Nach Ansicht von Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) gefährdet der Streik bei der Telekom die Existenz des Unternehmens. "Ein wochenlanger Streik würde die Telekom in Lebensgefahr bringen", sagte Oettinger am Donnerstagabend in der ZDF-Sendung "Maybrit Illner" und fügte hinzu: "Es muss schnell gehen. Wenn die Telekom noch wochenlang Schlagzeilen macht, werden die Verbraucher zu anderen Anbietern gehen." Der Regierungschef warnte zugleich vor einer feindlichen Übernahme. Der Aktienkurs der Telekom sei trotz Dividende "miserabel". "Mit zehn oder elf Euro ist die Telekom tendenziell ein Übernahmefall."


Oettinger forderte Konzernspitze und Gewerkschaft auf, "nicht große Schlachten öffentlich zu führen, sondern sich rasch zu treffen". Kompromisse seien machbar, um trotz eines fairen Lohns Kosten zu senken und Dienstleistungen zu verbessern. Zwölf Prozent Lohnsenkung seien zu viel, 34 Wochenarbeitsstunden könnten "aber nicht das Maß aller Dinge bleiben", betonte der CDU-Politiker. Ziel müsse sein, dass der deutsche Marktführer im globalen Kommunikationsmarkt "lebensfähig" bleibe.
Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) rief in der Sendung ebenfalls zu einem schnellen Ende des Arbeitskampfes auf: "Es muss eine Lösung gefunden werden, das Unternehmen ist sonst in äußerster Gefahr", warnte er. Die Kosten müssten gesenkt und Verluste am Markt "mit allen Mitteln" gestoppt werden. Clement bezeichnete den früheren Staatsbetrieb als "unternehmerisches Desaster". "Das Unternehmen ist in einem Zustand, in dem die Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr gewährleistet ist."
Der Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Frank Bsirske, zeigte sich bei "Maybrit Illner" kompromissbereit: "Ich bin ganz sicher, dass am Ende der Verhandlungstisch zurückgewonnen werden muss." Der Gewerkschaftschef betonte, "dass am Ende beide Seiten überlegen müssen, wie sie aufeinander zugehen können".

Dennoch sei klar, dass die Mitarbeiter durch ihr Engagement in den letzten Jahren Managementfehler ausgeglichen hätten und dafür nun "damit belohnt werden, dass gesagt wird: Wir holen euch mal bei den Löhnen runter, damit wir den Aktionären die Dividenden durchreichen können, die wir auf eurem Rücken sparen. Das passt nicht zusammen", so Bsirske. Der seit einer Woche dauernde Streik bei der Telekom richtet sich gegen die Auslagerung von 50 000 Mitarbeitern in neue Service-Gesellschaften. Dort sollen die Mitarbeiter länger arbeiten und weniger verdienen. Die Telekom verweist auf den harten Konkurrenzdruck.

Der Wirtschaftsexperte Professor Wolfgang Gerke betonte, dass die Telekom keine Alternative habe. Sie müsse sich von den "unglaublichen Altlasten des Staatsunternehmens" trennen. Auch er warnte in diesem Zusammenhag vor einem Aufkauf des Konzerns. Ein Unternehmen könne und müsse den Marktwert für die Tätigkeiten seiner Mitarbeiter bezahlen. Eventuelle Differenzen zum Existenzminimum müsse die Gesellschaft bezahlen. Egal, wie man dieses Systhem dann auch nenne, müsse es zwei Voraussetzungen erfüllen. Wer arbeiten wolle, der müsse einen Lohn erhalten, von dem er auch leben könne. Wer nicht arbeiten wolle, der dürfe auch keine Hilfe empfangen, so Gerke.

Die Gebäudereinigerin und Betriebsrätin Susanne Neumann schilderte sehr anschaulich die Situation ihrer Kolleginnen, die für acht bezahlte Arbeitsstunden oft von morgens fünf Uhr bis abends 21 Uhr unterwegs seien. Die mit ihrem Stundenlohn von 7,87 Euro nicht nur sich selbst, sondern auch noch ihre Kinder finanzieren müssten und oft nicht wüssten "ob sie den Strom oder die Heizung anstellen können". Sie seien "Hungerkünstler, die damit Kinder groß ziehen". Durch befristete Verträge und nur angelernte Qualifikationen sei man austauschbar und damit ständig in der Existenz bedroht. Wer es wage krank oder schwanger zu werden, der "ist weg", so Neumann.