Keine Epoche Europas war so religiös wie das Mittelalter. Ein Leben ohne Glauben an Gott war unvorstellbar; außerhalb der Kirche gab es kein Heil. Das europäische Christentum ist nicht zuletzt das Werk der Mönche. Die meisten blieben unbekannt. Einer von ihnen lebte in Schottland. Sein Name war Edward, hier erzählt er seine Geschichte.
"Ich war noch immer Novize, bis zum 5. Januar im Jahre des Herrn 1308, mein Namenstag. König Edward der Bekenner ist mein Schutzpatron. Vor Thomas, dem Abt von Saint Andrews, legte ich die Profess, das Gelübde ab. Ich bekam das Habit unseres Ordens."
"Ich gelobte Keuschheit, Gehorsam und Besitzlosigkeit: 'Alles sei allen gemeinsam, und keiner nenne etwas sein eigen.' "Friede und Freude im Heiligen Geist", bedeutet unser Orden. Ich weihte mein Leben unwiderruflich Gott."
"Erst sieben war ich, als mein Vater mich in die Obhut der Kirche gab. Wie hätte ich, Kind armer Eltern, sonst schreiben und lesen lernen können. Draußen heißt es, die Klöster seien 'Diebeshöhlen', die Mönche 'dicke Säcke mit faulem Mehl'? Wir aber leben streng nach den Regeln des Heiligen Benedikts: Ora et labora, bete und arbeite."

"Von früh bis spät kopierte ich Handschriften und studierte sie. Am meisten begeisterten mich Johannes Sacroboscos Beobachtungen der Himmelssphären in 'Tractatus de sphaera', einem geozentrischen Standardwerk an allen Universitäten, das zum Vorbild für alle nachfolgenden Lehrbücher wurde. Es wurde in viele Sprachen übersetzt. 'Gott schuf die Welt', steht in der Bibel. Aber woraus? Aus nichts? Muss uns nicht auch die Wissenschaft eine Antwort geben? Eines Tages wollte ich alles darüber wissen."
Im Mittelalter lag der Wissensschatz in den Händen der Kirche. Ehe Universitäten gegründet wurden, waren Klöster und Domschulen die Wissenschaftszentren Europas.
"Nach der Arbeit und dem letzten Gebet war Nachtruhe befohlen. Ich aber las oft heimlich im Buch der Himmelssphären von Sacroboscos. Über die Schöpfung schreiben französische Gelehrte: 'Am Anfang war Materie. Gott ist keine Wirkursache.' Das hieße aber: Gott ist nicht allmächtig?! Gab es das Universum schon, bevor Gott die Erde schuf? So zu denken, ist gottlose Ketzerei. Irrlehren werden mit der Hölle bestraft."
"Beim Lesen schlief ich ein, das Buch fing Feuer. Maledice! Der "Tractatus de sphaera" war nicht nur mein liebstes Buch, es war auch kaum zu ersetzen. Der ganze Stolz unserer Klosterbibliothek. Ich hatte mich eines schweren Vergehens schuldig gemacht. Zur Strafe erteilte mein Abt mir den Auftrag, in Toledo, im Königreich Kastilien, eine neue Abschrift des Buches zu beschaffen. Und zur Besserung der Fehler und zum Erhalt der Liebe sollte ich zum Grab des Heiligen Apostel Jakobus pilgern, um meine schwere Schuld zu tilgen. Ich würde lange, sehr lange, vielleicht ein ganzes Jahr unterwegs sein. In einer mir fremden Welt."
Über 3000 Kilometer hatte Edward vor sich, auf dem "harten Weg", wie Petrarca die Wallfahrt zum Grab des Apostel Jakobus nannte. Zu Fuß. Jenseits des Ärmelkanals würde er auf die Hauptroute in den Süden stoßen. Zu Tausenden waren dort Pilger auf der Nordroute über Paris und Bordeaux nach Santiago de Compostela unterwegs. Pilger aus Böhmen und dem Alpenraum kamen auf südlichen Routen bis zum Sammelpunkt Roncesvalles. Von da führte der Jakobsweg durch die Pyrenäen bis ans "Ende der Welt" - finis terrae.
"In den Herbergen hatte ich auf den Schlafliegen oft in die Mitte zu rücken, dem jeweils Vornehmsten war Platz zu machen. Das war auf der Pilgerreise das einzige Zugeständnis an die höheren Stände. Ansonsten teilten wir uns christlich Flöhe und Wanzen und den kurzen Schlaf. Noch vor Sonnenaufgang würden wir weiterzeihen. Doch kaum hatten wir in den Schlaf gefunden, wurden wir wieder geweckt. Ein Zug von Flagellanten kam am Hospiz vorbei. Sie mussten viel zu büßen haben, sie fürchteten Hölle und ewige Verdammnis."
Nichts beherrschte die Menschen des Mittelalters mehr als die Angst vor der Hölle. Die Hölle war für die Menschen des Mittelalters keine bloße Horrorvorstellung. Die Angst war so real, dass sie den frommen Massentourismus der Pilger in Bewegung setzte.
"Nach Wochen und Monaten der Strapazen erreichten wir endlich den Monte del Gozo, den Berg der Freude. Ich wurde 'Pilgerkönig', denn ich hatte als erster die Kathedrale gesehen, in der die Reliquien des Heiligen Jakobus gehütet werden."