Die "Ruta 40" ist eine der längsten und berühmtesten Fernstraßen der Welt. Von der bolivianischen Grenze führt sie insgesamt 5200 Kilometer durch Argentinien bis tief in den Süden. ZDF-Reporter Carsten Thurau war auf der legendären Straße unterwegs.
Die "Ruta 40" ist im Jahr 1935 entstanden, aber noch heute wird an der Straße gearbeitet. Von Nord nach Süd - bis nach Patagonien - ist es eine faszinierende Reise durch sämtliche Klima- und Höhenzonen, durch verschiedene Landschaften, Traditionen und Kulturen. Die "Cuarenta" zu befahren bedeutet eine Abenteurreise in eine geheimnisvolle und spannende Welt. Wir reisen sogar noch ein Stück südlicher - nach Feuerland und schließlich zum berühmt-berüchtigten Kap Hoorn: also wirklich bis ans Ende der Welt.

Die Ruta 40 ist vor allem im Norden Argentiniens eine wichtige Lebensader. Die Straße ist wirtschaftlicher Verbindungsweg zwischen Argentinien, Bolivien und Chile. Hunderte Fernfahrer sind tags und nachts unterwegs und erzählen uns ihre Geschichten von der legendären Strecke. Und von den Mythen: Die Trucker legen an unterschiedlichen Stellen ihrer Routen Wasserflaschen aus, damit kein Reisender verdurstet. Das geht zurück auf die Geschichte der "Difunta Correa" (die "entschlafene Correa"). Sie war eine Frau, die 1841 zusammen mit ihrem Baby auf der Suche nach ihrem Mann in der Wüste verdurstete. Das Kind jedoch war dank der Muttermilch nicht gestorben, es lag säugend an der Brust der toten Mutter. Dieses Wunder verbreitete sich sehr schnell.
Die "Difunta Correa" wird heute von Tausenden, vor allem von Lastwagenfahrern, verehrt, da sie als Beschützerin der Reisenden gilt. In der Ortschaft Vallecito (Provinz San Juan) liegt der Wallfortsort der Difunta Correa. Dies ist die Stelle, wo María Antonia Deolinda Correa seinerzeit von Gauchos begraben wurde. Zu Ostern pilgern Hunderttausende mit ihren Opfergaben nach Vallecito: Ein Brautkleid, wenn man auf der Suche nach einem Ehemann ist, Schulbücher, wenn man vor einer schwierigen Prüfung steht, oder Nummernschilder und Dankesplaketten, wenn man sicher an sein Reiseziel gelangen will.
Abra el Acay in der Provinz Salta gilt als die höchste mit Autos befahrbare Passstraße der Welt. Die einsame, ungeteerte Straße, Teil der berühmten Ruta 40, ist in der Regel - besonders nach Regenfällen - nur mit geländegängigen Fahrzeugen zu bewältigen.

Ihre Höhe wird gewöhnlich mit 4.895 üNN angegeben. Neuere Messungen mit GPS ergaben eine Höhe zwischen 4960 und 4.970 üNN. Dorthin zu kommen, wo die Luft ganz dünn ist, ist eine echte Herausforderung für den Menschen - und auch für das Auto.
Die höchsten Weinberge der Welt liegen an der Ruta 40, in den Valles Calchaquíes in der Provinz Salta. Die älteste argentinische Bodega ist Colomé. Sie wurde 1831 unter dem Namen "El Arenal" gegründet und vor zehn Jahren von dem Schweizer Donald Hess gekauft. Seitdem produziert er mit viel Erfolg edle Rot- und Weissweine. Das Weingut wurde außerdem um etliche Hektar vergrößert. Die meistangebaute Sorte ist Torrontés, eine goldgelbe, mittelgroße, sehr aromatische und im Duft an Muskat erinnernde Traube, die in Salta - ihrer Heimat - besonders gut gedeiht.
Obwohl die Gegend sehr trocken ist, ist das Klima besonders gut für den Weinanbau geeignet, denn die Tage sind mit bis zu 30 Grad Celsius sehr warm, während das Thermometer nachts auf kühle acht Grad fallen kann. Colomé produziert 700.000 Flaschen im Jahr, 70 Prozent davon gehen in den Export. Der "Colomé Malbec Estate 2006" landete auf Platz 38 unter den Top-100-Weinen der Fachzeitung "Wine Spectator".
Entlang der Ruta 40 befinden sich einige der wichtigsten Minen Argentiniens: Gold, Silber, Kupfer und Eisen. Die Industrie boomt, es werden jedes Jahr neue Investitionen getätigt in diesem Gebiet, vor allem aus dem Ausland. Es entstehen neue Jobs, viele profitieren vom Bergbaugeschäft. Die Mine "Alumbrera" in der Provinz Catamarca zum Beispiel zählt zu den zehn wichtigsten Kupferminen der Welt. 180.000 Tonnen Kupfer produziert die Mine im Jahr und sozusagen als "Nebenprodukt" über 600.000 Unzen Gold.
Tag und Nacht hört man das Dröhnen der riesigen Caterpillar-Lastwagen - jeder einzelne kann 220 Tonnen Stein transportieren (und verbraucht dabei 400 Liter Benzin pro Stunde!). Die Bewohner der Minendörfer und der umliegenden Städte jedoch sorgen sich um die Umwelt. Denn in dieser sehr trockenen Region verbraucht die Mine fast 100 Millionen Liter Wasser am Tag. Die Minengegner werfen den Firmen außerdem vor, die Flüsse der Region zu vergiften. In der Ortschaft Andalgalá wächst der Widerstand geben die Mine Alumbrera. Demnächst soll in der Nähe sogar eine Uranmine eröffnet werden, was auf großen Protest der Bevölkerung stößt.
Anfang der 90er Jahre erwarben die Benetton Brüder - Besitzer der Modemarke United Colors of Benetton - gut 800.000 Hektar in der Provinz Chubut im argentinischen Patagonien. Land, auf denen Benetton Schafe für seine Wollproduktion weiden lässt. Die Firma macht nicht nur gute Geschäfte, sondern auch politisch korrekte Werbekampagnen. Dennoch scheint es den Großkonzern nicht zu interessieren, dass die Mapuches in vielen dieser Gebiete von ihren Vorfahren überlieferte Rechte besitzen.

Durch die Benetton-Zäune entlang der Ruta 40 sind weite Gebiete für die hier lebenden Mapuche-Indianer unpassierbar. Die Familie von Roberto Nacufil beispielsweise kann ihre 300 Ziegen und 13 Rinder nicht mehr zum Fluss führen. In ihrer Siedlung lebt die Familie in sehr armen Verhältnissen. Atilio Curinanco hingegen hat 500 Hektar Benetton-Land mit seiner Familie besetzt. Obwohl er vor sieben Jahren bereits schon ein Mal von der Polizei vertrieben wurden, ist er zurückgekehrt an den Ort, von dem er sagt, dass er als Mapuche einziger rechtmäßiger Erbe ist. Der Konflikt zwischen dem Großkonzern und den Indianern beschäftigt seit vielen Jahren die Justiz, ohne dass es zu einer Einigung gekommen ist.
Das Valle de la Luna Tal in der Provinz San Juan ist eine phantastische Mondlandschaft. An der Ruta 40, etwa 300 Kilometer von der Stadt San Juan entfernt, bildet das Tal von Ischigualasto zusammen mit dem Tal von Talampaya eine etwa 6000 Quadratkilometer umfassende Erosionslandschaft. Zahlreiche Science-Fiction-Filme sind in dieser unglaublichen Felsenwelt gedreht worden.

Wind und Wasser haben dem Gestein natürliche Skulpturen abgerungen, die von den Einheimischen unter anderem als "Sphinx", "Stuhl" und "Kiosk" genannt werden. Zwischen Staub und Felsen findet man immer wieder versteinerte Farne und Gräser, die davon zeugen, dass hier vor Urzeiten ein anderes Klima geherrscht hat.
Dinosaurier faszinieren Menschen, nicht erst seit dem Film Jurassic Park. Das argentinische Patagonien ist eine der bedeutendsten Fundstellen von Dinosauriern, vor allem in der Provinz Neuquén. Dort sind die Reste von Gigantosauriern, Argentinosauriern (der bisher größte der Welt) und vieler anderer Saurier gefunden worden.
Die Paläontologen Juan Porfiri und Jorge Calvo forschen seit Jahren hier entlang der Ruta 40 und fast jede Woche machen sie spektakuläre Entdeckungen.
Gut 80 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Argentiniens ist Weideland. In der fast endlosen Weite Patagoniens hat vor allem die Schafzucht eine lange Tradition. Auch wenn die Wollpreise nicht mehr so hoch sind wie früher, ist es noch der Lebensunterhalt von Hunderten Familien. In dieser Region Argentiniens ist auch das Lammfleisch sehr beliebt, das "cordero patagónico".
Die Estancia "Don José Guenguel" entlang der Ruta 40 in der Provinz Chubut produziert die feinste Bio-Merino-Wolle und Guanako-Wollfaser. In dieser rauen Landschaft braucht ein Schaf gut drei bis vier Hektar Weideland; die sensible Natur nimmt jede "Überbevölkerung" übel und stirbt ab. Die Wolle wird vor allem nach Europa, China und Japan exportiert. Sie steht bei Modeschöpfern hoch im Kurs, denn sie können mit ihr feinere Farbeffekte erzielen. Die Estancia empfängt übrigens auch Touristen.
Cabo Virgenes ist der südlichste Ort auf dem Kontinent in Argentinien. Dieses Kap erreichte Magellan 1520 und hier entdeckte er eine Meeresenge, die später bekannt wurde als die Magellanstrasse. Im 16. Jahrhundert wurde dort die erste Siedlung Patagoniens erbaut und im 19. Jahrhundert herrschte in der Gegend Goldfieber, nachdem man das Metall dort entdeckte.
In der Region sind heute überall Erdölbohrtürme sehen - neuzeitliche Aktivitäten mit dem "schwarzen Gold". Cabo Virgenes ist ein wichtiger Sammelpunkt für Magellanpinguine. Dort steht ein Leuchtturm gleichen Namens, der seit 1904 in Betrieb ist. Dort ist der offizielle Kilometer Null der Ruta 40.
Wir setzen unsere Reise fort - in Chile. Mit dem Flugzeug geht es von Punta Arenas über Feuerland auf die chilenische Insel Navarino. Hier liegt Puerto Williams, der südlichste Ort auf der Welt. Die Fischer fangen hier im Beagle-Kanal die Centolla, auf Deutsch Königs-, Teufels- oder Monsterkrabbe, die einen Durchmesser bis zu 25 cm erreichen und zehn ilo schwer werden können.

Die Riesenkrabbe und ihre verwandte Art, die Centollón, die Königinnenkrabbe, sind die meist gefischten Meerestiere in der Gegend. Dafür werden Fallen ins Meer gelassen, die später eingeholt werden. Die Centollas und Centollóns aus Chile sind weltweit berühmt für ihre Qualität, was vor allem mit der niedrigen Wassertemperatur zusammenhängt.
Die Insel Navarino und Feuerland im äußersten Süden des südamerikanischen Kontinents leiden unter einer beispiellosen Biberplage. Über 16 Millionen Hektar Wildnis hat Castor canadensis, der Kanadische Biber, sich bereits Untertan gemacht, unzählige Bäume und Landschaften sind zerstört. Siedler in Argentinien importierten 1947 die ersten 50 Nager nach Feuerland, um eine Pelzindustrie aufzubauen. Das Projekt scheiterte, allerdings vermehrten sich entlaufene Biber mit den Jahren rasant:
Auf rund 100.000 Exemplare wird die Zahl der Tiere geschätzt - sie haben dort keine natürlichen Feinde, wie in Kanada Wolf oder Bär. Inzwischen leidet die ganze Region unter der Plage. Die chilenische Regierung erlaubt die Jagd von zehn Tausend Exemplaren im Jahr und zahlt den Jägern Prämien. Das Fleisch dient zum Essen. Argentinische und chilenische Regierungsbeamte prüfen derzeit eine Machbarkeitsstudie zur kpmpletten Ausrottung - denn es geht um die Rettung eines der letzten Flecken Wildnis auf Erden.

Kap Hoorn, das ist nicht nur ein Felsen auf einer kargen Insel, auf der sich der südlichste Leuchtturm der Welt befindet. Es ist auch das Zuhause der vielleicht einsamsten Familie auf Erden. Der Bootsmann der chilenischen Marine, Eliot Villarroel, seine Frau Patricia und ihre beiden Töchter Yeralle und Vania wohnen seit Dezember 2008 auf Kap Hoorn und halten dort ein Jahr lang Wache - vor allem um die Souveränität Chiles zu wahren. Das etwa zehn Quadratkilometer große Inselplateau wird von Holzstegen durchkreuzt, die einerseits zum Leuchtturm mit dem angeschlossenen Wohnhaus nebst Kapelle, andererseits zu dem Monument des fliegendem Albatros führen - in Gedenken an die zahllosen, vor Kap Hoorn verunglückten Seeleute.
Der Mythos besagt, dass die Seelen der toten Matrosen in den Albatrossen weiter leben, die im Sturzflug laut schreiend über die aufgewühlte Gischt jagen. Vor dem Bau des Panama-Kanals galt das Kap als einzige befahrbare Route zur Umschiffung des amerikanischen Kontinents. Hier, wo Pazifik und Atlantik temperamentvoll zusammentreffen, führt die Vermischung warmer und kalter Luftmassen zu extremen Tiefdruckwirbeln, die es an 280 Tagen im Jahr regnen lassen, begleitet von Orkanen. 265 Stundenkilometer Windgeschwindigkeit wurden schon gemessen. Familie Villarroel fühlt sich dennoch sehr wohl auf diesem Fleckchen Erde. Für sie ist ein Traum in Erfüllung gegangen - und einsam haben sie sich bisher nie gefühlt.