
Klassischer Mythos oder Bezug zur Moderne? Moritz Rinke beantwortet vier Fragen zum Thema Nibelungen und zu seiner Neufassung des litararischen Stoffs.
nachtstudio: Waren die Nibelungen nur der Auftakt zur Beschäftigung mit anderen historischen Stoffen?
Moritz Rinke: Das weiß ich noch nicht. Erst einmal nicht, denke ich. Die Nibelungen haben mich gereizt, weil sie eben nicht nur ein historischer Stoff sind, zumindest habe ich in ihnen nicht nur das Historische gesehen. Ich habe ja versucht, sehr viel Gegenwart mit dem Mythos zu verweben. Es ist in erster Linie ein Stück geworden über Träume, Enttäuschungen und Vernichtung, und das sind ja keine unbedingt historischen Themen.
nachtstudio: Welche Figur aus dem Nibelungenlied hat Sie am meisten interessiert und warum?
Moritz Rinke: Das wäre gegenüber meinen Figuren jetzt ungerecht, zumal ich ja immer in meinen Stücken versuche, keine Figur links liegen zu lassen. Natürlich haben mich in diesem Stück am meisten die Frauen interessiert; Frauen - Brünhild und Kriemhild - die sehr viel Eigentümliches haben in einer völlig genormten, konformen, reformlosen Welt und die dann von Männern ihrer Eigentlichkeit beraubt werden, deren Abwehrsysteme überlistet werden und die sich für diese Niederlage bitter rächen.
Und natürlich stehen bei mir die jungen Menschen weit vorn im Stück. Kriemhild und Giselher. Sie wachsen ja in einem ähnlich statisch-behäbigen und ideelosen Staat auf, in den meine Generation hineingewachsen ist oder den jetzt eine andere Regierung vielleicht doch als Ding, als bewegungsloses Gebilde übernommen hat. Von Gunther zu Helmut Kohl oder unseren im Mallorca-Pool plantschenden Ministern ist es wirklich nicht so weit.
Und wenn man sich in meinem Stück die impulsive Veränderungslust von Kriemhild und Giselher anschaut, mit welcher Phantasie sie den Staat verändern wollen und wo sie, insbesondere Kriemhild, am Ende landen, dann gibt es da schon Parallelen in der jüngsten deutschen Geschichte.
nachtstudio: Sollte das Nibelungenlied in den Kanon der wichtigen literarischen Stücke für den Deutschunterricht aufgenommen werden?
Moritz Rinke: Fragen Sie bitte Marcel Reich-Ranicki. Ich denke aber ja. Ich merke auch gerade jetzt, wie verstärkt Schulen und Universitäten bei mir anfragen, ob ich in den Unterricht und in die Seminare kommen kann.
Über die Nibelungen und die neueren Bearbeitungen werden gerade sehr viele Arbeiten geschrieben. Für Schüler finde ich diesen Stoff sehr sinnvoll, wenn ich das mal so pädagogisch sagen darf: In diesem Alter beginnen sich nämlich die Jungen zu gruppieren, sich Trends anzuschließen und so weiter, und nun käme der Kanon und gibt ihnen eine Geschichte, in der kollektive Prinzipien wie Gefolgschaft und Rache nicht überwunden werden können durch Individualität und Verzeihen. Und da finde ich es übrigens besonders mutig, dies mit einem Stoff zu tun, der selber für eine kollektive, rassistische und menschenverachtende Ideologie mißbraucht wurde.
nachtstudio: Können Sie die Nibelungen als Lektüre empfehlen?
Moritz Rinke: Ja. Unbedingt. Da ist wirklich viel zu entdecken. Jede Lektüre bringt die Nibelungen zurück ans Tageslicht und raus aus ihrer Gefangenschaft. Dieser Gefangenschaft in den Nazi-Phrasen, den Wagner-Phrasen und so weiter. Diese Phrasen liegen ja wie Grabplatten über den Figuren.
Als ich hörte, ich soll die Nibelungen neu schreiben, habe ich gedacht, ich muss jetzt erst einmal Hitler, Wagner und die halbe Germanistik von der Platte stoßen. Ich sage übrigens Wagner nur deshalb in diesem Atemzug mit Hitler, weil Wagner genauso die Nibelungen nur benutzte; er hat ein bisschen von ihnen genommen, den ganzen Rest weggeschmissen, aber Hebbel für seine komplette Version hochnäsig verrissen. Leider spricht man heute eher vom "Ring", wenn es um die Nibelungen geht. Man kann eigentlich sagen: durch Bayreuth sind die Nibelungen total verschütt gegangen, und mein persönlicher Auftrag lautete: okay, du bist jetzt so eine Art Schliemann und nun grabe mal schön mit deinen Geräten Troja wieder aus.
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