Mao mobilisierte die Massen, und von keinem anderen Diktator ließen sie sich begeisterter zur Gewalt verführen - wie historische Filmaufnahmen zeigen. Denn Mao ließ den Terror gegen seine Gegner öffentlich ausüben. Keine Geheimpolizei, sondern Massenorganisationen wie die "Roten Garden" demütigten, schlugen und mordeten in China in Maos Auftrag.
Bei Massenexzessen zur Zeit der Kulturrevolution - von Mao entfesselt - starben in China fünf Millionen Menschen. Monströs ist die Zahl der Opfer, die Mao Zedongs Herrschaft nach jüngsten Schätzungen insgesamt gefordert haben soll: 70 Millionen.
Er nannte sich "Großer Lehrer, großer Steuermann und großer Vorsitzender". Beeindruckende, pathetische Farbfilmaufnahmen aus den späten 60er Jahren zeigen ihn inmitten jubelnder chinesischer Jugendlicher - auf dem Höhepunkt seiner Macht.
Doch auch im Westen war Mao eine Ikone der Jugendbewegung. Was Maos Anhänger im Westen übersahen: Die "Mao Zedong-Ideen" beruhten auf einem System von Gehirnwäsche und Gewalt. "Revolution ist Gewalt", diesen Leitsatz aus der "Mao-Bibel", dem roten Buch mit den kanonisierten Mao-Gedanken, zitierten damals bei Massenaufmärschen Tausende junger Chinesen im Chor.
Für seinen Mythos nutzte Mao seine bäuerliche Herkunft. Der Vater war Reishändler im Dorf Shaoshan - und ein Despot in der Tradition des alten China. Früh verließ Mao sein Elternhaus, um gegen den verhassten Vater zu rebellieren, und floh in die Hauptstadt der Provinz.
Dort erhielt er die Nachricht vom Sturz der Kaiserfamilie. Um Mao herum brach eine Welt zusammen - das mehr als zweitausend Jahre währende chinesische Kaiserreich. Das zerfallende "Reich der Mitte" wurde zum Schauplatz von Bürgerkriegen, fremde Mächte behandelten China wie eine Kolonie. Der Hass gegen die Bevormundung durch Ausländer prägte den jungen Mao, machte ihn zum glühenden Nationalisten und zum Mitglied der kleinen Kommunistischen Partei.
Als Revolutionär prägte ihn vor allem eine Reise durch seine Heimatprovinz Hunan. Dort wurde er Zeuge von Bauernaufständen. Er war begeistert von der "Terroratmosphäre" - vor allem von der Brutalität der Aktionen.
"Die Bauern schlagen ihre Feinde, die sie ausgesogen und geschunden haben, nieder. Was die Bauern da tun, ist absolut richtig, ihre Handlungen sind sehr gut", schrieb er. Nicht die Arbeiter, so Maos politisches Credo, sondern die Bauern werden die Kommunisten an die Macht bringen.
Von den Dörfern aus wollte Mao die Städte, das ganze Land erobern. In einer unzugänglichen Bergregion rekrutierte er erste Bauernarmeen. Seinen kommunistischen Herrschaftsbereich verteidigte er gegen die Angriffe der nationalistischen Truppen unter Chiang Kai-shek mit der von ihm entwickelten Partisanen-Taktik.
Doch als Chiang Ende 1934 eine Großoffensive startete, mussten 90.000 Parteisoldaten die Flucht antreten, gingen auf den "Langen Marsch", verfolgt von Chiang Kai-sheks Truppen.
Der "Lange Marsch" (1934-35), die opferreiche Flucht der Kommunisten durch ganz China, wurde zu Chinas Helden- und Gründungsmythos, der - in Literatur und Film kolportiert - bis heute den Herrschaftsanspruch der Kommunistischen Partei legitimieren soll.
In unzähligen Propagandafilmen wie "Der Lange Marsch" und "Der Osten ist rot" instrumentalisierte Mao die Geschichte. Von 90.000 Rotarmisten überlebte nur jeder Zehnte den "Langen Marsch". Es war die Zeit, in der aus Mao der "Große Vorsitzende" wurde.
Ab jetzt galt nur noch eine Wahrheit: die Lehre Maos. Die Parteimitglieder mussten sich fortwährend gegenseitig überwachen und kritisieren. Gehirnwäsche machte aus den Kommunisten blind ergebene Mao-Anhänger. Wer sich nicht fügte, wurde getötet. Viele begingen Selbstmord.
Der Welt gegenüber aber präsentierte sich Mao als Widerstandskämpfer gegen Japan. Hinter den feindlichen Linien konnten Maos Partisanen in den Kriegsjahren ihre Kontrolle über riesige Gebiete aufbauen.
Im Oktober 1949 rief Mao die Volksrepublik China aus. Sein erster Auslandsbesuch als Staatschef führte Mao zum Großen Bruder Stalin. Beeindruckt vom Kult um Stalin kopierte er dessen System in China. Pausenlos hielt er sein Volk mit blutigen Kampagnen gegen "Feinde" und "Reaktionäre" in Atem. Doch nach Stalins Tod musste auch Mao Tauwetter wagen.
In der Hundert-Blumen-Kampagne versprach er 1956 den Intellektuellen Meinungsfreiheit. Schnell blühte die Kritik am chinesischen Stalinismus, am Mao-Kult. Viele sprachen zum ersten Mal offen über Missstände im Land - und mussten es bitter bereuen. Mao zerstörte das Leben von Hunderttausenden "Rechtsabweichlern". Sie verloren ihren Beruf, verschwanden zur "Umerziehung" in Arbeitslagern.
Die "Entstalinisierung" durch Stalins Nachfolger Chruschtschow betrachtete Mao als tödliche Gefahr für seine Herrschaft. Vor allem deshalb wollte er Moskaus Führungsanspruch im sozialistischen Lager abschütteln - mit Chinas "Großem Sprung nach vorn" im Jahr 1958. Quasi über Nacht wollte Mao China jetzt zur Industrienation, zur Weltmacht formen.
Er propagierte utopische Ziele: Die Stahlproduktion sollte innerhalb eines Jahres verdoppelt werden. Volkskommunen machten aus der Landbevölkerung willfährige Rädchen einer riesigen Maschinerie. Durch "Volkshochöfen" sollte jeder Bauer gleichzeitig zum Stahlarbeiter werden. Die Folge: 40 Millionen Chinesen fielen einer Hungersnot zum Opfer.
Nach diesem Desaster musste sich Mao 1961 aus den Regierungsgeschäften zurückziehen. Doch den Kampf um die Rückkehr zur Macht organisierte er vom Schwimmbad seines Regierungspalastes in Beijing aus. Der Mann, der dem Volk revolutionäre Leidensbereitschaft und Verzicht predigte, liebte den Müßiggang. Er schlief bis in die Mittagsstunden, ganze Tage verbrachte er im Bademantel.
"Wie widerwärtig Mao war, zeigt sich darin, dass er extra jemanden hatte, der ihn mit Frauen versorgte", erinnert sich Li Nanyang, die Tochter von Maos Sekretär. Sex mit jungen Mädchen - so glaubte er - könne sein Leben verlängern.
Im Sommer 1966 proklamierte Mao den Auftakt zur "Kulturrevolution". Er trat eine Massenhysterie los, die zu einer barbarischen Zerstörungswut gegen Bildung, Kultur und alles, was an Geschichte erinnerte, geriet - das Erbe tausendjähriger chinesischer Traditionen ging unwiederbringlich verloren.
Geschickt machte der Diktator dabei Chinas Jugend zu Verbündeten im Kampf gegen seine Gegner. "Rebellion ist gerechtfertigt", ließ er verkünden. Die "Roten Garden" durften ihren Hass an allen auslassen, die sie für Maos Gegner hielten. Seinen Hauptgegner, Staatspräsident Liu Shaoqi, ließ er zu Tode foltern.
Eindrücklicher als je zuvor verknüpfte Mao die Mobilisierung der Massen mit dem Terror. Er versteckte die Gewalt als Mittel der Politik keineswegs, er propagierte sie und ließ sie offen ausüben. Maos "Rote Garden" durchkämmten die Straßen auf der Jagd nach angeblichen "Klassenfeinden" und machten dabei vor den eigenen Eltern nicht Halt. Ein Klima entstand, in dem die Lynchjustiz einer missbrauchten Jugend an der Tagesordnung war.
Als der chinesische Diktator am 9. September 1976 starb, nahm er den Maoismus mit ins Grab. Bis heute versucht die Kommunistische Partei Chinas eine Aufarbeitung der Herrschaft Mao Zedongs zu unterdrücken. Mit Gewalt - dieses Vermächtnis des "Großen Vorsitzenden" ist lebendig.