Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) hat die deutsche Beteiligung an dem von der Londoner Afghanistan-Konferenz beschlossenen Fonds für ausstiegswillige Taliban verteidigt. Aus dem auf rund 350 Millionen Euro bezifferten internationalen Fonds würden keine "Zusatzgehälter für abgehalfterte Taliban" verteilt, sagte Niebel in der ZDF-Sendung "Maybrit Illner".

Vielmehr gehe es um Zukunftsmöglichkeiten für jene jungen Männer, die sich aus Perspektivlosigkeit den Taliban angeschlossen hätten. Der Fonds, an dem sich die Bundesrepublik mit 50 Millionen Euro beteiligt, solle unter anderem zur Schaffung von Ausbildungsplätzen und Infrastruktur sowie zur Bereitstellung von Mikrokrediten, die selbsttragende Wirtschaftsstrukturen ermöglichen, verwendet werden. Das werde die, die "nicht kriminell und blutrünstig sind", ermutigen, "ein anderes Leben zu führen", sagte der Minister.
Niebel stellte zugleich klar, dass der Dialog mit den Taliban vor allem von der afghanischen Regierung geführt werden müsse. "Die politischen Gespräche führen nicht in erster Linie wir, die muss die afghanische Regierung führen", sagte Niebel. "Die wird dann auch mit Leuten reden, die wir wahrscheinlich nicht mit spitzen Fingern anfassen würden, weil sie aus den traditionellen Beziehungen der verschiedenen Clans heraus ganz andere Zugangsmöglichkeiten haben."
Der Bundesentwicklungsminister betonte, der Beschluss zur Beteiligung der Bundeswehr an der Isaf-Mission in Afghanistan sei von Anfang an ein Beschluss zum Kampfeinsatz gewesen. "Das ist eindeutig als Kampfeinsatz geplant gewesen", sagte Niebel an die Adresse der 2001 regierenden Koalition aus SPD und Grünen. Die Grünen sollten heute nicht so tun, als sei es "nur um Unterstützung" gegangen. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) habe die Amerikaner seinerzeit der "uneingeschränkten Solidarität im Kampf gegen den Terror" versichert.

Die Grünen sehen die Entsendung von mehr Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan kritisch. "Ich glaube nicht, dass Stabilisierung in Afghanistan mit Militär möglich sein wird", sagte die Bundesvorsitzende der Partei, Claudia Roth, bei Maybrit Illner. Wenn man es wirklich ernst meine mit dem Strategiewechsel "weg von der militärischen Fixierung", brauche es nicht 77 deutsche Polizeiausbilder mehr, "sondern sehr viel mehr", so Roth mit Blick auf die von der Bundesregierung beschlossene Aufstockung der Zahl der Polizeiausbilder von 123 auf 200.

Für den Chef der NGO Grünhelme, Rupert Neudeck, ist in Afghanistan "viel mehr als die militärische Strategie" gescheiter. "Wir wollten die Demokratie einführen, jetzt haben wir das Desaster", so Neudeck. Er kritisierte, dass bei der Londoner Konferenz alle möglichen Gruppierungen eine Lobby gehabt hätten, nur die ländliche Bevölkerung Afghanistans nicht. Er könne auch keinen Strategiewechsel feststellen. "Alles das, was bisher gesagt worden ist, ist eine Fortsetzung dessen mit anderen semantischen Mitteln, was wir bisher erlebt haben", erklärte der Afghanistan-Kenner und fügte hinzu: "Das ist das Gegenteil von Erfolg." Dennoch dürfe man sichtbare Fortschritte nicht vergessen. So sei es zum Beispiel inzwischen durchaus selbstverständlich, dass Eltern ihre Kinder, Mädchen wie Jungen, zur Schule gehen ließen.

JJosef Joffe, Mitherausgeber "DIE ZEIT", konnte dagegen sehr wohl einen Wechsel in der Strategie sehen. Diese sei aber nicht von der Konferenz in London ausgegangen, sondern sei schon über mehrere Monate von den Vereinigten Staaten vorbereitet worden. Nun sei klar, dass man aufhören werde die Taliban zu jagen. Stattdessen sei nun das Ziel, die Bevölkerung zu schützen. "Und wenn wir sagen Bevölkerungsschutz, dann müssen wir das machen, was Soldaten und Polizisten machen. Wir müssen sie schützen. Und das heißt auch manchmal Gewalt anwenden", betonte Joffe.

Der Kampfeinsatz in Afghanistan sei, so erinnerte ZDF-Korrespondent Hans-Ulrich Gack, in erster Linie ein "Stellvertreterkrieg". Es ginge längst nicht mehr um Afghanistan allein, vielmehr darum, "Pakistan nicht fallen zu lassen". Denn dies würde unter Umständen Al-Qaida-Terroristen ermöglichen, auf die rund 60 bis 80 Atomwaffen Pakistans zuzugreifen. "Und das ist die realistische Bedrohung für den Westen und für uns", so Gack.

Microsoft-Gründer Bill Gates sagte im Interview mit Moderatorin Maybrit Illner, die Welt sei zur Abschaffung aller Waffen noch nicht bereit. Statt über Militär oder nicht Militär zu streiten, widme sich seine Stiftung in Afghanistan lieber dem Kampf gegen die gefährliche Polio. Gesundheitsfragen seien der Bereich, in dem die Menschen sähen, "der Westen leistet mit seiner Intervention Positives".