Der von der EU beschlossene harte Sparkurs muss nach Ansicht des frisch gewählten Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD), von Wirtschaftsinvestitionen flankiert werden. "Wir sparen, aber wir dürfen uns nicht zu Tode sparen", kritisierte Schulz in der ZDF-Sendung "maybrit illner" die Vereinbarungen des Brüsseler EU-Gipfels vom Montag. Unerlässlich sei es, in wirtschaftliches Wachstum und die Beschäftigung junger Menschen zu investieren.

Europa laufe Gefahr, dass sich Jugendliche in Ländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit "von der Demokratie abwenden", wenn ihnen keine "kurzfristige Perspektive" geboten werde. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sei in ihrer Europapolitik "mit dem Sparen auf dem richtigen Weg". Die Blockade von Investitionen sei jedoch falsch. Deutschland habe in der tiefsten Krise "die Abwrackprämie eingeführt und das Kurzarbeitergeld eingeführt".
Schulz sprach sich dafür aus, mit Finanzmarktregulierungen Steueroasen wie die Schweiz, in die beispielsweise reiche Griechen ihr Geld brächten, zu schließen. "Mit jeder Milliarde, die der griechische Staat mehr an Steuereinnahmen hat von diesen Leuten, sinkt das Haftungsrisiko der Bundesrepublik Deutschland", betonte Schulz.

Der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) forderte die Griechen aufgefordert, sich auf nationaler Ebene mit ihrer Haltung zu Europa und zum Euro auseinanderzusetzen. "Die Griechen müssen sich wirklich mal einer intensiven Diskussion stellen", sagte Stoiber bei Maybrit Illner. Die Hellenen selbst müssten entscheiden, ob sie die notwendigen "harten Bedingungen" für ihren Verbleib in der Währungsunion erfüllen wollten oder nicht. Er glaube, dass "die Griechen, zumindest aber die griechische Politik" noch nicht begriffen hätten, dass das Land "ganz knapp vor dem Abgrund" stehe.
Athen müsse sich jetzt an die Abmachungen halten, betonte Stoiber. Wolle oder könne das Land die "Bedingungen einer europäischen Währung" nicht erfüllen, müsse es "raus aus der europäischen Währungsunion". Allerdings könne Griechenland auch in diesem Fall mit der Unterstützung Europas rechnen.

Genau dieses, nämlich das Griechenland so oder so mit der Unterstützung Europas rechnen könne, sei ein Argument dafür, die Hellenen im Euro zu halten, so argumentierte die Finanzjournalistin Silvia Wadhwa. Daher gäbe es nur die Frage: "Wie retten wir die Griechenland im Euro?" Ein Austritt würde nur dazu führen, dass andere Wackelkandidaten wie etwa Portugal in das Visier der Märkte geraten. Aus dieser Lage heraus erwarte sie einen "Haarschnitt" der Schulden privater Gläubiger für Griechenland von 100 Prozent. Wurde von einem Jahr noch von 21 Prozent geredet, diskutiere man nun über 70, aber dies werde nicht reichen. Auch ein verzicht der Europäischen Zentralbank (EZB) auf Verbindlichkeiten sei nicht mehr auszuschließen, so die Finanzexpertin.

Einen "fairen Neustart" für Griechenland forderte der Ökonom Prof. Hans-Peter Burghof, Inhaber des Lehrstuhls für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim. Die derzeitigen politischen Strukturen in Athen ließen keine Hoffnung auf ein solides Haushaltkonzept. Die Anreize, die die Rettungsmilliarden setzten, seien völlig falsch. In der jetzigen Situation hinge zu dem über aller wirtschaftlichen und unternehmerischen Investition der "Staatsbankrott"-Hammer, der langfristige Entscheidungen unmöglich mache. Burghof bezweifelte, dass die hellenischen Eliten, nach Versiegen des europäischen Geldhahnes überhaupt noch Interesse am Euro zeigen würden.

Der slowakische Ökonom und Vorsitzende der liberalen Partei "Freiheit und Solidarität", Richard Sulík, zeigte überhaupt kein Verständnis für die Rettungsaktivitäten. Im Gegenteil: Der Euro sei für Griechenland eine "Zwangsjacke", der Austritt eine "Erlösung". Sulik bezweifelte, dass die Gemeinschaft überhaupt die Kraft habe, das Land wirklich zu retten. Wenn Deutschland beschlossen habe "die Welt zu retten", dann sei das in Ordnung, "aber die Slowakei werde erst mal sich selbst retten", so der ehemaliger Parlamentsvorsitzender.
Als "schäbig" hat der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (SPD), das "Nein" des früheren slowakischen Parlamentspräsidenten Richard Sulik zum europäischen Rettungsschirm EFSF bezeichnet. Die Slowakei habe in besonderer Weise und in mehrerlei Hinsicht von der EU profitiert und dennoch habe Sulik die Solidarität mit Griechenland verweigert, kritisierte Schulz. Als Beispiele nannte der EU-Politiker die Vorteile des Landes aus dem Niedrigsteuersatz von 19 Prozent und umfangreiche EU-Fördergelder.

Athanasios Syrianos, Inhaber der Brauerei Eza mit 100 Mitarbeitern im griechischen Atalanti und Mitglied der deutsch-griechischen Industrie- und Handelskammer, machte auf die bereits erzielten Fortschritte aufmerksam. Man diskutiere auf einem "Stand von gestern", wenn man nicht beachte, dass inzwischen längst die Steuern erhöht und die Gehälter gesenkt wurden - auch den Steuersündern sei man nun auf der Spur und das Staatsdefizit bereits reduziert. Es mache daher definitiv weiter Sinn, über die Rettung Griechenlands zu sprechen. Dabei schloss Syrianos "technische Hilfe" bei der Umsetzung der Reformen aus Deutschland nicht aus: "Wir haben auch mit Rehagel die Fußball-EM gewonnen."