37º
Nicht ohne meine Mutter
Adoptivkinder auf Spurensuche
Anneli (23) wurde als Baby in Korea ausgesetzt und im Alter von vier Monaten von einem deutschen Ehepaar adoptiert. Sie lebt in Stuttgart und arbeitet als Assistentin der PR-Leitung bei Bosch. Vor drei Jahren fuhr sie erstmals in ihr Geburtsland Südkorea. Obwohl Anneli eine glückliche Kindheit hatte und ihre Adoptiveltern liebt, wollte sie wissen, wo ihre Wurzeln liegen. Dabei hat sie weniger die Frage "warum bin ich weggegeben worden?" interessiert als äußere Dinge. Sie wollte unbedingt wissen, wem sie ähnlich sieht. Über einen Aufruf im koreanischen Fernsehen kam es zur ersten Begegnung mit ihren leiblichen Eltern. Und Anneli erfährt endlich alles über ihre schier unglaubliche Geschichte. Heute, fast drei Jahre später, besucht Annelis leibliche Familie sie erstmals in Deutschland. Vater, Mutter und zwei Schwestern wollen sehen, wo und wie Anneli aufgewachsen ist.
Für ihre koreanische Mutter ist es der letzte große Wunsch, denn sie ist schwer an Krebs erkrankt und wird Anneli, die sie ja gerade erst kennen gelernt hat, wahrscheinlich zum letzten Mal sehen. Adoptivfamilie und koreanische Familie verbringen eine intensive und bewegende Woche. Gemeinsam spüren sie noch einmal die Stationen aus Annelis Kindheit auf. Durch den offenen und herzlichen Umgang der Adoptiveltern mit den leiblichen Eltern entsteht in der neuen Großfamilie eine harmonische und innige Atmosphäre, die aber auch immer wieder von Zweifeln, Schuldgefühlen und Trauer der Koreaner geprägt ist. Offen gesteht die leibliche Mutter vor der Kamera, das sie sich manchmal wünscht, Anneli würde in Korea leben. Für Anneli unvorstellbar, so sehr sie ihre neue Familie mittlerweile ins Herz geschlossen hat. Sie fühlt sich durch und durch deutsch. Dass sie Koreanerin ist, sagt sie, wird ihr nur von außen vermittelt. In Korea zu leben erscheint ihr unmöglich. Zu groß sind die kulturellen Unterschiede.
Eine ganz andere Geschichte als Anneli hat Felix (25). Im Alter von zwei Monaten wurde er aus Indien adoptiert. Seine deutsche Adoptivmutter hat ihn liebevoll aufgenommen und ihn gefördert, wo immer sie konnte. Ein Geheimnis wurde nie aus seiner Geschichte gemacht. Wie auch, denn auf seine Hautfarbe wird er oft genug angesprochen. Mit ausländerfeindlichen Bemerkungen ist Felix groß geworden. Bis heute spürt er immer wieder Ablehnung. Mehrmals im Monat kommt er in Personenkontrollen und in die Disco wird er wegen seiner Hautfarbe oft nicht hineingelassen.
Seit Jahren spürt Felix eine innere Unruhe, die keine richtige Zufriedenheit aufkommen lässt. Der Gedanke an die leibliche Mutter, von der er nichts weiß, lässt ihn nicht los. Er kennt das schon von früher: Als er mit 14 vor dem Spiegel stand und sich fragte, wie wohl Mutter und Vater aussehen, als er nicht länger dankbar sein wollte und dauernd Konflikte mit der Adoptivmutter provozierte. "Ich habe mich immer halb indisch gefühlt", sagt er und benennt damit das Gefühl, das die meisten Adoptivkinder teilen. Erst heute ist Felix innerlich bereit nach Indien zu reisen: "Ich wollte eigentlich schon früher, aber ich hatte Angst, dort zu bleiben." Die Adoptivmutter versteht ihn, ist aber auch sehr besorgt. Wird sie ihren Sohn verlieren? Was ist, wenn er dort bleiben will? Felix nimmt allen Mut zusammen und fährt nach Indien, um seine Mutter zu suchen. Er hat nur den Namen des Waisenhauses, in dem er adoptiert wurde. Die spannendste Reise seines Lebens beginnt.
Die Autorin, selbst Adoptivmutter, begleitet für 37º die beiden Protagonisten auf ihren unterschiedlichen Wegen. In einem Punkt sind sich Anneli und Felix einig. Sie sind heute beide gegen Auslandsadoption.