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21. November 2009
 

aspekte

 
Gore Vidal. Quelle: ZDF
US-Schriftsteller Gore Vidal: "Wir haben doch nur eine Menge Reflexe."

aspekte

Dammbruch der Zivilisation

George W. Bush und Hurrikan Katrina

Seine Annäherung wurde tagelang beobachtet, seine Gefährlichkeit war bekannt. Dennoch waren die Schutzmaßnahmen gegen den Hurrikan ungenügend. Und noch als das Ausmaß der Katastrophe bekannt war, dauerte es Tage, bis adäquate Hilfe in Gang kam - im reichsten Land der Erde, das Raketen ins Weltall und Soldaten in fremde Erdteile schickt, das in der Meisterung organisatorischer Probleme weltweit als Vorbild gilt.

 
 
 
 

In welchem Zustand befindet sich die vielgerühmte amerikanische Zivilisation, wenn der Staat bei seiner wesentlichsten Aufgabe, das Leben seiner Bürger zu schützen, so versagt? Kommen die Segnungen der amerikanischen Gesellschaft heute nur noch den (Erfolg-)Reichen zu Gute? Haben die Mächtigen in Washington über ihren weltpolitischen Visionen die Realität im eigenen Land aus dem Auge verloren? Darüber spricht Tilman Jens mit dem amerikanischen Schriftsteller Gore Vidalan an seinem italienischen Wohnsitz.

 

ZDF: Mister Vidal, waren Sie überrascht, als Sie das Chaos in der US-amerikanischen Gesellschaft nach dem Hurrikan Katrina gesehen haben?

Zitat

„Wir haben doch nur eine Menge Reflexe und der erste davon ist normalerweise der Präventivkrieg. Dieses Mal gab allerdings nicht einmal einen Präventivkrieg gegen die Natur. “

Gore Vidal

Gore Vidal: Nein, ich habe in New Orleans gelebt. Als ich im Zweiten

Weltkrieg in der Armee diente, war ich sogar am Lake Pontchartrain stationiert. Ich habe immer gewusst, wie verletzlich diese Stadt war - wie jeder, der dort mal gelebt hat. Man sprach immer darüber, was passieren würde, wenn die Deiche brechen, was passiert, wenn das Wasser steigt. Das geht dort jedem durch den Kopf. Das geht natürlich der Regierung der Vereinigten Staaten nicht durch den Kopf, schon deshalb, weil sie keinen Kopf hat, durch den das gehen könnte.

 

ZDF: Sie meinen, man wusste nicht ...?

 

Vidal: Wir haben doch nur eine Menge Reflexe und der erste davon ist normalerweise der Präventivkrieg. Dieses Mal gab allerdings nicht einmal einen Präventivkrieg gegen die Natur. Denn es war schließlich die Natur, die uns bedrohte und eine unserer Städte zerstörte.

 

Wir haben gesehen, dass wir eine Regierung haben, die keinen Plan hatte, keinen Notfallplan. Seit fünfzig Jahren bedrohen wir die ganze Welt mit einem Weltkrieg ... Jetzt sehen wir nicht nur, wie angreifbar wir tatsächlich sind, sondern auch, dass wir eine Regierung haben, die auf keinerlei Realität reagiert.

 

Das Wetter hat sich wirklich geändert, auf der ganzen Welt. Wir sitzen hier im sonnigen Italien, und es ist heißer, als es jemals um diese Jahreszeit gewesen ist. Das Wetter hat sich auf jeden Fall verändert. Jeder weiß das.

 

ZDF: Ist die Katastrophe, das hungernde New Orleans, auch ein Symbol für die US-amerikanische Gesellschaft in diesen Tagen?

Zitat

„Für irgendeine Art von Orientierung braucht man sich aber nicht an ihn wenden, denn er hat keine. Dies ist ein Mann, der in seinem ganzen Leben noch nie richtige Arbeit hatte.“

Gore Vidal

Vidal: Ich glaube nicht, dass es ein Symbol ist, doch es spiegelt

wieder, dass man zum Präsidenten gewählt werden kann, indem man zum Beispiel seine Abneigung gegen Afroamerikaner zeigt, aber so, dass man es abdrucken kann. Dazu braucht man nicht einmal laut zu sprechen, sondern kann leise von "Welfare Mothers" (Anm. d. Red.: Mütter, die von Sozialfürsorge leben) reden, die ihre Lebensmittelmarken für ein paar Flaschen Kristall-Sekt ausgeben. Mehr gehört nicht dazu, um zum Präsidenten gewählt zu werden. Der Hass auf die Unterklasse, alle Unterklassen, aber hauptsächlich die schwarze, ist eine Konstante bei uns. Das wurde jetzt dramatisiert und die ganze Welt konnte es sehen, denn man ließ sie fallen und im Wasser dahintreiben.

 

ZDF: Wie war denn der Präsident in dieser Situation? George Bush kam zu einem sehr kurzen Besuch nach Louisiana ...

 

Vidal: Na ja, man nennt so etwas "Photo Oppurtunity" - Fotomöglichkeit. Und er wollte solch eine Möglichkeit. Für irgendeine Art von Orientierung braucht man sich aber nicht an ihn wenden, denn er hat keine. Dies ist ein Mann, der in seinem ganzen Leben noch nie richtige Arbeit hatte. Die meisten unserer Präsidenten sind ja Anwälte gewesen oder wirkten im öffentlichen Leben mit. Er ging auf's College. Dort hat er beim Sport nicht mitgemacht, dazu war er zu ungeschickt. Er bekam schlechte Noten; und worin war er ein Experte? Als Cheerleader! "Rah-Rah-Rarara!". So jemanden wählt man doch nicht zum Präsidenten, es sei denn man ist einer von den äußerst zynischen Öl- und Gasleuten, die einen der Ihren im Weißen Haus sitzen haben wollen, damit ihre Firma - sagen wir Halliburton - alle möglichen Chancen erhält.

 

ZDF: Aber die amerikanische Gesellschaft hat ihn doch gewählt?

 

Vidal: Die haben ihn nicht gewählt, diese Wahl... Geben Sie nicht dem amerikanischen Volk die Schuld, für das, was wir jetzt haben. Im Jahr 2000 hat man nicht für ihn gestimmt und im Jahr 2004 hat man auch nicht für ihn gestimmt. In beiden Fällen hat man die Wahl "gestohlen". (...) Elektronische Geräte, Datenübertragungsgeräte, unter anderem, waren offenbar verfälscht worden. (...) Unsere Medien sind korrupt und gehören ganz und gar zu der Bande in Washington. Also sagen Sie das nicht.

 

ZDF: Wie ist Ihre Meinung dazu, dass die USA eine der führenden Nationen der Welt sein wollen, zum Beispiel im Irak, und andererseits aber gar nicht wissen, wie sie mit diesem Hurrikan umgehen sollen?

Zitat

„Die Leute haben ja nichts anderes, woran sie sich orientieren können, außer Fernsehen und Printmedien - wo sie belogen werden. “

Gore Vidal

Vidal: Die Leute haben ja nichts anderes, woran sie sich

orientieren können, außer Fernsehen und Printmedien - wo sie belogen werden. Wir haben keine Krankenversorgung; wir haben ein schlechtes Bildungssystem für die allgemeine Öffentlichkeit, denen wird bloß eine Art Propaganda beigebracht, wie wunderbar wir doch sind und wie sehr wir von der Welt geliebt werden. Und der einzige Grund, warum wir angegriffen werden, ist, dass man uns beneidet. Neid ist ja das primäre Gefühl, das durch die Werbung hervorgerufen wird. Also "geh los und stehle es!", das ist da wohl die Botschaft.

 

ZDF: Und Herr Bush sagte ja auch mit als Erstes, dass es furchtbar sei, wie die Menschen in New Orleans jetzt stehlen und plündern.

 

Vidal: Seine politische Partei, die haben ja selbst gestohlen und geplündert, von den Armen! Von Wählern aus der Mittelschicht. Die Reichen werden geschützt; sie erhalten alle Steuervergünstigungen, die man sich nur vorstellen kann. Und das ist einer der Gründe, warum New Orleans so verletzlich war. Wie immer wurde sehr viel Geld auf die Seite gelegt, um die Deiche zu reparieren, das ist wie in Holland. Man kennt die Probleme sehr gut in New Orleans, aber dann war das Geld nicht mehr da. Und so wurden die Reparaturen nicht durchgeführt, und die Stadt war gegenüber dem ersten stärkeren Hurrikan verletzlich.

 

Wir haben ja in Amerika keine Kultur, wir haben eine Lebensart, so nennen wir das. Und unsere Lebensart ist einfach der absolute Konsum, für alle. Wir sind keine Staatsbürger, wir sind Konsumenten; so sieht uns die Regierung. Und in dem Maße, in dem die Regierungen dümmer und dümmer werden und ungehobelter, wird es immer mehr offensichtlich, mit welcher Verachtung sie die Menschen behandeln. Ganz egal, wie wir andere Länder behandeln, es geht darum, wie wir unsere eigenen Menschen behandeln. Und das ist ziemlich furchtbar. (...) Wir sind längst keine Republik mehr; wir sind so etwas wie eine Maschine für die Reichen.

 

ZDF: Wie viel zählt das Leben eines schwarzen Mannes, einer schwarzen Frau, in diesem Land, in dem es auch die Todesstrafe gibt?

Zitat

„Ganz egal, wie wir andere Länder behandeln, es geht darum, wie wir unsere eigenen Menschen behandeln. Und das ist ziemlich furchtbar. “

Gore Vidal

Vidal: Ganz offensichtlich sehr wenig. Aber man sagt es natürlich

nicht: Man geht in schwarze Kirchen, zeigt sich mit Jesse Jackson und tut alle möglichen ökumenischen Dinge, aber dann sendet man Signale aus, so ähnlich wie beim Voodoo, wie Tamtams: "Weg mit den Schwarzen, weg mit den Schwarzen ..."

ZDF: Was für Symbole?

 

Vidal: Meistens sind es die Sozialfürsorge und die Kriminalität. Alle denken, die Schwarzen werden finanziert; sie bekommen eine Million Dollar pro Jahr, um loszugehen und Weiße zu vergewaltigen und auszuplündern ...

 

Aber sie bekommen praktisch gar kein Geld vom Staat. Und sie haben eine hohe Kriminalitätsrate, weil sie in den heruntergekommenen Stadtteilen leben. Aber das ist auch schon alles. Doch man jagt den Weißen Angst ein, indem man ihnen sagt: "Ach, Sie wollen sich sicher fühlen, wenn Sie die Hauptstraße entlang gehen? Also, Sie werden sich nicht sicher fühlen, bis ich Bürgermeister dieser Stadt werde und ich einen kleinen Polizisten an jeder Straßenecke sehe." Oder wir installieren Videokameras, um "sie" zu beobachten. Man braucht gar nicht zu sagen, wer, "sie" reicht schon.

 

ZDF: Ich war im Astrodome in Houston und 95 oder vielleicht 98 Prozent der Leute dort waren Schwarze.

 

Vidal: Sie sind eben die Unterklasse von New Orleans und des gesamten Südens. In Mississippi, das gleich daneben liegt, ist es sogar noch schlimmer.

 

ZDF: Glauben Sie, dass New Orleans jemals wieder so sein wird, wie es war?

Zitat

„Schauen Sie, wir sind immer so damit beschäftigt, Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie in den Nahen Osten zu bringen, das heißt Dinge, die wir selbst nie probiert haben, und machen die Städte von anderen Leuten kaputt.“

Gore Vidal

Vidal: Ich wüsste nicht, wie. Schauen Sie, wir sind immer so damit

beschäftigt, Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie in den Nahen Osten zu bringen, das heißt Dinge, die wir selbst nie probiert haben, und machen die Städte von anderen Leuten kaputt. Dann schicken wir die Firma von Vizepräsident Cheney, Halliburton, dort hin, damit sie die Städte wieder aufbauen.

Wenn wir die Städte erst gar nicht zerstört hätten, dann bräuchten wir sie auch nicht zu reparieren. Aber es ist gut für das Geschäft einer sehr kleinen Gruppe, und es lässt sich ganz einfach sagen, für wen genau. Wir könnten im ganzen Land Plakate aufhängen und alle würden nicken, wenn sie die Poster von diesen nationalen Verbrechern sehen würden.

 

ZDF: Das heißt New Orleans wird nie wieder ...

 

Vidal: Es wird nicht mehr so sein, wie es mal war - aber nichts ist ja so, wie es mal war, egal wo.