Der Hamburger Hafen, die Speicherstadt, der Michel, Jungfernstieg oder Reeperbahn - wer kennt nicht die schönen Seiten der Hansestadt. Einen Stadtrundgang der anderen Art, dorthin, wo andere gerne wegschauen, bietet das Straßenmagazin Hinz&Kunzt.
Es sind minus 12 Grad. Fred Jaschner kommt trotzdem mit offener Jacke und blauer Baseballkappe zu Hinz&Kunzt, dem Straßenmagazin, das er normalerweise verkauft. Fred ist Kälte gewohnt: "Richtig kalt ist es erst, wenn ich meine Jacke zu mache." Seit 17 Jahren lebt er auf der Straße.
Gemeinsam führt er heute mit Peter Reinhardt eine Gruppe Schüler durch Hamburgs Münzviertel. Peter war sechs Jahre lang obdachlos, mittlerweile hat er wieder eine feste Bleibe. Mit ihrem ganz speziellen Rundgang wollen beide Verständnis für Menschen schaffen, die am Rande der Gesellschaft leben. Allein in Hamburg gibt es zurzeit weit über tausend Obdachlose.

Ausgangspunkt der alternativen Stadtführung ist Hinz&Kunzt. Hamburgs größtes Beschäftigungsprojekt für Wohnungslose will Hilfe zur Selbsthilfe geben. Obdachlose können hier einen geregelten Ablauf in ihr Leben bringen und wieder erlernen, Verantwortung für sich zu übernehmen. Die Stadtführung ist eines der verschiedenen Angebote des Projekts.

Eine der ersten Anlaufstellen ist der Stützpunkt, eine Einrichtung der Caritas, in der Wohnungslose aus der Innenstadt ihr Gepäck tagsüber kostenfrei einschließen lassen können. Gepäck? Obdachlose haben ihr gesamtes Hab und Gut ständig bei sich, erklärt Fred. Kleidung, Kochutensilien, Decken, Schlafsäcke, da kommen schon mal zwanzig oder dreißig Kilo zusammen, die sie sonst den ganzen Tag in Tüten und Taschen mit sich herumtragen müssten.
"Die Stadtführung gibt die Sichtweise eines Obdachlosen in der City wieder, wie er sich dort aufhält, was für Einrichtungen er aufsucht und warum diese für ihn persönlich wichtig sind", sagt Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter bei Hinz&Kunzt und Initiator des alternativen Stadtrundgangs. Die Menschen sollen allerdings nicht wie in einem Zoo vorgeführt werden. Der Rundgang führt deshalb in der Regel nicht in die Räumlichkeiten der Obdachlosen, sondern bewahrt stets einen Respektabstand.

Karrenbauer zufolge habe sich die Innenstadtarchitektur in den vergangenen Jahren verändert - ausschlaggebend dafür waren nicht nur optische Gründe, sondern eben auch die Absicht, Obdachlose aus der Öffentlichkeit zu vertreiben. "In der City tauchen plötzlich neue Parkbänke auf, die nicht mehr aus Holz und gerade, sondern aus Metall und rund gebaut sind", erzählt Peter während der Führung. Und Fred ergänzt aus eigener Erfahrung, dass die bequemen Schlafplätze vor den Ladentüren immer mehr durch Sprinkleranlagen gesichert werden: "Die Sprinkleranlage geht immer unregelmäßig an. Und wenn der Schlafsack erst mal nass ist - dann hast du kein Bett mehr für die Nacht!"
Weiter geht es zu einer Tagesaufenthaltsstätte für Wohnungslose, dem Herz As. Täglich gibt es hier ein warmes Essen, die Hamburger Tafel liefert die Lebensmittel, und ein Koch bereitet bis zu 130 Portionen pro Tag zu. Nicht nur zum Essen kommen die Menschen, wichtig ist auch, dass man sich hier duschen und seine Wäsche waschen kann.

Eine Kleiderkammer gibt es auch, zweimal pro Woche können sich Obdachlose hier mit gespendeten Klamotten neu einkleiden. Die weiten Fußwege zwischen den Stationen sind für die jugendlichen Teilnehmer des Rundgangs ungewohnt. Auch die Kälte macht ihnen zu schaffen. Minus 12 Grad sind gefühlt noch kälter, nur Fred hat seine Jacke immer noch offen und gibt zusammen mit seinem Kollegen Peter die Marschrichtung vor.

In einer gewissen Entfernung steht die Gruppe nun vor dem Drob Inn, einer Drogeneinrichtung und Beratungsstelle mit integrierten Drogenkonsumräumen. Peter sorgt für einen sicheren Abstand, da Junkies sehr unangenehm reagieren können, wenn sie sich beobachtet fühlen. Das Thema Drogensucht spielt in der Obdachlosen-Szene eine große Rolle. Peter war bis vor neun Jahren selbst rauschgiftsüchtig gewesen: "Wir haben uns früher eine Spritze mit fünf Mann geteilt", erzählt er. In Zeiten von Aids ist es schon ein Fortschritt, wenn die Junkies im Drob Inn saubere Spritzen und medizinische Hilfe erhalten können.
Nach zwei Stunden auf Hamburgs Straßen endet der Stadtrundgang. Die Teilnehmer spüren ihre Füße und freuen sich auf einen warmen Platz, an dem sie sich ausruhen können. Für Peter und Fred geht das Leben auf der Straße weiter. Aber sie sind stolz darauf, anderen Menschen ihre Welt zeigen zu können und vielleicht sogar Verständnis für die Sorgen und Nöte der Obdachlosen geweckt zu haben.
Hinz&Kunzt erscheint seit 16 Jahren einmal im Monat. Geschrieben und gestaltet wird das Straßenmagazin von professionellen Journalisten, Fotografen und Grafikern. Neben Sozialreportagen finden sich im Magazin zum Beispiel Hamburg-Geschichten, Veranstaltungstipps, Kulturelles und Verkäufer-Porträts.
Immer wieder werden Themen von Verkäufern und Journalisten gemeinsam erarbeitet. Erhältlich ist das Magazin bei den 400 Verkäufern im gesamten Stadtgebiet und im Hamburger Umland. Hinz&Kunzt erschien im Jahr 2008 mit durchschnittlich 57.000 Exemplaren und ist damit das auflagenstärkste unter den mehr als 40 Straßenmagazinen in Deutschland.