Seit 1990 sind in der Nähe von Hamburg, in Geesthacht an der Ober-Elbe, 16 Kinder an Leukämie erkrankt, und das auf einem Gebiet von rund fünf Quadratkilometern, im Umkreis von zwei Atomanlagen. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es eine solche Häufung der Erkrankungen wie in der Elbmarsch. Drei Kinder und ein Jugendlicher sind an dieser Form des Blutkrebses bereits gestorben. Jetzt gibt es neue Erkenntnisse über einen möglichen Störfall.
Familie Jürgens wohnt gleich hinter dem Deich in Tespe, in Blickweite liegen das Kernkraftwerk Krümmel und genau gegenüber das Kernforschungszentrum GKSS in Geesthacht. Von dort sei das Unglück gekommen, glaubt Birte Jürgens. Ihre 16-jährige Tochter Nicole erkrankte 1991 an Leukämie. Und Leukämie kann auch durch Strahlung ausgelöst werden. Die Menschen in der Elbmarsch sind zutiefst beunruhigt.
Ein Vorfall im September 1986, den Augenzeugen beobachteten, rückte ins Blickfeld. Otto Kuhrwahl fuhr damals mit seinem Schiff die Elbe entlang und erinnert sich: "Rauch oder sozusagen Rauch quoll vom GKSS. Aber es war kein Rauch, es war sehr farbig. Das kann man gar nicht beschreiben, diese Farben. Das waren weder Regenbogenfarben noch irgendwie andere Farben, blau und grün und gelb und das quoll ziemlich dick da heraus."
Auch Bernhard Lühn, ein Anwohner, berichtet von einem merkwürdigen Feuerschein: "Wir haben hier neben dem Haus gestanden und den Feuerschein da gesehen. Da haben wir gedacht, was ist denn da los, ist da Feuer ausgebrochen? Aber nach Feuer sah das gar nicht aus. Das war gelb, überwiegend gelb, grün und bläulich."
Um das aufzuklären, setzten 1992 zuerst Schleswig-Holstein und später dann Niedersachsen eine Untersuchungskommission aus international anerkannten Wissenschaftlern ein. Nach zwölf Jahren kam es zum Eklat: Sechs Experten gaben auf. Gleichzeitig erhoben sie schwere Vorwürfe gegen ihren Auftraggeber, die Landesregierung Schleswig-Holstein.
Professor Otmar Wassermann, Vorsitzender der Untersuchungskommission Schleswig-Holstein, sagte am 01.11.2004: "Wir haben ernstzunehmende Hinweise, dass zwischen diesen beiden Atomanlagen an der Elbe ein Unfall aufgetreten ist, 1986, mit entsprechenden Kontaminationen, und dies alles wird unter den Teppich gefegt. Wir werden nicht unterstützt durch die Staatsanwaltschaft und nicht durch das Landeskriminalamt. Das heißt, hier wird etwas vertuscht, was die Öffentlichkeit nicht erfahren darf."
Am 12. September 1986 geriet durch einen Lüftungsschacht erhöhte Radioaktiviät mit der Außenluft ins Innere des Kernkraftwerks Krümmel. Der damalige Leiter des Atomkraftwerks beschwichtigte und meinte, es sei kein Grund zur Unruhe. Es sei nur Radon-Gas, also natürliche Radioaktivität aus dem Boden der Umgebung gewesen.
Wissenschaftler der Leukämiekommission Schleswig-Holstein untersuchten die Dachböden von alten Reethäusern. Mit dabei war die Physikerin Prof.em. I. Schmitz-Feuerhacke: "Und dabei haben wir dann Plutonium-Isotope gefunden und andere Transurane und konnten dann sicher sein, dass diese Art von Stoffen hier nichts mit dem normalen Untergrund zu tun haben, sondern dass es sich hier mit um kerntechnische Sonderstoffe gehandelt hat."