Im Tal der Könige finden sich unerwarteterweise noch weitere Gräber aus der Zeit der 18. Dynastie, der sogenannten Amarna-Epoche. "KV 55" ist einer der rätselhaftesten und umstrittensten Fundorte im Tal der Könige. Im Jahre 1907 entdeckte das Team um den Amerikaner Theodor Davis den Eingang zu dem geheimnisvollen Grab.
Am Ende des versiegelten Ganges fanden sie eine unverzierte Gruft. Am Boden sahen sie ein einziges Durcheinander: Reste eines Schreines, Holztafeln, Kanopen und magische Ziegel. Der Höhepunkt ist ein außergewöhnlicher Sarkophag mit einer königlichen Mumie. Sie stammt ganz offensichtlich aus der Amarna-Zeit. Doch seltsamerweise sind Namenskartusche und Gesicht aus dem Sarg herausgeschlagen. Könnte dies die Mumie der Nofretete sein? Die Hinweise im Grab sind verwirrend.

Überall befinden sich Inschriften königlicher Namen - ein "Who is Who?" von Amarna. Unter den Namen sind Echnaton, seine Mutter Teje und sogar der seiner Zweitfrau Kija, die ihm vermutlich einen Sohn gebar. Und all diese Namen stehen auch mit Pharao Tutanchamun in Verbindung. Der legendenumwobene Kindkönig war höchstwahrscheinlich Echnatons eigener Sohn. Er war der Nachfolger von Echnaton und Nofretete und erbte das Chaos, das in Amarna herrschte. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Tutanchamun und dem königlichen Sarkophag in diesem rätselhaften Grab KV 55?
Die Identifizierung der geheimnisvollen Mumie könnte ein Schlüssel zum Verständnis des Endes der Amarna Epoche sein. Es waren chaotische Zeiten. Man weiß bis heute nicht genau, was in diesen turbulenten Tagen mit dem König und seiner Familie geschah. Die Mumie ist bereits seit 100 Jahren in Kairo. Vor Jahren schon wollte man ihre Identität mit Hilfe von Röntgenuntersuchungen klären. Eine endgültige Antwort verspricht man sich nun vom Computertomograf. Er liefert Schichtbilder im Abstand von weniger als einem Millimeter - über den Körper verteilt insgesamt mehr als 1500. Es entstehen Aufnahmen von fast mikroskopischer Genauigkeit.
Erste Erkenntnis: Das Skelett ist männlich. Die Größe des Kiefers, die Augenbrauen und die Beckenknochen bestätigen dies. Diese Mumie ist offensichtlich nicht Nofretete. Könnte es sich dann vielleicht sogar um Echnaton selbst handeln? Der seltsam eiförmige Schädel ist besonders markant. Experten nennen diese Schädelform dolichozephal. Damit gleicht er auffallend dem eines anderen berühmten Pharao: Tutanchamun. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Schädeln ist nicht nur auffällig, sie ist geradezu unheimlich.

Die längliche Schädelform taucht in allen Kunstwerken der damaligen Zeit auf. Dieser eiförmige Kopf scheint die Mitglieder des Amarna-Königshauses von allen anderen zu unterscheiden. Doch das ist nur ein Punkt, in dem die Mumien übereinstimmen. Auch Oberkiefer und Backenknochen sind fast identisch, selbst die Unterkiefer sind zum Verwechseln ähnlich. Bei beiden zeigt sich eine leichte S-Form der Wirbelsäule. Außerdem: Die Weisheitszähne sind wie bei Tutanchamun im Kieferknochen verblieben. Doch die verblüffendste Ähnlichkeit zwischen dieser rätselhaften Mumie und Tutanchamun ist die Gaumenspalte.
"Bei einer normalen Entwicklung schließen sich die linke und rechte Gaumenhälfte. Manchmal wachsen sie jedoch nicht vollständig zusammen. Tutanchamun hatte eine winzige Gaumenspalte und die Mumie aus Grab 55 hatte auch eine."

Gaumenspalte, eiförmiger Schädel - dies sind Merkmale, die vom Vater auf den Sohn vererbt werden können. Hat das Team den verschwundenen Pharao Echnaton entdeckt? Eine neue Analyse des Sarkophags aus Grab 55 stützt diese These auf überraschende Weise. Die Tafel oder Kartusche, die den Namen der Mumie trug, ist zwar herausgeschlagen doch es gibt andere Indizien. Inschriften um die Kartusche herum weisen auf einen Namen: Echnaton.
"Wir können nun sagen - dass es sich bei der Mumie aus Grab 55 nach den neuen Beweisen, nach dem Alter von über 25 Jahren und den Inschriften um Echnaton handeln kann."
Eine endgültige Aussage zu treffen ist unmöglich. Doch die aktuellen Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass es tatsächlich Nofretetes verloren geglaubter Ehemann ist und mit aller Wahrscheinlichkeit Tutanchamuns Vater. Wiederentdeckt in Grab 55, etwa 30 Meter von Tutanchamuns eigenem Grab entfernt.