Heino Ferch spielt in der neuen Reihe "Spuren des Bösen" die Hauptfigur Richard Brock, einen genialen Verhörspezialisten der Wiener Polizei. Im Interview spricht der Schauspieler über seine Rolle, die Inszenierung des Films und seine Verbindung zu Österreich.
ZDF: Sie drehen gerade schon den zweiten Film in der Rolle des Verhörexperten Brock. Was fasziniert Sie an dieser Figur?
Heino Ferch: Richard Brock ist ein zweifelnder Eigenbrötler, hochqualifiziert, aber durch einen Schicksalsschlag in seiner Leistung ausgebremst und in seiner Persönlichkeit gestört. Er ist ein Psychologe, der im medizinischen Bereich nicht mehr praktizieren darf, seitdem seine Frau vor zehn Jahren gestorben ist an einer Behandlung, die er selbst zu verantworten hatte.
Jetzt unterrichtet er als Kriminalpsychologe an der Universität, was ihn wiederum in besonderem Maße qualifiziert für seine zusätzliche Arbeit als Verhörspezialist bei der Polizei: Auf sehr subtile Art kann Brock nämlich die Seelen der Menschen freilegen - unterbewusste Handlungen und Situationen von Zeitgenossen, die in Not geraten, Opfer oder auch Täter sind. Er ist zwar kein Profiler im eigentlichen Sinne, hat aber diese analytischen Fähigkeiten und dieses besondere Gespür.
ZDF: Warum ist er dann selbst so verschlossen?
Ferch: Der Tod seiner Frau hat dazu geführt, dass er sich so sehr zurückgezogen hat. Er ist ein Zweifelnder, Suchender, dem dieser Schatten aus der Vergangenheit immer ein Stück die Sonne verdunkelt. Das ist das eine. Hinzu kommt, dass er als Deutscher in dieser Wiener Welt agiert mit dieser speziellen Eigenschaft - das macht ihn dort gleich doppelt zum Außenseiter.
ZDF: Was verbindet Sie persönlich mit Wien?
Ferch: Mit Österreich verbindet mich meine Studienzeit am Mozarteum in Salzburg. Aus dem pragmatischen Norddeutschland nach dem Abitur in dieses sinnliche Österreich zu kommen, war ein heftiger Kulturschock, ein sehr einschneidendes Erlebnis in meinen Leben, das sehr viel Liebe zu diesem Land aufgebaut hat. Und heute verbindet mich mit Wien natürlich diese Figur, die Dreharbeiten und das Besondere daran. Im zweiten Film - soviel verrate ich - wird man erfahren, dass Brock auf einem Salzburger katholischen Internat war.
ZDF: Eine gewisse biografische Note ...
Ferch: Ja, durchaus. Noch eine Parallele: Ich empfinde mich als Deutscher ein bisschen als Außenseiter in dieser Stadt, die soviel Geschichte atmet - völlig anders als in Berlin. Wien hat einen ganz anderen Lebensrhythmus. Dort habe ich jedes Mal das Gefühl, ich mache eine Zeitreise in die Vergangenheit. Und auch die Menschen gehen anders miteinander um. Hier findet alles mit einem liebevollen Augenzwinkern statt. Wien hat eine ganz eigenartige, besondere Atmosphäre. Und die genieße ich sehr.
ZDF: Wie haben Sie sich dieses psychologische Wissen angeeignet?
Ferch: In erster Linie durch Gespräche mit unserem Autor Martin Ambrosch. Er kennt sich auf diesem Gebiet sehr gut aus, hat extrem umfassend recherchiert - für das Persönlichkeitsbild von Brock und für die Filmgeschichten. Mit ihm habe ich ausführliche Gespräche darüber geführt, wie die Handlungsmotive der Figuren zu begründen sind. Zudem: Ich habe mich schon immer für das Berufsbild des Profilers interessiert. Für die Hypnose-Szene in unserem ersten Film habe ich in Wien einen Nachmittag mit einer Spezialistin gearbeitet und mit ihr die äußerst schwierigen Takes vorbereitet.
ZDF: Aber selbst hypnotisiert wurden Sie noch nicht, oder?
Ferch: Ich gebe zu, das klingt verrückt, aber für diesen Film habe ich mich sogar selbst in Hypnose versetzen lassen.
ZDF: Und Sie hatten keine Angst davor?
Ferch: Nein, weil man eigentlich gar nicht viel davon mitkriegt. Man weiß tatsächlich hinterher ein paar Dinge nicht, die man im Hypnose-Zustand gesagt hat.

ZDF: Brock hat einen siebten Sinn. Verlässt sich auch ein Heino Ferch auf sein Bauchgefühl?
Ferch: Ja, sehr stark. Das erste Rangehen an alles, was ich mache, wird erst einmal von meinem Bauchgefühl gesteuert. Aber dieses hat sich all die Jahre auch erst entwickelt durch Erfahrung, Wissen, Kenntnis. Im zweiten Anlauf ist der Kopf entscheidend, aber die Intuition ist das Allererste, das zählt und mir eine Orientierung für das gibt, was ich persönlich lebe.
ZDF: Bei der Wahl Ihrer Rollen auch?
Ferch: Einmal das Buch zu lesen entscheidet. Entweder etwas nimmt mich sofort gefangen oder eben nicht. Nach 20 Seiten ist mir oft schon klar, ob mich der Filmstoff und die Rolle interessieren.
ZDF: Der Film ist auffällig kunstvoll gemacht. Was gefällt Ihnen besonders an der Art von Andreas Prochaskas Inszenierung?
Ferch: Um es vorweg zu nehmen: Der Film ist sehr gelungen, war eine meiner liebsten Arbeiten bisher. Besonders der Wechsel zwischen schnellen und langen, intensiven Szenen gefällt mir, der Wechsel zwischen Tempo und Langsamkeit. Beeindruckend sind auch die Großeinstellungen, in denen der Zuschauer ganz nah und tief in die Augen schauen kann. Eine ganz große Herausforderung war für mich die Schlussszene mit Erwin Steinhauer: Richard Brock blättert dem Sektionschef nach und nach, sehr langsam und ganz genau die wahre Geschichte auf.
Diese Szene haben wir an einem ganzen Tag gedreht. Aber vorbereitet hatte ich diese Szene ungefähr acht Wochen lang, weil ich großen Respekt vor diesem sehr langen Text hatte, so logisch er auch war. Besonders gelungen finde ich ebenfalls diesen persönlichen Moment von Brock, als er in diese Schrebergartensiedlung kommt und Angst um seine Tochter hat, weil sie als Polizistin zum Zeugenschutz abgestellt wurde, und er schon ahnt, wie lebensgefährlich die Situation dann auch für sie ist. Diese Einstellung wurde in einer halben Zeitlupe gedreht, ganz ohne Text, ohne Worte und transportiert nur diese Emotion des Angsthabens um das eigene Kind. Alles andere tritt in diesem Moment zurück.
ZDF: Sie sind Vater von zwei Töchtern - wie würden Sie persönlich damit umgehen, wenn eines Ihrer Kinder sich solch einem großen Risiko aussetzt?
Ferch: Ich würde alles daran setzen, dass es erst gar nicht dazu kommt und mich da auch mit allen Mitteln durchzusetzen versuchen. Denn als Vater hat man immer Angst um seine Kinder.
ZDF: Wir war die Zusammenarbeit mit Nina Proll?
Ferch: Nina Proll ist eine großartige Kollegin. Die Einfachheit, wie sie ihre Figur angelegt hat (nämlich als eine geradlinige Polizistin, die mir Paroli bietet), ist beeindruckend. Kommissarin Vera Angerer sagt mir ja deutlich ihre Meinung. Gerade solche Szenen, die mit dem wirklichen Verhältnis zwischen den beiden Schauspielern rein gar nichts zu tun haben, glaubwürdig zu spielen, hat mir großen Spaß gemacht.