtrand von Jerusalem.

Abenteuer Wissen spezial

Was wissen wir vom Grab Jesu?

Interview mit Prof. Jürgen Zangenberg

Jürgen Zangenberg ist Professor für Neues Testament an der Universität Leiden / Niederlande und biblischer Archäologe. Er beantwortet Fragen zum Streitfall Jesus-Grab und kommt auch als wissenschaftlicher Experte in der Sendung zu Wort.

 
 
 
Prof. Jürgen Zangenberg, Universität Leiden / Niederlande.
Prof. Jürgen Zangenberg

Bei allen Kontroversen um Tabors Hypothese und bei allen Schwächen, die sie zweifellos hat, führt uns der Fund von Talpiyot in eine faszinierende Welt zurück und nötigt uns, nicht darin nachzulassen, diese mit wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit zu erforschen.

ZDFonline: Woher kommen unsere Informationen über das Grab Jesu?

Prof. Jürgen Zangenberg:
Wir sind über das Grab, in das Jesus von Nazareth nach seiner Kreuzigung gelegt wurde sehr gut informiert. Unsere Quellen sind literarischer und archäologischer Natur. Die vier Evangelien nach Markus 15,42-47 mit Parallelen in Matthäus und Lukas sowie mit Unterschieden dazu bei Johannes 19, 38 - 42, vermitteln uns einen recht genauen Eindruck von der Bestattung und dem Grab Jesu.

 

Die archäologischen Befunde aus der weitläufigen Nekropole Jerusalems des 1. Jh. v./n. Chr. geben uns unschätzbare Auskünfte über Begräbniskultur und Grabarchitektur des damaligen palästinischen Judentums. Sie lehren uns zum Beispiel die Besonderheiten des Begräbnisses Jesu besser verstehen. Zusätzlich gibt uns die altkirchliche Tradition aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. sowohl in Texten als auch durch einem gewaltigen Kirchenbau, die Grabes- bzw. Auferstehungskirche, einen konkreten Ort für die Hinrichtungs- bzw. Begräbnisstätte Jesu im Gefüge Jerusalems an.

Grablegung zur Zeit Jesu.
Grablegung zur Zeit Jesu

ZDFonline: Wie zuverlässig sind diese Quellen?
Prof. Jürgen Zangenberg: Sofern Gräber sorgfältig ergraben und publiziert sind, liefern sie unschätzbare und durch Texte oft nicht greifbare Informationen zu Trauerriten, Bestattungspraktiken und Grabarchitektur. Direkte Hinweise auf Jesus von Nazareth sind dabei aber nicht gefunden worden. Die wenigen Einzelheiten zum Grab Jesu, über die die Evangelien berichten, passen nahtlos in den Rahmen dessen, was die Archäologie uns über Kammergräber lehrt. Leider erfahren wir keine weiteren Details, etwa zu Größe, Vorhandensein weiterer Kammern, Nischen, Stollen, Verzierung der Fassade o.ä., da die Texte bzw. ihre Quellen allein an dem interessiert waren, was unmittelbar mit der Grablegung Jesu zu tun hatte. Je mehr solcher Details wir aber kennten, desto eher wäre es zumindest theoretisch möglich, das Grab Jesu einmal identifizieren zu können.

Zitat

„Auch dass Tote in Tücher gewickelt und gesalbt wurden, ist archäologisch gut belegt. “

Zufällige Entdeckungen können zudem jederzeit wichtige Einzelheiten in den neutestamentlichen Grabberichten klären: So hat zum Beispiel der Fund eines gekreuzigten Mannes aus einem Grab im Jerusalemer Stadtteil Givat Ha-Mivtar eindeutig bewiesen, dass Hingerichtete durchaus in die Obhut ihrer Familie zurückgegeben und ordentlich bestattet werden konnten, wie dies auch von Jesus berichtet wird. Auch dass Tote in Tücher gewickelt und gesalbt wurden, ist archäologisch gut belegt.

Zitat

„Erst der Kaisermutter Helena, so berichtet die bei Eusebius und anderen aufgezeichnete Legende, wurde der Ort des wahren Kreuzes Jesu durch einen Traum offenbart, worauf sie graben und nach tatsächlicher Auffindung des Kreuzes eine Kirche errichten ließ. Ein Nachfolgebau dieser Kirche steht noch heute an derselben Stelle. “

Die Zuverlässigkeit der altkirchlichen Tradition über den präzisen Ort von Golgotha ist ein eigenes Problem. Zwar wird der Ort in den Evangelien genannt, doch ist die Erinnerung daran, wo man diesen Ort genau finden kann, durch tiefgreifende historische und bauliche Veränderungen in Jerusalem (Aufstände, Wiederaufbau) verloren gegangen.

Aufgrund komplizierter historischer und archäologischer Überlegungen halte ich das Areal der heutigen Grabeskirche für den derzeit besten "Kandidaten" für die Gegend, in der Jesus gekreuzigt und begraben wurde, wenn auch die tatsächliche Hinrichtungsstätte und das tatsächliche Grab längst verschwunden sind. Dies schmälert freilich den Wert der Grabeskirche als Ort der Andacht und Erinnerung in keinem Fall.

ZDFonline: Kann es nicht doch sein, dass man das Grab Jesu eines Tages findet?

Prof. Jürgen Zangenberg:
Keinesfalls sollte man von vornherein ausschließen, dass man eines Tages ein Grab findet, das nach gründlicher Prüfung aller Quellen, die wir haben, gute Aussichten hat, als dasjenige angesehen zu werden, in das Jesus gelegt wurde. Dabei wird es sich aber sicher stets nur um eine mehr oder minder wahrscheinliche Hypothese handeln, da eine genaue Identifizierung durch Lücken in den textlichen Quellen erschwert wird und natürliche Veränderungsprozesse dafür sorgen, dass sicher nicht mehr das gesamte Inventar des Grabes die Zeit überdauert hat.

Eingang einer Grabhöhle.
Eingang zu einer Grabhöhle

Wie aber könnte das Grab aussehen? Nach unseren schriftlichen Quellen kann es sich nur um ein Kammergrab handeln, wie sie zu Hunderten im Umkreis des antiken Jerusalem gefunden wurden. Es hatte ein Schlupfloch, das mit einem Stein verschlossen werden konnte, und im Inneren eine Kammer mit mindestens einer Steinbank zum Ablegen des Leichnams. Alles andere muss hypothetisch bleiben, da unsere Quellen das Grab nicht in allen Details beschreiben. Insofern gibt es eine ganze Reihe theoretischer Kandidaten und so stellt sich die grundsätzliche Frage, ob wir genug vom Grab Jesu wissen, um es tatsächlich mit einem bestimmten Grab identifizieren zu können.

 

Wird dieses Grab dann leer sein? Vermutlich nicht, da zumindest einige Salbölfläschchen zu erwarten wären. Wird sich ein Leichnam darin befinden, der als derjenige Jesu identifiziert werden kann? Das ist in der Tat die spannendste Frage, die natürlich zu einem großen Teil auch hinter der hitzigen Debatte steht, die um Tabors Buch geführt wird. Differenzierung und genaues Hören auf die Quellen tut auch hier not. Die Evangelien stimmen darin überein, dass das Grab leer war, doch war der Grund dafür bereits zur Zeit des Matthäus umstritten (vgl. Matthäus 27, 62 - 66; 28,11 - 15). Nach jüdischer Auffassung konnte man in der Tat selbst dann von "Auferstehung" reden, wenn der prämortale, irdische Leib eines Menschen im Grab vergangen war (vgl. auch Paulus in 1 Korinther, 15,50).

Das Grab muss also nicht leer gewesen sein, um auf dem Hintergrund damals gängiger Denkmodelle an der Auferstehungsbotschaft festhalten zu können.

Freilich muss man dann auch sofort hinzufügen, dass Auferstehungsglaube und Erscheinungserfahrungen mit modernen psychologischen Mitteln nur unzureichend erklärt werden können und für damalige Menschen durchaus etwas "Objektives", Zwingendes an sich hatten und nicht platt ins Reich der Emotionen abgedrängt werden dürfen, wie das in unserer postfreudianischen Zeit so oft geschieht.

 
 
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