Wie läuft so ein Drehtag überhaupt ab? Wer könnte es besser erzählen, als einer der Hauptdarsteller der "Küstenwache". Andreas Arnstedt hat sich bereiterklärt, für ZDFonline einen Arbeitstag als Kai Norge schriftlich festzuhalten.
06.30 Uhr: Aufstehen. Ein erster verschlafener Blick auf die Dispo. Abholung in 40 Minuten. Ein zweiter Blick aus dem Fenster: Nieselregen. Nochmals die Tagesdispo in der Hand: Ich bin nur im ersten Bild dabei. Bei diesem Wetter, gar nicht so schlimm.
07.10 Uhr: Der Fahrer steht vor der Tür.
07.30 Uhr: Ankunft im Produktionsbüro. Die Episodendarsteller und die Stammschauspieler begegnen sich an diesem Morgen in der Garderobe, wobei die Gastrollen sichtlich euphorisch sind, einen Tag auf See zu erleben.
07.50 Uhr: Abfahrt zum Hafen der Bundespolizei. Das Kasernengelände wirkt in diesem Regen seltsam unbewohnt. Die Schranke öffnet sich für unser Fahrzeug fast von allein.
08.10 Uhr: Unsere Hauptdarstellerin, die "Albatros" und die "Tina", unser Versorgungsschiff, liegen noch ruhig im Hafen. Kostüm- und Maskenbildner schaffen alles Notwendige auf die "Albatros II". Der Aufnahmeleiter gibt letzte Anweisungen. Noch zehn Minuten bis zum Auslaufen. Die Darsteller verschwinden im Rumpf des Schiffes der Küstenwache, Kamera und Regie auf der "Tina". Alles läuft reibungslos - noch!
08.30 Uhr: Auslaufen der Schiffe. Eine weitere weiße Motoryacht fährt mit; auf ihr finden Kapitän Ehlers (Rüdiger Joswig) und Kai Norge (ich) das Opfer.
08.40 Uhr: Die Originalbesatzung der Küstenwache hat gerade einen realen Einsatz hinter sich, und das Filmteam wird aufgefordert, sich ruhig zu verhalten. Gerade nach dieser Ansage kommt es zu einem aufgeregten Gespräch zwischen Maskenbildner, Garderobiere und Aufnahmeleitung: Alle Räume sind besetzt (mit schlafenden "echten" Küstenwachlern). Wo sollen sich die Darsteller zwischendurch umziehen, wo soll geschminkt werden? Der Aufnahmeleiter überlegt kurz und sagt dann: "Sucht was anderes."
09.30 Uhr: Nach 50 Minuten Seefahrt geht unser Versorgungsschiff vor Anker. Die "Albatros II" und die Motoryacht werden in Position gebracht. "Drehfertig machen" lautet die Ansage, Maske und Kostüm eilen herbei, und schon sind alle bereit. Gerade als ich an Deck gehen will, hält mich der Aufnahmeleiter auf: "Andreas, wir haben dein Bild etwas nach hinten verschoben. Das Wetter...!"
10.00 Uhr: Die erste Klappe ist geschlagen. Die erste Szene im Kasten. Alles geht sehr schnell. Nun kann es nicht mehr lange dauern, bis ich mit dem Kapitän am Bug der Albatros stehe, die weiße Motoryacht im Blick, wir mit einem Schlauchboot übersetzen, den Toten finden, ich die Todesursache feststelle und wieder zurück zur Albatros kehre.
10.30 Uhr: Der Regen ist stärker geworden. Eine mächtige Brise hat sich dazu gesellt. Die Motoryacht ist nicht leicht auf Position zu halten.
10.40 Uhr: Über Funk höre ich die Ansage, dass aufgrund des schlechten Wetters die Bilder aufgesplittet werden. Wir drehen erst die Szenen auf der Albatros ab. Meine Überfahrt zur weißen Motoryacht wurde noch weiter nach hinten verlegt. Ich gehe in die Messe, trinke einen Kaffee und warte.
12.30 Uhr: Unser Versorgungsschiff hat an der "Albatros II" angelegt. Mittagspause. Das Team steht um die geöffneten Töpfe herum, und erste Kommentare fallen über das Essen. Die Meinungen darüber gehen täglich auseinander. Heute schneiden die Rouladen eher nicht so gut ab.
13.00 Uhr: Mittagspause: Ende. Der Regisseur, der eigentlich als Frohnatur bekannt ist, betrachtet Drehbuch, Disposition und Wetter mit eisigem Schweigen. Der Aufnahmeleiter nähert sich ihm vorsichtig, um ihm mitzuteilen, dass die "Albatros" nur noch eine Stunde zur Verfügung steht, um dann planmäßig in den Hafen nach Neustadt zurück zu fahren.
13.10 Uhr: Der Regisseur teilt mir mit, dass meine Einstellung auf der "Albatros II" gestrichen sei, da es Szenen mit höherer Priorität gäbe. Außerdem sei der Schnitt effektvoller, wenn Kapitän Ehlers und Kai Norge direkt mit dem Schlauchboot ankämen.
14.30 Uhr: Tatsächlich hat der Regen aufgehört, die wichtigen Szenen auf der "Albatros II" sind abgedreht, ich stehe neben dem Kapitän im Schlauchboot, die Klappe wird geschlagen, und in überirdischer Geschwindigkeit nähern wir uns der weißen Motoryacht. Wir steigen über, und die Einstellung ist gestorben.
14.35 Uhr: Doch nicht! Die Anfahrt muss wiederholt werden, der Kameramann ist sich nicht sicher, ob vielleicht ein Zipfel Land zu sehen war (Das würde die Illusion der offenen, weiten See auch beim gutmütigsten Zuschauer zerstören.). Die Szene wird insgesamt noch drei Mal wiederholt, da das Übersteigen aufgrund des erhöhten Wellenganges einfach nicht mehr gelingen will.
15.20 Uhr: Blutspuren weisen den Weg zum Opfer, das direkt neben dem Steuerrad platziert wurde. Die Probe beginnt, und während ich mich mit meinen ersten Sätzen dem vermeintlichen Opfer nähere, bricht der Regisseur die Probe ab. Er erklärt, dass die Szene mehr Tempo brauche und dass er aus diesem Grund spontan zwei Drittel meines Textes in diesem Moment gekürzt habe.
15.40 Uhr: Kamera läuft. Ton läuft. "Und bitte", brüllt der Regisseur gegen die Wellen an. Mein Part: Ich nähere mich dem Opfer und alles, was von meinem Text geblieben ist, lautet: "Todesursache ist vermutlich ein Schlag auf den Kopf mit einem stumpfen Gegenstand. Den Rest klärt die KTU."
16.50 Uhr: Die Szene ist in all ihren Einstellungen beendet. Plötzlich gibt der Tonmann zu bedenken, dass mein Satz: "Den Rest klärt die KTU.", nicht ganz zu verstehen sein könne, da die Wellen in diesem Moment besonders laut waren. Ich spreche also beide Sätze ohne jegliches Spiel mehrmals ins Mikrofon.
18.00 Uhr: Pünktlich Drehschluss. Wir erreichen den Hafen von Neustadt. Der Regisseur ist zufrieden, der Aufnahmeleiter ist zufrieden, alle sind zufrieden. Irgendjemand lobt sogar das Mittagessen. Ich verlasse als einer der Letzten die "Tina". Die Tagesdispositionen für den nächsten Tag werden verteilt, der Fahrer steht schon bereit und bringt uns nach Hause.
18.40: Drehschluss. An der Kasse eines Supermarktes in der Nähe meiner Wohnung verwickelt mich ein älterer Herr in einen kurzen Dialog. Er fragt mich, ob ich nicht der Schauspieler aus der "Küstenwache" sei. Mein Name fällt ihm gerade nicht ein. "Ja, da spiele ich mit", antworte ich ihm. "Wissen Sie, meine Frau und ich mögen ganz besonders den Kapitän Ehlers. Ein toller Mann. Bitte grüßen Sie ihn von uns." Ich sage es ihm zu und gehe.
19.00 Uhr: Zu Hause. Blick in die Dispo. Mein Name steht in fast allen Szenen. Und während ich versuche, den Text in den Kopf zu kriegen, verschwindet der heutige Tag auf See ganz langsam, und ich freue mich auf morgen: Im Studio!