Gert Scobel moderiert jeden zweiten Sonntag ab 9.02 Uhr das aktuelle Magazin "sonntags - TV fürs Leben". Im Interview spricht der Moderator über Religion und Kultur, das neue Magazin und sein Verhältnis zum Sonntag
ZDF: Was verbinden Sie persönlich mit dem Sonntag?
Gert Scobel: Der Sonntag ist eine Gelegenheit, mit mehr Ruhe als sonst das Leben zu genießen und zu betrachten, also Dingen und Tätigkeiten nachzugehen, die während der Arbeitswoche zu kurz kommen. Sonntags bedeutet: Mehr Zeit mit der Familie und mit Freunden und schlicht Muße - die im Idealfall neue Energie und zuweilen auch auf neue Gedanken bringt.
ZDF: Was reizt Sie an der Moderation von "sonntags"?
Gert Scobel: Religion, das ist die landläufige Meinung, ist im Wesentlichen ein Bestandteil unserer abendländischen Kultur und, sozusagen als Vorstufe, auch unserer "nachchristlichen" Gesellschaft. Das klingt gut - doch ich habe inzwischen zunehmend Zweifel daran, ob sich Religion tatsächlich 1:1 auflöst in Kultur, Gesellschaft und ein wenig Ethik. Könnte es nicht sein, dass es doch etwas gibt, das nur der Religion eigen ist und das dennoch für die Gesellschaft als Ganze und für den Einzelnen Bedeutung hat?
Wie also steht es um die christliche Tradition? Natürlich steckt sie, wie die Geistes- und Kulturwissenschaften überhaupt, in einer permanenten Legitimationskrise. Seltsamerweise scheint das so genannte Orientierungswissen umso unsicherer, subjektiver und damit willkürlicher zu werden, je mehr Wissen, je mehr Information uns zur Verfügung steht. Dabei gelingt es uns ohne Orientierungswissen weder die Vielzahl der Informationen zu verarbeiten noch sie überhaupt sinnvoll in die Gesellschaft zu integrieren.
Mein Interesse an "sonntags" ist daher vor allem auch ein Interesse an den Möglichkeiten heutiger "Orientierungswissenschaft", auch wenn sich diese aus gutem Grund nicht mehr religiöser Sprache bedient. Kurz gesagt: Es sind die Probleme und Aufgaben einer zeitgemäßen "Orientierungswissenschaft", die mich an der Moderation von "sonntags" interessieren. Denn klar ist, dass diese Sendung zu moderieren nicht nur bedeuten kann, Filme "anzusagen" und Themen zu präsentieren, sondern auch die dahinter liegenden Probleme und Fragestellungen zu verstehen, sichtbar zu machen und zu zeigen, in welcher Richtung Lösungen heute überhaupt möglich sind.
ZDF: Was könnte für Sie "TV fürs Leben" sein?
Gert Scobel: Eine der Grundmaximen meiner Arbeit beim Fernsehen lautet: Fernsehen ist nicht das Leben. Insofern sollte Fernsehen in beiden Formen - also weder das passive, das Fern-Sehen im eigentlichen Sinn, noch das aktive, also das Fernsehenmachen und -gestalten - wirklich einfach mit Leben verwechselt werden. Das zu erkennen und damit aber im Fernsehen auf das Leben zurück zuverweisen, könnte die paradoxe Bedeutung von "TV fürs Leben" sein. "TV fürs Leben" wäre dann eine Fernsehsendung, die Menschen, die fernsehen, hilft, sich wieder vom Fernsehen zu lösen und ihrem Leben mit neuer Energie und neuen Gedanken zuzuwenden.