Am 5. September 1972, dem 11. Tag der XX. Olympischen Sommerspiele in München, lag Deutschland noch im Freudentaumel: Am Vorabend hatte die 16-jährige Ulrike Meyfarth nach einem mehrstündigen Krimi die Goldmedaille im Hochsprung der Damen gewonnen. Dann, in den frühen Morgenstunden, kletterten acht Palästinenser über den Zaun des Olympischen Dorfs und drangen in das israelische Mannschaftsquartier ein.
Gegen 4.35 Uhr fielen die ersten Schüsse in der Conollystraße 31. Zwei israelische Athleten starben im Kugelhagel, neun weitere Israelis wurden als Geiseln genommen.
Die Gruppe der Terroristen um Anführer Mohammad Massalha, genannt "Issa" (Jesus), forderte die Freilassung von über 200 Palästinensern in israelischen Gefängnissen sowie der RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Verantwortlich war die extremistische Organisation "Schwarzer September", eine von Jassir Arafat, dem Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), geduldete Splittergruppe.
Die Attentäter wollten die Live-Berichterstattung während der Olympischen Spiele nutzen, um auf das Palästinenserproblem aufmerksam zu machen. Unter den Augen der Weltöffentlichkeit begann ein zermürbender Verhandlungsmarathon mit dem deutschen Krisenstab - geprägt von Ultimaten, die verstrichen, von Drohungen, die Geiseln zu erschießen und von hilflosen Befreiungsversuchen der deutschen Polizeiführung.
Die Verkettung von unglücklichen Ereignissen und Fehleinschätzungen fiel mit unzureichenden Sicherheitsmaßnahmen zusammen. Es sollten ausgesprochen "heitere Spiele" werden, und entsprechend defensiv war das Sicherheitskonzept.
Der Olympia-Mord
90-minütige Dokumentation von Sebastian Dehnhardt, Uli Weidenbach Manfred Oldenburg
Sendung am 15. August 2006; 20:15 Uhr
"Wir verzichteten auf alle möglichen Reglementierungen, die sonst diesbezüglich üblich waren", sagt der damalige Münchner Polizeipräsident und Sicherheitsbeauftragte der Spiele, Manfred Schreiber. So hielt auch ein Postbeamter, der in den Morgenstunden einige Männer über den Zaun der Wohnanlage klettern sah, lediglich für angetrunkene "Spätheimkehrer".
Während die Angehörigen zu Hause in Israel um das Leben ihrer Liebsten bagten, lehnte die israelische Regierung Gespräche mit Terroristen grundsätzlich ab. Und die Bonner Republik war auf eine solche Situation nicht vorbereitet. Nach zwölf Stunden zäher Verhandlungen beschloss der Krisenstab die Stürmung des Gebäudes.
Der Plan scheiterte kläglich. Dutzende Kameras übertrugen die Bilder von der Polizeiaktion in die ganze Welt. Ein einsatztaktisches Versäumnis mit Folgen. Die verschanzten Terroristen konnten auf den Bildschirmen verfolgen, wie sich Schützen rund um die israelische Unterkunft postierten.
Die Attentäter verlangten daraufhin freies Geleit in einem Flugzeug nach Kairo. Zum Schein gingen die Verhandlungsführer auf die Forderungen ein. Hubschrauber brachten Terroristen und Geiseln nach Fürstenfeldbruck. Dort wartete eine Lufthansa-Maschine. Im Flugzeug sollten als Crew-Mitglieder verkleidete Polizisten warten. Doch die Beamten brachen den Einsatz wenige Minuten vor Eintreffen der Helikopter ab und flüchteten aus der Boeing.

Bei der Polizeiführung herrschte Informationschaos. Es mangelte an Ausbildung, Erfahrung und Ausrüstung. Der Vorschlag, die Reaktion auf ein eventuelles Attentat vor den Spielen zu erproben, war abgelehnt worden. Begründung: "zu unrealistisch". Eine weitere Fehleinschätzung: Nur fünf sogenannte Präzisionsschützen waren auf dem Flughafen postiert - um acht Terroristen außer Gefecht zu setzen. Es kam zu einem erbitterten Schusswechsel.
Währenddessen vermeldete der Bonner Regierungssprecher im Fernsehen: "Alle Geiseln frei!" Eine fatale Falschmeldung. Der Befreiungsversuch der deutschen Polizei misslang und endete in einem Blutbad. Die katastrophale Bilanz: Elf israelische Sportler, ein deutscher Polizist und fünf Attentäter waren tot. Drei überlebende Attentäter landeten in deutschen Gefängnissen. Die Spiele wurden schon am nächsten Tag fortgesetzt.
Die Reaktionen auf das Massaker waren heftig. Die Bundesregierung initiierte eine großangelegte Ausweisungswelle gegen in Deutschland lebende Araber und gründete die Spezialeinheit GSG-9, die vier Jahre später in Mogadischu ihren größten Erfolg feiern sollte. Die israelische Regierung um Golda Meir versprach den Angehörigen der Opfer, die Verantwortlichen des Attentats von München bis ans Ende der Welt zu jagen.
Währenddessen befürchteten die Sicherheitsorgane weitere Terroranschläge, denn noch waren die Spiele nicht vorbei. Die Schlussfeier war wegen des Attentats um einen Tag verschoben worden - auf den 11. September. An diesem Tag erhielt der Stadionsprecher Joachim Fuchsberger die Nachricht, ein Flugzeug sei entführt worden und nähere sich München.
Fuchsburger wurde anheim gestellt, 70.000 Menschen im Stadion auf die Gefahr eines möglichen Terroranschlags hinzuweisen oder nicht. Er malte sich aus, welche Folgen eine Massenpanik haben könnte - und unterbrach die Abschlusszeremonie nicht. Die Meldung entpuppte sich als Fehlalarm.
Unterdessen planten palästinensische Extremisten, wie sie ihre drei Kampfesbrüder befreien konnten. Nur acht Wochen nach dem Desaster von München wurde Deutschland mit der Entführung einer Lufthansa-Maschine von Beirut nach Frankfurt konfrontiert. Rasch gab man den Forderungen nach und ließ die drei überlebenden Attentäter von München nach Libyen ausreisen, wo sie als "Helden" gefeiert wurden.
Während die drei Attentäter gut gelaunt eine Pressekonferenz vor internationalen Journalisten gaben, liefen die Planungen für die Vergeltungsaktionen des israelischen Geheimdienstes Mossad auf Hochtouren. In Paris, Rom und auf Zypern wurden mehrere PLO-Mitglieder ermordet. Die spektakulärste "Sühne-Aktion" fand im April 1973 statt. Bei der Operation "Quelle der Jugend" wurden drei führende PLO-Aktivisten in Beirut von israelischen Spezialkräften liquidiert.
Drei Monate später brach Jubel aus im Mossad-Hauptquartier in Tel Aviv: Agenten wollten im norwegischen Lillehammer Ali Hassan Salameh identifiziert haben, einen der mutmaßlichen Drahtzieher von München. Die "Zielperson" wurde auf offener Straße erschossen - vor den Augen seiner hochschwangeren Frau. Doch das Mossad-Kommando erwischte den falschen Mann. Anstelle des sogenannten "Roten Prinzen" tötete es den marokkanischen Kellner Ahmed Bouchhikhi, der Salameh zum Verwechseln ähnlich sah.
Im Laufe der Jahre wurden zwei der drei Überlebenden von München vom israelischen Geheimdienst Mossad gestellt und ermordet. Doch der Drahtzieher von München - Abu Daoud - befindet sich noch auf freiem Fuß. Im August 1981 verübte der Mossad ein Attentat auf den Top-Terroristen, doch er überlebte die fünf Schüsse aus kürzester Distanz. Er gab für den Film in Damaskus ein Interview.
Auf Bitte der PLO-Führung wurde Abu Daoud in der DDR unter Schutz der Staatssicherheit gesund gepflegt. In der Folgezeit genoss der Hintermann des Olympia-Attentats von München VIP-Status in der DDR. Bis zur Wende ging er in Ost-Berlin ein und aus. Heute wird er per internationalem Haftbefehl von der deutschen Generalbundesanwaltschaft gesucht.
Der Olympia-Mord und seine Folgen haben die Welt verändert. Ulrich Pabst, damals Journalist und Zeitzeuge, zieht Bilanz: "Es ist der Beginn der Ära des Terrorismus, und zwar des weltweiten Terrorismus. Von diesem Zeitpunkt an war die Welt nicht mehr so, wie sie war. Deutschland hat sich verändert, unser Sicherheitsbedürfnis hat sich verändert. Es war ein großer Einbruch - für uns alle. Es war die Stunde null."