"Ich sage Ihnen, vom Generalstab dürfen Sie gar nichts erwarten. Die haben zu 99 Prozent ein gebrochenes Rückgrat. Das sind immer servile Leute gewesen." So das vernichtende Urteil des deutschen Generals Wilhelm Ritter von Thoma mitten im Krieg. Er befand sich seit November 1942 in Trent Park, einem ehemaligen Herrensitz im Norden Londons.
Er ahnte nicht, dass seine Worte abgehört und minutiös protokolliert wurden. Die von ihm so harsch kritisierte Kaste, der er selbst angehörte, galt noch wenige Jahre zuvor als effektivste Militärführung der Welt.

Als die Wehrmacht am 1. September 1939 Polen angriff, war ganz Europa erschrocken über die Schlagkraft einer Armee, die noch wenige Jahre zuvor nur aus 100.000 Mann bestanden und weder über Flugzeuge noch Panzer verfügt hatte. Der zum "Feldzug" erklärte Krieg dauerte nur vier Wochen. Erstmals wurden Kampfhandlungen massiv aus der Luft unterstützt, Panzertruppen bildeten die "Speerspitze".
Von 1933 an war die Truppe unter Umgehung des Versailler Vertrages systematisch aufgerüstet worden. Leistete die alte "Reichswehr" noch auf die Weimarer Verfassung den Eid, gab es seit 1934 das Treuegelöbnis auf Hitler persönlich. Das war ein entscheidender Schritt zur Sicherung bedingungsloser Gefolgschaft - mit fataler Wirkung.
Es begann mit den so genannten "Blumenkriegen". Der Einmarsch ins Rheinland, der "Anschluss" Österreichs und die Annexion des Sudetenlandes unter der Parole "Heim ins Reich" - all das verstärkte den Rückhalt des Diktators in der Bevölkerung und in der Wehrmacht. Doch anders als 1914 gab es 1939 in der Bevölkerung und unter den Soldaten keine Kriegsbegeisterung.
Einige Generäle hingegen hatten Hitler schon im Februar 1933 applaudiert, als dieser verkündet hatte, er wolle "Lebensraum" im Osten erobern. Die Sehnsucht nach Revanche für die Niederlage von 1918 machte es dem Diktator leicht, die Reichswehrführung auf sich einzuschwören. Das Verhalten von hohen Militärs wie Walther von Brauchitsch, seit 1938 Oberbefehlshaber des Heeres, zeigte, dass die scheinbar "unpolitischen" Kriegshandwerker Hitlers unbedingten Eroberungswillen nichts entgegenzusetzen hatten.
Die Zweifler in der Reichswehrführung waren längst kaltgestellt worden und Staatsstreichpläne, wie sie von Ludwig Beck und Franz Halder erdacht wurden, waren mangels Entschlossenheit in der Schublade verschwunden. Durch die deutschen "Blitzsiege" zu Beginn des Zweiten Weltkrieges brachte Hitler viele Kritiker zum Verstummen. "Führer befiehl, wir folgen", dagegen gab es kaum Widerstand - nach dem Sieg über Frankreich befand sich der Kriegsherr auf dem Höhepunkt seiner Macht. Mit dem Überfall auf Polen begann auch der "zweite Krieg" - die Verbrechen an Zivilisten, die hinter den Linien verübt wurden.

Schon in den ersten Kriegstagen wurden Juden, aber auch Angehörige der so genannten "Oberschicht" verfolgt, terrorisiert und ermordet - tausendfach, meist von der SS. Nur wenige in den Reihen der Wehrmacht erhoben dagegen Einspruch, wie etwa General Johannes Blaskowitz. Er argumentierte, die Polen würden durch die Gewaltmaßnahmen erst recht in den Widerstand gegen die Deutschen getrieben. Solche Kritiker ließ Hitler rasch ablösen: Blaskowitz wurde 1940 auf einen anderen Posten versetzt.
Die Soldaten der Wehrmacht - Wegbereiter einer Schreckensherrschaft: Willentlich oder unwillentlich wurden sie zum Instrument nationalsozialistischen Expansionsdrangs. Doch für die Masse der einfachen Soldaten stand vor allem das eigene Überleben im Vordergrund: "Angst hatte jeder. Immer wieder, jeden Tag, bis zum Ende des Krieges", so fasst ein Zeitzeuge seine Gefühle zusammen.
Neueste Forschungen zum Frankreichfeldzug zeigen, dass die Wehrmacht in dieser Phase keineswegs die übermächtige Kriegsmaschinerie war, als die sie galt. So hing der Sieg im Juni 1940 - entgegen der Legende - an einem seidenen Faden. Entscheidende Erfolge wurden nicht durch, sondern gegen den Befehl Hitlers errungen.

Neueste Quellenfunde stützen die brisante These: Nicht strategische Gründe veranlassten Hitler damals, den Haltebefehl vor Dünkirchen auszusprechen, sondern eine Machtprobe mit den eigenen Generälen - so jedenfalls sieht es der Militärhistorikers Karl-Heinz Frieser. Die Generalität habe zuvor mehrmals eigenmächtig gehandelt, ohne den Diktator einzubeziehen. Mit dem Dünkirchen-Befehl, so Frieser, habe Hitler "die Hackordnung wiederhergestellt".
Die Niederlage des so genannten "Erbfeindes" Frankreich verlieh Hitler zudem in der Bevölkerung und unter den Soldaten eine Aura der Unbesiegbarkeit. Überdies gelang es ihm, konkurrierende Fraktionen in der Generalität gegeneinander ausspielen. Nun ging er daran, sein eigentliches Ziel zu verfolgen, den Vernichtungskrieg um Lebensraum im Osten.