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History

 
Joseph Ratzinger 1943 vor der Flakhelfer-Baracke in Ludwigsfeld. Quelle: Loopfilm
Flakhelfer Joseph Ratzinger (2.v.l.) 1943 in Ludwigsfeld

Joseph Ratzinger - Die Jugend des Papstes

"Kamerad, geh weiter"

Unerlaubt von der Truppe entfernt

Stefan Brauburger

Im Sommer 1944 wurde Joseph Ratzinger zur Bewachung von Zwangsarbeitern nach Österreich abkommandiert. Er habe "keinen einzigen Schuss abgegeben", sagte Ratzinger später. Der Rekrutierung zur Waffen-SS konnte sich der angehende Priesterschüler entziehen. Kurz vor Kriegsende entschloss er sich, die Truppe zu verlassen - mit ungewissem Ausgang.

 
 
 
 

Im Sommer '44 waren nach Schätzungen etwa 60.000 Flakhelfer zur Abwehr der Luftangriffe eingeteilt, für den künftigen Priesteramtsanwärter aber war der Dienst als Luftwaffenhelfer im September beendet. Doch zu Hause angekommen, wartete bereits die Einberufung zum Reichsarbeitsdienst auf ihn.

Zitat

„Joseph Ratzinger hat sich in Traunstein dann dem Dienst entzogen. Das war alles andere als ungefährlich. Denn es gab die Bekanntmachung, dass jeder, der sich vom Kriegsdienst entfernte, standrechtlich erschossen werden konnte.“

Peter Seewald, Papst-Biograph

"Keinen einzigen Schuss abgegeben"

Er wurde zum Bau von Panzergräben und Minensperren am so genannten "Südostwall" an der österreichischen Grenze zu Ungarn kommandiert. Der Wall sollte ein letztes Bollwerk gegen die Sowjetarmee sein. Zur Bewachung Tausender von Zwangsarbeitern wurden auch deutsche Arbeitsdienstleute abgestellt, unter ihnen war Joseph Ratzinger.

Er und seine Kameraden hatten keine Schießausbildung - die Gewehre seien nicht geladen gewesen, sagt Ratzinger später, er habe während des gesamten Krieges keinen einzigen Schuss abgegeben. Vielmehr habe man sich mit "diesen Menschen gut verstanden". Ein anderes, "bedrückendes Erlebnis" am "Südostwall" ist ihm noch in Erinnerung, der "Leidensweg der ungarischen Juden, die in langen Zügen an uns vorüberzogen". Von ihnen sollte keiner zurückkehren.

 

Lebenserwartung: 40 Tage

Im Oktober 1944 waren die deutschen Armeen ausgeblutet, auch die Waffen-SS wollte ihre Reihen auffüllen, mit jungen "Freiwilligen", wie es hieß. Gelockt wurde mit der Aussicht auf "Ruhm und Ehre im Kampf für das Vaterland", was bei vielen Hitlerjungen noch immer Begeisterung weckte. Die wenigsten wussten, was Krieg wirklich bedeutete. Die Lebenserwartung eines Soldaten im Einsatz war inzwischen auf etwa 40 Tage gesunken. Auch am Südostwall warb die Waffen-SS um junge Streiter für den noch immer propagierten "Endsieg".

Zitat

„Da standen zwei Soldaten auf Posten, und für einen Augenblick war die Lage äußerst kritisch für mich. Es waren gottlob solche, die auch den Krieg satt hatten und nicht zu Mördern werden wollten.... Sie sagten: 'Kamerad, du bist verwundet. Geh weiter.' Auf diese Weise kam ich unversehrt nach Hause.“

Joesph Ratzinger über seine Entfernung von der Truppe bei Kriegsende 1945

Ein SS-Offizier ließ jeden einzelnen vortreten, erinnerte sich Joseph Ratzinger später, um "freiwillige" Meldungen zu erzwingen: "Mit einigen anderen hatte ich das Glück, sagen zu können, dass ich die Absicht hege, katholischer Priester zu werden. Wir wurden mit Verhöhnungen und Beschimpfungen hinausgeschickt. Aber diese Beschimpfungen schmeckten großartig, denn sie befreiten uns von der Drohung dieser verlogenen 'Freiwilligkeit' und von all ihren Folgen."

Kein Fronteinsatz

Am 20. November 1944 wurde Joseph aus dem Reichsarbeitsdienst entlassen und überraschend in Marsch gesetzt - Richtung Heimat. Viele seiner ehemaligen Schulkameraden waren inzwischen gefallen. Auf der Heimfahrt mit dem Zug sah er die zerstörten Städte, Mahnmale eines sinnlosen Krieges. Schon wartete der Einberufungsbefehl zur Wehrmacht auf ihn.

Doch erst einen Monat später sollte sich er sich in München zur Einteilung melden. Der zuständige Offizier, ein verständiger Mann, schickte ihn in die Kaserne nach Traunstein. Hier erhielt er seine militärische Grundausbildung in einer Infanterieeinheit. Zum Front-Einsatz kam es jedoch nie. Ab Februar 1945 war Joseph Ratzinger wegen einer Blutvergiftung weitgehend vom Dienst entbunden.

 

In Lebensgefahr

Seinen 18. Geburtstag verbrachte er in der Kaserne. Als die Meldung von Hitlers Tod die Runde machte, beschloss er, auf eigene Faust das Gelände zu verlassen. Er musste wissen, dass in jenen Tagen in der Stadt Posten aufgestellt waren, die den Auftrag hatten, "Fahnenflüchtige" sofort zu erschießen.

 

"Als ich aus einer Bahnunterführung herauskam, standen da zwei Soldaten auf Posten, und für einen Augenblick war die Lage äußerst kritisch für mich. Es waren gottlob solche, die auch den Krieg satt hatten und nicht zu Mördern werden wollten. Sie mussten freilich einen Vorwand suchen, um mich laufen lassen zu können. Wegen einer Verletzung trug ich den Arm in der Schlinge. So sagten sie: 'Kamerad, du bist verwundet. Geh weiter.' Auf diese Weise kam ich unversehrt nach Hause", schilderte Joseph Ratzinger es später.