Mit der Ankunft der Weißen in Amerika 1492 prallen nicht nur zwei Welten aufeinander. Die Europäer verändern Natur und Leben der Neuen Welt - auch zu ihrem eigenen Profit. Schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich der wilde Kontinent Amerika in ein zweites Europa verwandelt.
Es ist der größte Kulturaustausch der Weltgeschichte - der "Columbian Exchange": Pflanzen, Tiere, Bakterien und Gene werden von und nach Amerika transportiert. Die Spanier bringen beispielsweise das Pferd mit. Auf seinem Rücken erobern sie immer weitere Teile der Neuen Welt. Schon einmal - vor 10.000 Jahren hatte es Pferde auf dem amerikanischen Kontinent gegeben. Doch die letzte Eiszeit ließ sie aussterben.

Sich selbst überlassen, verwildern die Pferde. Eine neue Rasse entsteht: der Mustang. Das Reittier aus der Alten Welt verbreitet sich in Amerika schnell. Keine 200 Jahre nach Kolumbus erreichen die Mustangs die Great Plains und die Rocky Mountains. Am Ende des 18. Jahrhunderts sind die Herden schon bis nach Kanada gelangt. Bald darauf donnern die Hufe von mehr als sieben Millionen Wildpferden über amerikanischen Boden.
Für nomadische Stämme, wie die Blackfeet, Cheyenne, Sioux und Comanche, sind diese Pferde ein Segen. Sie verändern die Lebensgewohnheiten der Indianer grundlegend. Was sie zuvor zu Fuß erledigten - das Land durchstreifen, Jagen, Kämpfen - können sie nun vom Rücken ihrer Pferde aus. So wurde dieses Mitbringsel aus der Alten Welt zum Symbol der indianischen Kultur. Und schon bald ist vergessen, dass das Pferd einst über den Atlantik kam.

Noch ein Tier verändert das Leben der Ureinwohner: das europäische Hausschwein. Auf ihren Streifzügen in unbekannte Regionen nehmen die Konquistadoren die Tiere als lebenden Reiseproviant mit. An Bord nehmen sie kaum Platz weg; auf Landzügen versorgen sie sich selbst. Sie fressen alles, auch in dem fremden Land. Und: Sie vermehren sich rasend schnell. Die Eroberer setzen sie auf Inseln aus, als ständige Quelle von Frischfleisch - für diejenigen, die nach ihnen kommen, aber auch für den Fall, dass sie selbst einmal zurückkehren
Für die Eroberer aus Europa sind die Schweine ein Segen. Doch für die Ureinwohner sind sie ein Fluch. Bald konkurrieren die Einheimischen mit diesen Tieren um Nahrung. Die Schweine fressen nicht nur die Wurzeln, die die Indianer sammeln. Sie vertilgen auch ihr wertvolles Saatgut. Nach nur wenigen Generationen sind die Hausschweine verwildert. Diese Wildschweine sind größer und aggressiver. In wenigen Jahrzehnten erobern sie die Anden, den Amazonas und den Norden Amerikas.


Die Europäer verändern den amerikanischen Kontinent noch drastischer. Sie holzen einen Großteil der Wälder ab, bringen Getreide, Apfelbaum und Kirschbaum aus Europa mit, die einheimische Pflanzen verdrängen - und die europäische Honigbiene, ein fleißiger Bestäuber.
Dabei wurden die Ureinwohner verdrängt - nicht durch Kriege, sondern durch lautlose Eroberer: die Krankheitserreger von Pocken und Pest. Auch amerikanische Seuchen kommen nach Europa: Die Syphilis wird einen Millionentribut fordern. Doch amerikanische Pflanzen werden hier das Überleben von Millionen sichern: Die südamerikanische Kartoffel ernährt Arbeiter und Proletariat, Tomaten und Paprika bereichern den Esstisch in Europa, der Truthahn das Festgericht. Die Nahrungsmittel aus der Neuen Welt werden die europäische Landwirtschaft revolutionieren und zu einer Bevölkerungsexplosion führen.

"Der geheime Kontinent" entstand unter Mitarbeit namhafter deutscher und amerikanischer Umwelthistoriker. In großartigen Naturaufnahmen und realistischen Inszenierungen beschreibt er die Natur- und Bio-Geschichte von Amerika und Europa aus der erhellenden Sicht der Ökowissenschaften.
Der geheime Kontinent
Sie kamen über das Meer (2/2)
Sonntag, 25. Juli 2010, 19.30 Uhr
Film von Cristina Trebbi
Kamera: Jörg Adams, Torbjörn Karvang, Neil Rettig
TV-Redaktion: Bernhard von Dadelsen
Online-Redaktion: Michael Büsselberg, Sonja Roy
Der erste Teil der Dokumentation "Was geschah vor Kolumbus" wird am Sonntag, 18. Juli 2010, 19.30 Uhr ausgestrahlt.