Wenig spektakulär klingt die These, er habe die zwei Jahrzehnte ausschließlich in Palästina verbracht - unauffällig im Kreis der Familie und der Freunde. Demnach übernahm Jesus in Nazareth von seinem Vater Joseph das Handwerk des Zimmermanns.
Der griechische Begriff "tekton" aus der Bibel bezeichnet einen Bauhandwerker, der in der Stein- und Holzverarbeitung tätig ist. Zunächst also ein ganz normaler Junge - mit dem Allerweltsnamen "Jesus - Gott hilft". Er hatte Brüder und Schwestern, sprach wie alle anderen Aramäisch mit galiläischem Dialekt und gehörte zur großen Mehrheit der einfachen Leute.
Archäologen, die am See Genezareth die Ruinen von Tiberias freilegen, rechnen nicht damit, greifbare Beweise für die Existenz des Religionsstifters zu sichern. Individuelle Spuren, wie Inschriften, hinterließen nur gekrönte Häupter oder einflussreiche Bürger. Doch vor kurzem brachten die Ausgräber ein Kleinod aus der Zeit Jesu ans Tageslicht. Für den Projektleiter Yizhar Hirschfeld ein Meilenstein in seiner Karriere.
"Die Entdeckung ist wirklich aufregend. Ein Stück Marmor, das im 1. Jahrhundert importiert wurde. Es muss zum Palast von Herodes Antipas gehören. Von Flavius Josephus und aus dem Neuen Testament wissen wir, dass Herodes Antipas Tiberias etwa im Jahr 20 erbaut hat. Genau in der Zeit von Jesus. Er könnte hier als Zimmermann gearbeitet haben. Wir können diese Möglichkeit nicht ausschließen."
Kurios die Vorstellung, der 24jährige Mann könnte auf der Großbaustelle gearbeitet haben. Sozusagen als Angestellter von Herodes. Wenn er den Beruf ausgeübt hat, dann wundert es nicht, dass die antike Geschichtsschreibung darüber schweigt.
"Ich denke, er hat ein ganz unspektakuläres Leben geführt. Und deswegen wissen wir auch so wenig über ihn, weil solche Dinge nicht aufgezeichnet wurden. Heutzutage würden natürlich viele Leute gerne Objekte finden, die sich direkt mit Jesus verbinden lassen, aus derselben Zeit, vielleicht sogar von ihm angefasst - seine Sandale oder was auch immer. Wissenschaft hat hier manchmal eine sehr ernüchternde Funktion: zu unterscheiden zwischen Spekulation und Wahrscheinlichkeit."
Immerhin lässt sich anhand der Grabungen ein anschauliches Bild vom Alltag in Galiläa erstellen. Als Jesus 20 war, siedelten in dem unbedeutenden Nazareth nur 200 bis 300 Einwohner. Als gebürtiger Jude befolgte er sicher die Gesetze Moses, wie es die Tradition vorgab. Freitags stieg er ins Ritualbad, legte die Tefillin, die Gebetsriemen, an und hielt den Sabbat ein. Wie es dem Willen des Schöpfers entsprach, musste ein Mann Frau und Kinder haben. Daher nehmen einige Forscher an, dass Jesus vor seiner Wirkungszeit verheiratet war. Als Zimmermann könnte er den Unterhalt auf den Großbaustellen des Landes verdient haben.
Sepphoris - "die Stadt am Berge", wie es in der Bibel heißt - lag nur sieben Kilometer entfernt. Herodes baute sie zur Hauptstadt aus. Unter seiner Regierung wuchsen Villen, Verwaltungsgebäude sowie ein großes römisches Theater aus dem Boden. Hunderte von Tagelöhnern schufteten dort im Akkord.
Wenn der Mann aus Nazareth im Schweiße des Angesichts sein tägliches Brot verdiente, woher nahm er die Zeit, um seine Lehre zu entwickeln? Aus welchen Quellen schöpfte er seine Weisheit? Schon die Menschen der Antike brachten den Verkünder der frohen Botschaft mit dem fernen Indien in Verbindung. Auf den ersten Blick ein abenteuerlicher Gedanke.