Tränen der Götter
Mit Dietmar Schumann entlang der Bernsteinküste
Seit Jahrhunderten wird an den Stränden der Ostsee Bernstein gefunden. In Königsberg und Danzig wurden aus dem "Gold der Ostsee" schon im Mittelalter kunstvolle Truhen, Gebetsketten, Pfeifen und Schmuck gefertigt und in alle Welt verkauft. In der DDR war Ribnitz-Damgarten, ein Städtchen nicht weit von Rostock, das Zentrum der Bernsteinindustrie. Doch woher kam der Bernstein, der im VEB Ost-seeschmuck verarbeitet wurde? Aus Bitterfeld in Sachsen-Anhalt, aus der Braunkohlengrube Goitzsche. Dieses "DDR-Geheimnis" lüftet ZDF-Reporter Dietmar Schumann auf seiner Reise entlang der Bernsteinküste.
Von Ribnitz-Damgarten fuhren Schumann und Kameramann Frank Vieltorf 2000 Kilometer nach Osten. Über Usedom, das polnische Gdansk, die russische Enklave Kaliningrad sowie Nida und Karkle in Litauen führte ihre Tour bis nach St. Petersburg. Sie besuchten Menschen, die sich mit dem Bernstein ihren Lebensunterhalt verdienen. Manche werden sogar reich damit, wie die Modedesignerin Bozana Baticka in Gdansk oder der litauische "Bernsteinpapst" Kazimiras Mizgiras auf der Kurischen Nehrung.
In Karkle, an der Küste Litauens, lernte das ZDF-Team den Bernsteinfischer Victor Ingiris kennen. Nach heftigen Stürmen aus Nordwest steigt Ingiris mit einem großen Kescher bewaffnet in die Brandung, wie seine Vorfahren vor Jahrhunderten schon, um die angeschwemmten "Tränen der Götter" aus dem Meer zu fischen. Auch Alexander Krylow in St. Petersburg ist fasziniert von dem 50 Millionen Jahre alten goldgelben Baumharz, das vom Grund der Ostsee ans Ufer gespült wird. Krylow hat 20 Jahre lang am Wiederaufbau des von den Nazis gestohlenen Bernsteinzimmers im Schloss Zarskoje Selo gearbeitet. Heute betreibt er eine eigene Werkstatt in der Stadt an der Newa und achtet nebenbei darauf, dass sein großes Meisterwerk im alten Zarenschloss nicht zerstört wird.
Wohin die SS das Original-Bernsteinzimmer verschleppt hat, das kann und will Autor Dietmar Schumann in seinem Film nicht aufklären. Auch nicht in Kaliningrad, dem früheren Königsberg, wohin eine Spur führen soll. In Kaliningrad trifft er sich stattdessen mit Martin Bergau, einem vertriebenen Ostpreußen, der ihm die Wahrheit über ein weit schlimmeres Verbrechen aus der Zeit des Hitlerfaschismus berichtet: Bergau wurde als 16-Jähriger Zeuge eines Massakers der SS an 5000 jüdischen Frauen, Männern und Jugendlichen. Ende Januar 1945 wurden diese Menschen erschossen, erschlagen und ertränkt am Bernsteinstrand von Palmnicken.
Es sind vor allem die Menschen, denen Schumann an der Bernsteinküste begegnet, deren Geschichten diese Reisedokumentation spannend machen. Die opulenten Bilder Frank Vieltorfs zeigen die Schönheit dieser einzigartigen europäischen Kulturlandschaft an der Ostsee.