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Fernsehfilm der Woche

 
montags, 20.15 Uhr
Szene aus "Neger, Neger Schornsteinfeger".
Bertha Baetz (Veronika Ferres) hat den Mut einer Löwenmutter, wenn es um den Schutz und die Verteidigung ihres Jungen geht.

Neger, Neger, Schornsteinfeger

Gegen Rassismus und für Menschlichkeit

Interview mit Veronica Ferres

Bereits bevor sie das Angebot bekam, Hans-Jürgens Mutter zu spielen, hatte Veronica Ferres davon geträumt, eines Tages diese hochkarätige und anspruchsvolle Charakterrolle verkörpern zu dürfen. Wie die Arbeit mit ihren drei Filmsöhnen verlief und wie sehr ihr gesellschaftspolitisch relevante Filme und der Einsatz für Gerechtigkeit am Herz liegen, verrät die Schauspielerin im Gespräch.

 
 
 
 

ZDF: Frau Ferres, kannten Sie die Autobiografie von Hans-Jürgen Massaquoi, schon bevor Markus Trebitsch mit dem Filmangebot auf Sie zukam?

Szene aus "Neger, Neger Schornsteinfeger". Quelle: ZDF/Wolfgang Lehmann
ZDF/Wolfgang Lehmann
Bertha Baetz (Veronica Ferres) mit ihrem Sohn (Luka Kumi)

Veronica Ferres: Ich kannte die Lebensgeschichte von Hans-Jürgen Massaquoi schon vorher - eine ganz außergewöhnliche Geschichte. Sie hatte mich sehr beeindruckt. Massaquoi war ein Hamburger Junge mit einem ganz starken Selbstbewusstsein, einer, der nicht begreifen konnte, warum er zum Beispiel nicht in die Hitlerjugend durfte. Er wollte dazu gehören - wie alle anderen auch.

Es hat mich schon damals gereizt, die Rolle seiner Mutter zu spielen, falls das Buch einmal verfilmt werden würde. Als ich beim Verlag nachfragte, ob jemand die Filmrechte hätte, erfuhr ich, dass sie bereits vergeben waren. Bedauerlicherweise. Neun Monate später fragte mich dann Markus Trebitsch, ob ich mir vorstellen könnte, Hans-Jürgens Mutter zu spielen, ohne zu wissen, dass ich mich schon lange dafür interessierte. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Ich war dankbar, eine so wunderbare Charakterrolle mit so einem hohen Niveau spielen zu dürfen.

ZDF: Hans-Jürgen Massaquoi besuchte die Dreharbeiten am Set in Wittenberge. Hat Sie die Begegnung mit ihm sehr bewegt?

Zitat

„ Ich hatte das Gefühl, dass er seine Mutter in mir suchte und auch sah. In seinem Blick lagen Dankbarkeit, Freude und Schmerz zugleich. “

Veronica Ferres über Hans-Jürgen Massaquoi

Ferres: Die erste Begegnung war für mich sehr aufwühlend. Er hat mir lange und intensiv in die Augen geschaut, ich hatte das Gefühl, dass er seine Mutter in mir suchte und auch sah. In seinem Blick lagen Dankbarkeit, Freude und Schmerz zugleich. Ich empfand eine große emotionale Nähe und Seelenverwandtschaft. Den Glanz in seinen Augen werde ich nie vergessen. Zum Abschied nahm er mit beiden Händen meine rechte Hand. Dieser Händedruck hat mich sehr berührt.

 

ZDF: In "Neger, Neger, Schornsteinfeger" haben Sie aufgrund der drei Epochen, in denen der Zweiteiler spielt, mit drei verschiedenen Filmsöhnen im Alter von sieben bis 17 Jahren gedreht - war es für Sie als Schauspielerin schwierig, sich immer wieder auf einen anderen Filmsohn einzustellen?

 

Ferres: Das war schon eine besondere Herausforderung. Ich musste mich mitunter innerhalb eines Tages auf drei "Söhne" einstellen und damit auf unterschiedliche Spielweisen, was bei den Jüngeren nicht ganz einfach war. Ihre Stimmungen aufzufangen und auszugleichen bedurfte sehr viel Sensibilität, Zeit und Geduld. Thando, mein ältester Filmsohn, ist ja schon ein Profi.

 

ZDF: Die Luftbunkerszenen zählten sicherlich zu den schwierigsten und anstrengendsten dieses Films. Momente, die einem Schauspieler sehr viel abverlangen. Wie haben Sie diese Szenen empfunden?

Szene aus "Neger, Neger Schornsteinfeger".
Schwerste Drehbedingungen

Ferres: Als sehr belastend. Wir saßen eingepfercht mit 30 bis 40 Personen in einem stickigen Keller, es war unerträglich heiß und staubig. Ich erinnere mich noch gut an eine Szene, in der ich nach oben auf bebende Wände schauen musste und zugleich meinen Text sprechen sollte, während mir Staub in die Augen und in den Mund geschüttet wurde. Das war extrem hart. Meine Augen brannten, noch Stunden später musste ich Staub spucken.

ZDF: Sie haben gerade "Die Frau vom Checkpoint Charlie" abgedreht, Sie brillierten als Nelly Kröger-Mann in dem Dreiteiler "Die Manns", und "Annas Heimkehr" berührt auch ein sehr sensibles Thema deutscher Geschichte. Wie wichtig ist es Ihnen, in Produktionen mitzuwirken, die sich mit der Geschichte unseres Landes auseinandersetzen?

Zitat

„Für mich persönlich sind alle Produktionen wichtig, die politisch Stellung beziehen. In diesen Filmen mitzuwirken empfinde ich als große Verantwortung.“

Veronica Ferres

Ferres: Es ist mir sehr wichtig, weil wir mit solchen Filmen Kinder und Jugendliche erreichen, die sonst nur aus Lehrbüchern über unsere deutsche Geschichte erfahren. Wir wollen zum einen mit unseren Filmen gute Geschichten erzählen, zum anderen aber auch wachrütteln, etwas bewegen, etwas vermitteln, Perspektiven verändern, sensibilisieren. Darüber hinaus sind für mich persönlich alle Produktionen wichtig, die politisch Stellung beziehen. In diesen Filmen mitzuwirken empfinde ich als große Verantwortung. Dennoch liebe ich auch die Komödie und freue mich jetzt schon auf die Drehtage für den zweiten Teil der "Wilden Hühner".


ZDF:
Sie haben bei vielen internationalen Kinoproduktionen mitgewirkt. Was macht den Unterschied zu einer deutschen Produktion aus?

Ferres: Die Sprache! Der Muttersprache entzogen zu sein, bedeutet einen Verlust an Sicherheit. Man wagt mehr. Man dreht zusammen mit einem großen Team, in dem oft verschiedene Sprachen gesprochen werden. Ich liebe das! Und die Vorbereitung des Textes ist sehr intensiv. Unterschiede im Anspruch sehe ich kaum, es kommt auf das Niveau des gesamten Projekts an. Ich entscheide mich für eine Produktion ohnehin ausschließlich aufgrund des Inhalts einer Geschichte. Wenn die Besetzung dann stimmig ist, freut einen Schauspieler das natürlich umso mehr.

 

ZDF: Sie verkörpern in Ihren Filmen gern starke, mutige, sensible Frauen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen - ist das Ihnen persönlich auch ein großes Anliegen?

Zitat

„Wenn dieser Film als Plädoyer gegen Rassismus und für Menschlichkeit angenommen wird, ist das das größte Geschenk für mich“

Veronica Ferres

Ferres: Es sind nun einmal die spannendsten Rollen! Frauen, die durch ihre ungewöhnlichen Lebenswege Maßstäbe setzen, die sich etwas trauen, die ein Ziel vor Augen haben und dabei durch Höhen und Tiefen gehen, die sich jedem Widerstand in den Weg stellen oder auch daran zu zerbrechen drohen. Das ist doch das Reizvolle, diese Gratwanderung darzustellen. Es ist mir persönlich aber ein Anliegen, dass sich Menschen für Gerechtigkeit einsetzen. Daher liegt mir auch "Neger, Neger, Schornsteinfeger" sehr am Herzen. Wenn dieser Film als Plädoyer gegen Rassismus und für Menschlichkeit angenommen wird, ist das das größte Geschenk für mich.