Die am 13. Oktober 1862 in der Nähe von London geborene Mary Henrietta Kingsley wächst wohlbehütet im viktorianischen England auf. Ihr Vater Dr. George Kingsley ist Arzt, Teilzeit-Völkerkundler und Reiseschriftsteller. Seine Bücher und seine Leidenschaft fürs Reisen beeindrucken Mary seit ihrer Kindheit.
Als Leibarzt wohlhabender Adeliger bereist George Kingsley die Welt. Den Großteil von Marys Kindheit verbringt er in Übersee, weit weg von seiner Familie. Mit dem Earl of Pembroke reist er drei Jahre am Stück durch die Südsee. Marys Mutter bleibt zuhause, wird aber immer kränker. Sie ist über Jahre auf Marys Pflege angewiesen. Mary versorgt auch ihren Bruder Charles. Sie hat beklagt später, dass die Investitionen in ihre Ausbildung sich auf einen Deutschkurs beschränkten, um ihrem Vater mit Übersetzungen zu assistieren, während 2000 Pfund in die Ausbildung ihres Bruders gesteckt wurden.

Als ihr Vater 1892 stirbt und auch wenige Wochen später ihre Mutter, erklärt Mary ein Jahr später dem Hausarzt der Familie, sie werde das Lebenswerk ihres Vaters vollenden. Mit einer Reise nach Westafrika und ohne männliche Begleitung - 1893 ein Skandal. Der Hausarzt warnt Kingsley vor der Reise zum "Grab des weißen Mannes". Malaria, Typhus und alle möglichen Fieberkrankheiten machen die Gegend zum tödlichsten Fleck auf Erden. "Wenn Sie sich dazu entschlossen haben, Afrika zu bereisen, ist es das Allerbeste, stattdessen nach Schottland zu gehen. Falls Sie nicht klug genug sein sollten, diesen Rat zu befolgen, dann nehmen Sie zwei Wochen lang täglich vier Chinintabletten und meiden Sie tiefes Gewässer. Und halten Sie sich von direkter Sonneneinstrahlung fern."
"Man hatte Mary sehr klar gesagt, dass die meisten, die so hinfahren wie sie, im Holzsarg zurückkommen - wenn überhaupt. Sie wusste, dass Westafrika anstrengend und gefährlich in verschiedenster Hinsicht wird. Und sie hatte mit dem Leben abgeschlossen. Das schreibt sie auch. Ich habe das immer so verstanden, dass sie mit dem bisherigen viktorianischen Leben abgeschlossen hatte."

Im Juli 1893 schreibt Mary Kingsley ihr Testament. Sie ist 30 Jahre und noch nie von zu Hause weggekommen. In der Bibliothek ihres Vaters aber - einem Leibarzt adeliger Globetrotter - hat sie die Berichte über Afrika verschlungen. Exotische Wilde sind die einzigen Freunde ihrer Kindheit. Und ein unvollendetes Buch ihres Vaters über magische Riten der Naturvölker ist die beste Ausrede für ihren unziemlichen Plan.
"Für Mary Kingsley bedeutete das viktorianische England ganz konkret, dass zu dem Zeitpunkt, als ihre Eltern gestorben sind, sie mit 30 Jahren eine kaum noch vermittelbare alte Jungfer war. Sie wäre in England in einer sehr schwierigen Lage gewesen und ganz sicher dazu verdammt, entweder Zeit ihres Lebens oder sehr lange allein zu sein. Und vielleicht einen Beruf als Gouvernante in irgendeinem reichen Haushalt zu finden."

Mit nur drei Taschen, einer Foto-Ausrüstung, Sammel-Gläsern, einem Buch über Fischkunde und einer zerlesenen Ausgabe des römischen Dichters Horaz landet Mary Kingsley im August 1893 zum ersten Mal in Westafrika. Sie schickt Fotos und erste Fische nach London und finanziert ihre Reise ansonsten durch Handel mit den Einheimischen. So gewinnt sie das Vertrauen der Menschen, die sie erforschen will. Während Henry Morgan Stanley und andere Entdecker mit bewaffneten Expeditionen einfallen, setzt Mary auf ihren Fotoapparat - und Psychologie.
"Immer, wenn sie irgendwo reinplatzte, sagte sie einfach: Ich bin's nur. Das wurde zu einer Art Markenzeichen. Sie hat sich selbst eigentlich nie wichtig genommen. Deswegen wollte sie auch immer etwas Nützliches tun, um ihre Existenz zu rechtfertigen."
Manche der afrikanischen Riten bleiben auch für Mary Kingsley ein Buch mit sieben Siegeln. Sie erkennt bald, dass man ihr die magischen Fetische oft gar nicht erklären will - aus Angst vor den Verboten, die die christlichen Missionare mitgebracht haben. Doch durch den vertrauten Umgang mit den Eingeborenen lernt sie wichtige Fähigkeiten für das Überleben im afrikanischen Dschungel. Im Juni 1894 kehrt Kingsley von ihrer ersten großen Westafrika-Reise heim.

Direkt neben der Royal Albert Hall residiert die berühmteste Wissens-Gesellschaft der Welt: die Royal Geographical Society. 1830 gegründet, gab sie Geld für die legendären Expeditionen von Livingstone, Stanley, Scott und Hillary. Im Auftrag der Königlichen Geographie-Gesellschaft wurde die Welt entdeckt und vermessen. Ein Portrait von Mary Kingsley ziert heute die Ahnengalerie. Obwohl eigentlich erst ab 1913 Frauen im exklusiven Forschungs-Klub aufgenommen wurden, hielt Mary hier schon Ende des 19. Jahrhunderts Vorträge. Die legendären "Tipps" der Geographie-Gesellschaft "für Reisende" richteten sich an männliche Expeditions-Teilnehmer. Die "Tipps für reisende Ladies" waren auf harmlose Ausflüge beschränkt. Der Reiseleidenschaft ihres Vaters verdankte Mary "ihr" Exemplar für den Herren.