Im Kampf um die Herrschaft sind für Marie Antoinette die Würfel noch nicht gefallen. Ein Doppelspiel scheint ihr das einzige Mittel, um die neue Verfassung zu verhindern. Ein junger Revolutionär wird ihr zum Werkzeug.
Glühend erfüllt von der revolutionären Idee, glaubt er die Königin für die neue Staatsordnung zu gewinnen. Sie signalisiert ihm Bereitschaft - und um kein Misstrauen zu erregen, willigt sie ein, ein offizielles Schreiben an ihren Bruder, Leopold II. von Österreich, abzufassen, das diesen auffordert, die neuen Herrschaftsverhältnisse in Frankreich anzuerkennen.
"Marie Antoinette beginnt ihren Bruder Leopold II. in Wien mit Briefen zu bombardieren, in denen sie ihm ihre beklemmte Lage in Paris schildert. Das hat zunächst wenig Auswirkungen, weil Österreich selber in einer innen- und außenpolitischen Krise in dieser Zeit ist. Das ändert sich erst Mitte 1791, und so sind die Briefe Marie Antoinettes an ihren Bruder in erster Linie eines, nämlich lästig.
Österreich hat auch seit 1789 ein festgefügtes politisches Programm was Frankreich anbelangt: es gibt keine Intervention, das ist die klare Linie der Österreichischen Außenpolitik."
Die Revolution in Frankreich alarmiert die Monarchien Europas, doch zu einem Eingreifen können sich die Herrscher zu diesem Zeitpunkt nicht durchringen. In Wien geschieht zunächst nichts. Leopold II. scheint das Schicksal seiner Schwester beinahe gleichgültig zu sein. Zwei Tage nach der Aufforderung an ihren Bruder, das neue Frankreich anzuerkennen, lässt Marie Antoinette Leopold im Juli 1791 wissen, dass alles nur Komödie war:
"Ich glaubte mich den Wünschen von Parteiführern beugen zu müssen. Für mich ist es von äußerster Wichtigkeit, dass ich sie wenigstens noch eine Zeitlang glauben mache, ich sei ganz ihrer Meinung."
"So kann man nicht mehr leben ... uns bleibt nur noch der Appell an die ausländischen Mächte... Sie müssen uns unter allen Umständen zur Hilfe kommen! Ihr seid unsere einzige Rettung! Wir vertrauen nur noch auf euch!"
"...ich weiß selbst nicht mehr, welche Haltung und welchen Ton ich einnehmen soll ... Je mehr ich diese Nation sehe, desto mehr hasse und verachte ich sie... Unser Leben ist eine Hölle ..."
Zeit gewinnen ist alles. Aus verschlüsselten Botschaften wird klar, was Marie Antoinette wirklich will. Die Niederschlagung der Revolution von außen. Spricht aus diesen Worten Verrat oder nur Verzweiflung? Eine Spezialistin für historische Handschriften untersucht das Schriftbild Marie Antoinettes auf graphologische Besonderheiten.
"Das Schriftbild weist sehr viele Spaltungserscheinungen auf und daher ist es durchaus möglich, dass sie ein doppeltes Spiel spielt, das sie als solches gar nicht wahrnimmt. Es ist eigentlich auch eine Schrift ohne Verknüpfung - es ist damit auch eine ganz kurzatmige Schrift im intellektuellen und psychischen Bereich. Eine eiskalte Strategin war sie sicher nicht, dazu fehlte ihr einfach die intellektuelle Trennschärfe."
Ein Ring der Königin wird zur Botschaft für ihren einzig verbliebenen Vertrauten, Hans Axel von Fersen. Die eingravierten Worte "Feige, wer sie verlässt" werden ihm zur Aufforderung unter Lebensgefahr von Brüssel nach Paris zu reisen. Am Abend des 13. Februar 1792 erreicht er unerkannt den Palast und begibt sich in die Gemächer der Königin. Als er am nächsten Tag geht, ist es ein Abschied für immer. In sein Tagebuch notierte der Graf für diese Nacht nur die Worte "Dort geblieben".