In Ostdeutschland kommen auf 100 Männer gerade einmal 89 Frauen. Doch das ist nur der Durchschnitt, in manchen Regionen ist das geschlechtliche Ungleichgewicht noch ausgeprägter. Warum verlassen ostdeutsche Frauen massenhaft ihre Heimat? Eine Studie des Berlin Instituts gibt Aufschluss.
Das Berlin Institut veröffentlichte im Jahre 2007 eine umfassende Studie mit bemerkenswerten Zahlen: Aus Ostdeutschland, das von demografischer Überalterung und Arbeitslosigkeit überproportional betroffen ist, wandern deutlich mehr junge Frauen ab als Männer. Das habe zur Folge, dass in manchen Regionen auf 100 Männer nur 75 Frauen kommen. Ein Durchschnittswert, der noch nicht einmal von den Polarkreisregionen Schwedens und Finnlands erreicht wird, die schon seit Jahrzehnten eine hohe Abwanderung verkraften müssen. In den ostdeutschen Bundesländern fehlten bereits 156.000 junge Frauen im Alter von 19 bis 29 Jahren.
Weiteres Ergebnis der Studie: Frauen in Ostdeutschland sind deutlich besser ausgebildet als gleichaltrigen Männer: 31 Prozent der Frauen machten Abitur, dagegen nur 21 Prozent der Männer. Von Schulabgängern ohne oder mit sehr schlechtem Abschluss ist eine deutliche Mehrheit männlich. Im Landkreis Elbe-Elster sind 70 Prozent der Hauptschüler und der Schulabbrecher männlich - und das unter Berücksichtigung aller Schüler seit 1995.
Weshalb junge Mädchen und Frauen ihre Chancen auf Bildung und sozialen Aufstieg besser nutzen als ihre männlichen Altersgenossen, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Sicher ist hingegen, dass sich die Abwanderung junger Frauen sehr nachhaltig auf die ostdeutsche Gesellschaft auswirkt. Mit jeder jungen Frau, die abwandert, verlieren die ostdeutschen Regionen potentielle Mütter. Hinzu kommt, dass junge Frauen auch eine geringere Rückkehrquote haben als Männer. Die abgewanderten Frauen finden in ihrer neuen Heimat im Westen Partner und gründen dort ihre Familie.
Neben mangelnder beruflicher Perspektive scheint ein Grund für die Abwanderung junger Frauen auch in der Partnerwahl zu liegen. Die ungebildeten, oft arbeitslosen Männer aus den ostdeutschen Heimatregionen seien nicht attraktiv als Lebenspartner, so die Studie des Berlin Instituts.
In den betroffenen ostdeutschen Regionen, zu denen man nicht die Großstädte Leipzig oder Dresden zählen darf, bleibt laut Studie eine "prekäre Schicht der Zurückgebliebenen". Junge Männer, die 20 Jahre nach dem Fall der Mauer Arbeitslosigkeit als generationsübergreifende Erscheinung erlebt hätten, integrierten sich nicht mehr in die Gesellschaft. Sie würden sich mit "minimalen" Bedürfnissen am Rande des öffentlichen Lebens einrichten und hätten jeden Glauben an ihren eigenen sozialen Aufstieg verloren - oder an den ihrer Kinder. Die verbliebenen, ungebildeten Frauen als Teil dieser "prekären Unterschicht" fielen durch erhöhte Teenager-Schwangerschaften auf. Von einer Schwangerschaft erhofften sich manche eine sinnstiftende Bestätigung, andere auch staatliche Transferleistungen und einige auch beides.
Der lokal oft sehr deutlich ausgeprägte Männerüberschuss führe entgegen mancher Prognose nicht zu einem Anstieg der Kriminalität, doch durchaus zu einem Anstieg der Rechtsradikalität, so die Studie des Berlin Instituts. Um der Misere zu entkommen, empfiehlt das Berlin Institut neue Rollenbilder für Männer zu schaffen. Ein anderes Selbstbild helfe jungen Männern andere Berufe im Dienstleistungsbereich oder im Tourismus anzunehmen, die sie bisher nicht in Betracht ziehen, meinen die Wissenschaftler. Von besonderer Bedeutung sind Ganztagsschulen, die die Kinder aus den von der Gesellschaft abgekoppelten, von Arbeitslosigkeit geprägten Familien herauslösen und den Kindern neue Wege und Ziele aufzeigen. Es wird kein leichter Weg. Weder für die Männer, noch für Ostdeutschland.