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Windstärke 9 - Höllenritt der Hochseefischer

 
Autorin Birgit Tanner im Fischraum.
Birgit Tanner im Fischraum

Making-of

Allein unter Männern

Als Reporterin unterwegs mit Seeleuten

von Autorin Birgit Tanner

Es mag Leute geben, die es nicht sonderlich anstößig finden, wenn sich Frauen auf Schiffen aufhalten. Warum auch. Schließlich arbeiten genügend Frauen als Kadetten auf Marineschiffen und selbst auf der königlichen Fregatte "Royal Luise" ist neuerdings die Namensgeberin Königin Luise von Preußen ständiges Besatzungsmitglied. Zugegeben in Form einer gegossenen Büste, aber immerhin.

 
 
 

Frauen auf Fischkuttern dagegen sind für moderne Fischer wahrlich exotische Geschöpfe. Dahinter steckt nicht, dass Seemänner Frauen grundsätzlich nicht mögen. Ganz im Gegenteil. Nichts ist ihnen lieber. Nur an Land müssen sie sein, das ist die einzige Bedingung. Grund ist ein vermutlich schon Jahrhunderte alter Aberglauben. "Frauen an Bord bringen Unglück." Und das ist nur die harmlose Variante. Alte Seefahrersprüche deuten darauf hin, dass Frauen weiterhin Krankheit und Seenot an Bord bringen, ja sogar Totschlag und Mord. Man möchte meinen, dass es sich dabei um dummes Geschwätz von gestern handelt. Doch das ist ein Irrtum. Auch im Jahr 2010 rüttelt niemand an diesen alten Seemannsweisheiten, zumindest nicht in der modernen Fischerei. Frauen gehören nicht an Bord und eine "Fischerin" soll und darf es nicht geben. Die Argumente: Zu schwer sei die körperliche Arbeit und überhaupt brächten Frauen sowieso nur alles durcheinander.

 

Man lernt nie aus

Nichts desto trotz habe ich mich, todesmutig wie ich bin, in diese Männerdomäne gewagt und mich 20 Drehtage auf eine abenteuerliche Reise mit sechs Fischern und einem Kameramann begeben. Ich hatte ja weiß Gott nicht vor, den Beruf zu erlernen. Insofern hatte ich als Fernsehfrau bei den Fischern ganz gute Karten. Dachte ich zumindest, denn kaum an Bord, steht man als Frau, die zwar eigentlich Unglück bringt und auf einem Fischkutter rein gar nichts zu suchen hat, doch permanent im Mittelpunkt.

Interessant, wie die Seeleute sprachlich ungeheuer kreativ waren - in Punkto Frauenwitzen. Natürlich brachten sie alle Zoten auf den Tisch, die sowieso landläufig bekannt sind und keine halbwegs lockere Frau noch hinter dem Ofen hervor locken kann. Jene Klassiker also, die seit 20 Jahren im Umlauf sind. Umso erstaunter war ich, dass ich Anspielungen hören durfte, von denen ich nicht im Traum daran gedacht hätte, dass es sie gibt. Und heute kann ich - nicht ganz ohne Stolz - behaupten, dass ich auf eine erstaunlich charmante Weise eine Menge von den Seeleuten in Punkto Frauen lernen konnte. Wer hätte das gedacht.

 

Stürmische Flirts

Doch bei harmlosen Sprüchen blieb es natürlich nicht. Auf Worte folgen schließlich immer Taten und so wurde ich nicht nur ein Mal Augen zwinkernd aufgefordert, mit dem ein oder anderen Matrosen eine heiße Dusche in trauter Zweisamkeit zu genießen. Selbstverständlich ganz ohne Publikum, wie mir schelmisch zugesichert wurde. Solch überaus verlockenden Angeboten konnte ich zugegebenermaßen nur sehr schwer widerstehen. Aber aufgrund meines ausgeprägten Willens gelang es mir rückblickend doch sehr gut, diese Angeboten abzulehnen. Um ehrlich zu sein: Es fiel mir keine Sekunde schwer.

 
Pause nach stundenlanger harter Arbeit. Die Crew der Seewolf hat sie sich verdient. Quelle: André Götzmann
André Götzmann
Im Dauerflirt mit der Kamera: Die charmante Crew der "Seewolf"
 

Komisch fand ich hingegen, als ein Matrose an einem regnerischen Tag mir mit verschmitzt funkelnden Augen gegenüberstand. Ich konnte zunächst nicht viel mit dem Gesichtsausdruck anfangen, doch bald rückte er mit der Sprache heraus. Ich sähe in der Ölkleidung einfach zum anbeißen aus, lachte er. Ich selbst fand mich in der quietsch-orange-blauen Gummijacke und der dazu passenden Hose in Zeltgröße weniger ansprechend. Ich fand sogar, dass ich mindestens aussehe wie ein Tele-Tubbie im Erwachsenenalter. Aber Fischer scheinen doch einen ganz anderen Geschmack zu haben als Männer auf dem Land.

 

Aberglaube obsiegt

Aber ganz ehrlich: Wenn man weiß, wie man die Seeleute zu nehmen hat und ihnen jederzeit kontern kann, hat man als Frau doch recht leichtes Spiel auf dem Schiff. Nur eines wird man nicht los: Den Aberglauben. Der steckt einfach in jedem Seemann zu tief drin. Kaum verschwand der Fisch vom Sonar, war ich daran Schuld.

Angebote meinerseits, selbst in die Tiefen zu tauchen, dort nach Seelachs zu suchen, um das Unglück wieder abzuwenden, wurden aber dann doch dankend abgelehnt. Insofern kam ich wieder unversehrt von 20 Tagen Dreh auf See allein unter Männern zurück. Doch eines frage ich mich persönlich heute noch: Wenn Frauen an Bord Unglück bringen, warum haben dann so viele Schiffe weibliche Namen? Auf diese Frage hatte leider keiner der Seeleute eine Antwort parat.

 
 
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