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Zeitgeschichte

 
 Quelle: dpa
SA-Chef Ernst Röhm

Der Machtkampf

"Nacht der langen Messer"

Der Aufstieg der SS begann mit einer beispiellosen Mordaktion: Im Sommer 1934 töteten SS-Kommandos die Führer der SA.

 
 
 
 

Gerüchte über einen angeblichen Putsch der SA und gezielt gestreute Indiskretionen über Homosexualität lieferten den Vorwand für eine "deutsche Bartholomäusnacht": Am 30. Juni 1934 töteten Kommandos der SS im Auftrag Hitlers die Führer der rivalisierenden Partei-Organisation, der SA ("Sturmabteilung").

Zitat

„Das waren die übelsten, nutzlosen Nichtstuer, gestran-dete Existenzen, die dort Betätigung fanden.“

Otto Gritschneder, damals Student in München, über die SA

Doch nicht nur mit Parteirivalen wurden alte Rechnungen beglichen. In einer bis dahin nie gekannten Terrorwelle starben etwa hundert Menschen - darunter Politiker der konservativen Opposition wie Kurt von Schleicher oder Hitlers alter Weggefährte Gregor Strasser.

In dieser "Nacht der langen Messer" begann der Aufstieg der SS zum gefährlichsten Machtinstrument der braunen Diktatur. Innerhalb weniger Jahre wucherte die "Schutzstaffel" von der persönlichen Leibwache Hitlers zu einem monströsen Terrorapparat, der Staat und Partei durchdrang.

 

Infobox

Die SA

Im Juni 1921 verlangte Hitler als neuer Vorsitzender der NSDAP eine zunächst als Saalschutz verwendbare Schlägertruppe. Ernst Röhm, Ex-Freikorpskämpfer und Weltkriegsveteran, und seine Vertrauten rekrutierten eine schnell wachsende Truppe blutjunger Männer, geführt von ehemaligen Weltkriegsoffizieren. Die politische Agitation der NSDAP ergänzte die Sturmabteilung (SA), wie sie sich seit August 1921 nannte, durch die "Eroberung der Straße": provozierende Aufmärsche und Straßenkämpfe. Die SA war bald berüchtigt wegen ihrer Terror- und Gewaltaktionen gegen Juden und politische Gegner, zu denen sie nicht nur Mitglieder der Kommunistischen Partei, sondern auch die Repräsentanten der Weimarer Republik zählte. Nach Hitlers Machtergreifung richtete die SA unzählige Folterstätten ein; durch staatliche Verordnungen wie die Ernennung von SA und SS zur "Hilfspolizei" wurde der Terror auf breiter Basis legalisiert. Im Dezember 1924 hatte Röhms paramilitärische Organisation 30.000 Mitglieder, bis 1934 wuchs sie auf 4 Millionen an.

 Quelle: USHMM
USHMM
Hitler posiert im Kreise von SS-Männern nach der Ernennung zum Reichskanzler 1933

Kampf um die Führungsrolle

Es ist der Wendepunkt einer Geschichte, die scheinbar unbedeutend in einem Münchner Bierkeller im Jahre 1923 begann. Hier sammelte der Agitator Adolf Hitler eine Handvoll Leibwächter um sich, die ihn nicht nur gegen politische Gegner, sondern auch gegen unzuverlässige Bündnisgenossen schützen sollten. Sein Duz-Freund Ernst Röhm, der heimliche Herrscher der Parteitruppe SA, machte Hitler die Führungsrolle in der nationalsozialistischen 'Bewegung' streitig. Die Saat des Machtkampfs war gelegt, sie sollte im Sommer 1934 blutig aufgehen.

Im April 1925 stand Hitlers Entscheidung fest: Keine Massenbewegung wie die SA, sondern eine kleine Elitetruppe sollte entstehen. "Ich sagte mir damals, dass ich eine Leibwache bräuchte, die, wenn sie auch klein war, mir bedingungslos ergeben wäre und sogar gegen ihre eigenen Brüder marschieren würde", begründete Hitler Jahre später die Bildung der SS. Formal der SA zugeordnet und äußerlich lediglich durch schwarz umrandete Hakenkreuzbinden und Mützen zum Braunhemd von ihr zu unterscheiden, erschienen die wenigen SS-Männer noch wie stumme Begleiter der braunen SA-Kolonnen. Im September 1925 legte die Truppe sich den Namen "Schutzstaffel" zu. Ihre Uniformen zierte ein besonderes Symbol, das sie ehemaligen Spezialeinheiten des Militärs entliehen hatte - der Totenkopf.

Zitat

„Auf unseren schwarzen Mützen tragen wir den Totenkopf unseren Feinden zur Warnung und unserem Führer zum Zeichen des Einsatzes unseres Lebens für seine Idee.“

Alois Rosenwink, SS-Organisator

Heuchlerisches Spiel

Wer waren die Männer, die im Schatten der braunen SA-Kolonnen die SS aus einer Schutztruppe zu einer elitären Parteipolizei formten, bereit, notfalls auch die eigenen "Kameraden" zu liquidieren, wie es Hitler verlangte? Wie gelang es, Menschen derart auf eine Person einzuschwören, dass sie zu willfährigen Vollstreckern schlimmster Verbrechen wurden?

Karl Wolff, ehemals Adjutant bei Himmler, berichtet von einem letzten Treffen wenige Wochen zuvor, in dem Himmler seinen alten Vorgesetzten Röhm vor dem Kommenden gewarnt haben soll: "Versetzen Sie mich nicht in die schreckliche Lage, gegen Sie und Ihre SA-Führer vorzugehen." Ein heuchlerisches Schauspiel, denn längst hatten die kalten Funktionäre um Himmler die Regie in dieser großangelegten Verschwörung übernommen.

 
 Quelle: USHMM
USHMM
SA-Männer blockieren das Geschäft eines jüdischen Ladenbesitzers, 1933

Zitat

„Der Terror des Dritten Reichs gewann nun die furchtbare Form, für die Killerkommandos und Konzen-trationslager standen.“

Herbert Crüger, ehemals SA-Mann, ab 1933 Kommunist, über den Aufstieg der SS

"Operation Kolibri"

Systematisch suchten die SS-Führer nach Vorwänden, schürten Stimmungen und konstruierten Beweise, um Röhm und seine SA zu entmachten. Am 30. Juni stellten Himmlers SS-Männer ihre mörderische Loyalität unter Beweis. Reinhard Heydrich, den SS-Biograph Heinz Höhne "das böse Genie und den Motor Himmlers" nennt, organisierte zum ersten, aber längst nicht letzten Mal einen Massenmord. Er gab die mündlichen Befehle für die Operation "Kolibri": Rollkommandos schwärmten aus und liquidierten politische Gegner im ganzen Reich. Eine Blaupause für Heydrichs unheilvolles Wirken in der Zukunft. Die Hinrichtung Röhms und seiner SA-Führung bildete einen grausamen Auftakt, den Prolog auf das Kommende - den Massenmord im Namen von Ehre und Treue.

 

Der Film

Anhand der Aussagen früherer SS-Angehöriger und erster Opfer, die zum Teil noch nie vor einer Kamera gesprochen haben, zeichnen die Autoren die Geschichte des Aufstiegs der SS nach, beleuchten die Profile namenloser wie prominenter Täter, auch den Beginn der Karriere des blassen Eiferers Heinrich Himmler, der durch bedingungslose Verfügbarkeit seiner schwarzen Truppe aus dem Schatten anderer trat und immer mehr in die Nähe Hitlers rückte. Bislang ungehörte Aussagen unmittelbar Beteiligter wie die des Himmler-Adjutanten Karl Wolff werfen ein neues Licht auf die Ereignisse vom 30. Juni 1934.