Am 8. Oktober 2005 liegt ganz Europa unter einem ausgeprägten Hochdruckgebiet. Beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach gehen die Daten von Satelliten und Wetterstationen aus der ganzen Welt ein. In der Vorhersagezentrale bereiten die Mitarbeiter die Meldungen des Tages vor.
Südlich der Azoren, am 30. Breitengrad, hat sich am Morgen ein Wolkengebiet gebildet. Noch wissen die Meteorologen nicht, dass das, was sie sehen, in den nächsten Tagen Wissenschaftler auf der ganzen Welt beschäftigen wird. Das Gebilde formiert sich zu einem Auge - das typische Merkmal eines Hurrikans. Es ist ein tropischer Wirbelsturm. Mit fast 120 Stundenkilometern dreht er sich um die eigene Achse und wird damit offiziell zum Hurrikan. Sein Name: Vince.
"Vince war eine Überraschung, denn er hatte eine sehr ungewöhnliche Zugbahn. Er zog nicht wie die meisten nach Westen, sondern er bog ab und zog dann nördlich von Madeira nach Osten und nahm damit auch Kurs aufs europäische Festland."
Noch nie war ein Hurrikan so weit nördlich in Richtung Europa gezogen. Die Meteorologen stehen vor einem Rätsel. Eigentlich entstehen Hurrikans nur dort, wo die Wassertemperatur höher als 26 Grad ist. Vor der Iberischen Halbinsel ist das Wasser wesentlich kälter. Mit Hurrikans in Europa haben die Meteorologen bisher keine Erfahrung.

Die Bewegungsrichtung von Vince ist nur schwer vorherzusagen. Mit 15 Kilometer pro Stunde bewegt er sich in Richtung Nordosten. Am Mittag des 11. Oktober 2005 erreicht er die spanische Küste. Er führt gewaltige Mengen Regen mit sich. Aber es ist kein zerstörerischer Hurrikan. Für die Meteorologen dennoch ein Ereignis, das ihren bisherigen wissenschaftlichen Vorstellungen widerspricht. Und es wirft völlig neue Fragen auf. Bleibt Vince ein einmaliges Wetter-Phänomen vor der Atlantik-Küste Europas?
Hurrikan Vince war nicht der erste Wirbelsturm, der in Europa auftauchte. Der erste wurde 1995 beobachtet. Am 15. Januar staunten die Meteorologen über einen Wirbel vor der Küste Griechenlands. Er war kleiner als ein tropischer Hurrikan, ansonsten aber kaum von ihm zu unterscheiden. Der letzte zog am 26. September 2006 über Italien. Acht dieser wirbelsturmähnlichen Gebilde gab es in den letzten zehn Jahren rund ums Mittelmeer. Aber nur Vince erreichte die Stärke eines Hurrikans.

Die Anfänge der atlantischen Hurrikans liegen über den Regenwäldern West-Afrikas. Von hier steigt tropische Feuchtigkeit auf. Über den Bäumen bilden sich ein paar Gewitterwolken. Sie steigen auf, formieren sich zu einem Haufen, dem so genannten Gewitter-Cluster und ziehen Richtung Atlantik. Dort sammeln sie sich. Hurrikans entstehen typischerweise vor der Küste Afrikas, denn das Wasser ist vor dieser Küste besonders warm. Deswegen ist die Geburtsstätte der Hurrikans meistens in der Nähe der Kapverden - rund 500 Kilometer vor der Westafrikanischen Küste.

Im Spätsommer ziehen rund um die Inseln feuchtwarme Luftströme auf. Sie treffen auf die vom afrikanischen Festland kommenden Gewitterwolken. Am 8. August 2007 formiert sich hier Hurrikan Dean. Ein Gewitter war der Anfang, dann entwickeln sich immer mehr Wolken. Die Kraft der Erdumdrehung lenkt sie nach Westen in eine kreisförmige Bewegung. Ein Loch entsteht inmitten eines Wirbels, es ist das Auge des Hurrikan -eine Zone der absoluten Windstille. Doch jenseits des Auges tobt der Sturm. Dean bringt starken Regen an die Küste - und er wird immer gewaltiger. Es ist einer der größten jemals beobachteten Hurrikans. Er erreicht Kategorie 5, die höchste Stufe auf der Hurrikan Skala.
Bei Windgeschwindigkeiten unter 63 km/h spricht man von einer "Tropischen Depression". Wird diese Grenze überschritten, spricht man von einem "Tropischen Sturm". Erreicht der Wirbelsturm Geschwindigkeiten über 118 km/h, wird er zum Hurrikan. Im indischen Ozean und in Australien nennt man ihn Zyklon, im Pazifik Taifun.
Hurrikans werden nach der Saffir-Simpson-Skala in fünf Kategorien unterteilt. Kategorie eins steht für schwache Hurrikans mit 118-153 km/h. Mäßige der Kategorie zwei schlagen bereits mit Windgeschwindigkeiten von 154-177 km/h zu buche, starke der Kategorie drei mit 178/210 km/h, sehr starke der Kategorie vier mit 211-249 km/h und verwüstende der Kategorie fünf mit mehr als 249km/h. Einige Hurrikans der Kategorie fünf können Windgeschwindigkeiten über 300 km/h erreichen.
Mit 260 Stundenkilometern rast er auf Mexiko zu und fegt dann mit brutaler Gewalt über die Halbinsel Yukatan. Zwölf Tage nachdem Dean sich in West-Afrika gebildet hat, reißt er in Mittelamerika Dächer von den Häusern. Heftige Erdrutsche begraben ganze Straßen unter sich. Zwei Tage lang tobt er sich in Mexiko aus, dann verliert er an Kraft. Innerhalb weniger Stunden lösen sich die Wolken auf. Es bleibt eine Schneise der Verwüstung.

Aber niemals zuvor waren die Bilder so erschreckend wie in New Orleans. Eine Millionen-Stadt gezeichnet von Hurrikan Katrina. Mehr als 1500 Menschen kommen ums Leben. Die menschliche Tragödie wird begleitet von einem noch nie gesehenen wirtschaftlichen Schaden, der auf 125 Milliarden Dollar geschätzt wird. Die Weltwirtschaft wird zum Spielball immer wiederkehrender Hurrikans, die vor allem in Amerika gnadenlos zuschlagen. Doch tropische Wirbelstürme sind nicht nur ein Phänomen der Karibik. Sie sind eine weltweite Bedrohung. Die Wirbelstürme versammeln sich rund um den Äquator, dabei ändern sie nur ihre Namen.