Der Pflege kommt in der Sozial- und Gesundheitspolitik eine immer größere Bedeutung zu. 2007 waren in Deutschland fast drei Prozent der Bevölkerung pflegebedürftig. Versorgt wurde der Großteil von ihnen zu Hause, überwiegend von Angehörigen. Helfen soll jetzt das Modell der Pflegteilzeit - ein hoch umstrittener Vorschlag.
Im Hinblick auf den demografischen Wandel und die fortschreitende Überalterung der Gesellschaft in Deutschland kommt dem Bereich der Pflege in der Sozial- und Gesundheitspolitik eine immer größere Bedeutung zu. Im Dezember 2007 waren nach einer Studie des Statistischen Bundesamtes 2,25 Millionen Menschen pflegebedürftig, also fast drei Prozent der Bevölkerung in der Bundesrepublik. Versorgt wurde der Großteil von ihnen (68 Prozent bzw. 1,54 Millionen) zu Hause - überwiegend von Angehörigen.
Meistens sind es der Partner oder die Kinder, die sich um den Pflegebedürftigen kümmern. Für die Betroffenen ist die Situation sehr schwer: Während sich die eine Seite verständlicherweise sehr schwer tut, den hilfsbedürftigen Partner oder die alten Eltern ins Heim zu geben, möchten auch diese wiederum in der Regel lieber von vertrauten Menschen und in gewohnter Umgebung versorgt werden.
Die Zahl der Pflegebedürftigen stieg in den vergangenen Jahren konsequent an: Allein zwischen 2005 und 2007 um 5,6 Prozent bzw. 118.000 Personen. Die Pflegebedürftigen erhalten Pflegegeld, das sich je nach Fall auf 225 bis 685 Euro bemisst. Eine berufstätige Person, die sich für bestimmte Zeit selbst um den betroffenen Angehörigen kümmern möchte, hat nach der Pflegereform 2008 Anspruch auf unbezahlte, sozialversicherte Freistellung von der Arbeit für die Dauer von bis zu sechs Monaten.
Oft ist die persönliche Pflege zu Hause nicht nur ein zeitliches, sondern auch ein finanzielles Problem. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder hat deshalb nun einen Vorschlag für ein alternatives Pflegezeit-Modell vorgelegt: Demnach will sie einen Rechtsanspruch auf zwei Jahre Pflegeteilzeit für Angehörige mit Lohnausgleich durchsetzen.
Nach ihrem Modell könnte ein Arbeitnehmer so seine Arbeitszeit bei einem Lohn von 75 Prozent für zwei Jahre auf 50 Prozent reduzieren. In den folgenden zwei Jahren würde er bei voller Beschäftigung weiterhin nur 75 Prozent seines Lohns erhalten und somit für einen finanziellen Ausgleich sorgen.
Sowohl die Oppositionsparteien als auch Wirtschaftsverbände und der Koalitionspartner der CDU/CSU, die FDP, kritisieren den Vorschlag. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast spricht von einem "Modell vergangener Gesellschaften". SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach pflichtet ihr bei und meint "am Ende sollen die Frauen zurück an den Herd gelockt werden". Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt befürchtet "weitere Belastungen für Arbeit und Beschäftigung" und spricht sich wie der FDP-Fraktionsvize Heinrich Kolb gegen noch mehr Regulation auf dem Arbeitsmarkt aus.
Eberhard Jüttner, der Verbandsvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, befürwortet dagegen die Initiative und betont, dass pflegende Angehörige nicht schlechter gestellt werden dürften als Erziehende in der Elternzeit: "Ohne pflegende Angehörige ist Pflege gar nicht mehr denkbar."