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12. Februar 2012
 

ZDF.reportage

 
sonntags, 18.00 Uhr
Studentenproteste. Quelle: ZDF
Studenten gehen auf die Straße

ZDF.reporter

Auf dem letzten Magister-Zug

ZDF-Hospitantin über das Glück, dem Phänomen Bachelor entwischt zu sein

von Cora Werwitzke

An den deutschen Hochschulen protestieren derzeit die Studenten. Ein Kritikpunkt sind die Änderungen durch die neuen Abschlüsse Bachelor und Master. Die ZDF-Hospitantin Cora Werwitzke gehört wohl mit zu den letzten Studenten, die ihren Abschluss noch nach dem alten System machen werden.

 
 
 
 

Als ich vor gut fünf Jahren den ersten Fuß in die Uni setzte, war "Bachelor" noch ein Fremdwort für "Junggeselle", "Module" kannte man aus technischen Betriebsanleitungen und "Credit Points" wären ohne Umschweife dem Finanzsektor zugeordnet worden. Mit distanzierter Neugier und einem gewissen Befremden verfolge ich heute als eine Vertreterin der letzten Studentenjahrgänge des alten Magister-Systems, was sich hinter mir zusammenbraut: verschultes Studium, keine Zeit für Auslandssemester, Prüfungsdruck als Folge eines konsekutiven Studienaufbaus, Lehrstoff von vier Jahren in drei gepresst... Die Gerüchteküche brodelt - aber ohne mich: Ich bin froh, noch einmal davon gekommen zu sein:

Cora Werwitzke. Quelle: ZDF
ZDF
Cora Werwitzke

Heute bin ich im 11. Semester, im kommenden Jahr dürfte auch ich meinen Abschluss in der Hand halten - ein musterhafter Bachelor -Student wäre in der Hälfte dieser Zeit einsatzbereit für die Berufswelt. Was habe ich nur getrieben? Nach dem Auftaktsemester mit Sport als Nebenfach stellte ich fest, dass mich Politik doch eigentlich viel mehr interessiert und wechselte kurzerhand das Nebenfach. Ein Auslandssemester verbrachte ich in der brasilianischen Megametropole Sao Paulo. Ein Praktikum absolvierte ich fern von meiner klassischen Studienrichtung in der Marktforschung, ein anderes in Rio de Janeiro - dafür musste vor kurzem noch einmal ein Semester mehr her.

 

Interessensalat nach dem Abi

Und der Bachelor-Student? Er hält zu Studienbeginn einen Studien-, Modul- und Stundenplan in der Hand. Auslandssemester? Ist möglich und wünschenswert heißt es offiziell, ist schwer realisierbar, zeigt die Praxis. Praktikum? Ja, aber bitte in den im Studienverlaufsplan vorgesehenen Bereichen. Doch mal ehrlich? Welcher junge Mensch kann schon von sich sagen, dass seine Interessen sich ausschließlich auf die im Lehrplan vorgesehenen Bereiche beschränken? Oder, dass er überhaupt bei Studienantritt schon die volle Bandbreite der Studienmöglichkeiten kannte?

 

Ich war jedenfalls sehr dankbar, mit immerhin drei Schuss auf die schier unendliche Auswahl von Fächern zielen zu können, die sich mir damals bot. Die höhere Wahrscheinlichkeit unter den drei Magister-Fächern einen Volltreffer zu landen und die Möglichkeit eines breit angelegten Studiums kamen meinem unübersichtlichen Interessensalat nach dem Abitur sehr entgegen.

Hochschule als Durchlauferhitzer

Wer heute Bachelor studiert, muss dagegen mit zwei Fächern Vorlieb nehmen und kann sich auch nur eingeschränkt im Laufe des Studiums selbst Schwerpunkte setzen. Neben diesen allgemeinen Restriktionen würde mich, als Pendel-Studentin, zudem eine recht alltäglich-praktische Tatsache in den Wahnsinn treiben: Wenn montags um acht Uhr und 18 Uhr Pflichtveranstaltungen ausgeschrieben sind, dann gibt's daran nichts zu rütteln. Und für die anteilsmäßig recht große Spezies der Pendel-Studenten, existiert nun einmal kaum ein größeres Ärgernis, als teilnahmepflichtige Kurse vorgesetzt zu bekommen, die am gleichen Tag möglichst weit auseinander liegen.

 

Mein Pendler-Dasein kann man sicher als selbst verschuldet bezeichnen. Was machen aber junge Menschen, die nicht ihr ganzes Leben nach der Uni ausrichten wollen? Die auf Sportverein, Sandkasten-Freunde und die finanziell lukrative Gelegenheit, noch ein bisschen zu Hause zu wohnen, nicht verzichten wollen? Wäre ich in die Bachelor-Generation geraten, hätte ich wohl keine Wahl gehabt - traurig eigentlich. Traurig, weil ich der Meinung bin, dass keine Uni der Welt einem jungen Menschen so viel mitgeben kann, wie eigene soziale Erfahrungen und der individuelle Blick über den Tellerrand. Und eine Politik, die Hochschulen zu Durchlauferhitzern macht, deren Aufgabe allein darin bestehen soll, der Wirtschaft sofort einsatzbereite Absolventen anzuliefern, entfernt sich zunehmend vom klassischen Rollenverständnis der abendländischen Bildungsstätte Universität: nämlich Festungen der freien Forschung und Lehre zu sein.

 
 
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Abstimmung

Die Studenten gehen auf die Straße und besetzen Hörsäle. Unter anderem beschweren sie sich über die Änderungen durch die neuen Abschlüsse. Wie stehen Sie zu den Protesten?