Nach fünfzig Jahren Wehrpflicht scheint es, dass die Idee vom Bürger in Uniform in der Bundesrepublik zur Debatte steht. Denn immer mehr junge Männer werden ausgemustert. Die SPD heizt die Diskussion an, indem sie sich für eine Freiwilligenarmee ausspricht. Nur die Union will an der allgemeinen Wehrpflicht festhalten.
Entweder steht es um die Gesundheit der jungen deutschen Männer schlecht oder die Kritik der Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer (KDV) stimmt. Die sieht den Anstieg der hohen Untauglichkeitsquote als politisch gewollt und willkürlich an. Nimmt man Zahlen, die die Bundeswehr der KDV mitgeteilt hatte, wurden 46,2 Prozent im ersten Halbjahr 2007 ausgemustert.

Im letzten Jahr seien 40 Prozent für untauglich erklärt worden, im Jahr 2002 waren es noch 16,9 Prozent. Laut der KDV gehe es nur darum, Wehrpflichtige aus der Statistik herauszurechnen und eine scheinbare Wehrgerechtigkeit herzustellen. Die Frage nach der Wehrgerechtigkeit scheint sich tatsächlich zu stellen, wenn immer weniger junge Männer eines Jahrgangs eingezogen werden.
Die Diskussion um die allgemeine Wehrpflicht ist auch im politischen Berlin wieder neu entfacht. Die SPD wird Ende Oktober auf ihrem Parteitag über ein Modell abstimmen, dass die Wehrpflicht zwar nicht abschafft, aber die Bundeswehr faktisch zu einer Freiwilligenarmee umbauen würde. Die Wehrpflicht käme nur zum Tragen, wenn sich nicht genug Freiwillige melden.
Anreize für den Dienst an der Waffe sollen nach SPD-Plänen Vergünstigungen sein, wie zum Beispiel die Anrechnung von Wartesemestern. Aufgrund der Wehrgerechtigkeit soll auch jeder Wehrpflichtige weiterhin zur Musterung antreten, die Wehrpflicht bliebe in der Verfassung verankert.
Mit dem SPD-Kompromiss hin zu einer Freiwilligenarmee reihen sich die Sozialdemokraten bei der FDP, den Grünen und die Linke ein, die sich für eine Abschaffung der Wehrpflicht aussprechen.

Lediglich die Union bleibt bei diesem Thema auf bisheriger Linie. Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) stellt klar, dass die Union an der allgemeinen Wehrpflicht festhalten werde. Vermutlich kommt der Streit nicht ungelegen, denn in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode scheint die Große Koalition verstärkt auf Abgrenzung bedacht zu sein.
Unumstritten ist, dass sich die Rolle der Bundeswehr gewandelt hat. Nicht nur aufgrund der Auslandseinsätze - zum Beispiel am Hindukusch, im Kongo oder im Kosovo - sondern auch mit Aufgaben im Innern. Dafür braucht die Bundeswehr vor allem gut ausgebildete Soldaten. Ob die allgemeine Wehrpflicht noch die Grundlage bietet, um diesen Anforderungen gerecht zu werden, bleibt weiterhin offen.