Zwei Tage vor dem Ende der Expedition steuern Jean-Marc und Gudrun voller Zuversicht zu einer der größeren Inseln. Ein Funksignal vom Boot ihrer Freunde signalisiert ihnen, dass nur wenige Meilen südwestlich Wölfe gesichtet wurden. Nun gilt es, keine Zeit zu verlieren.
Gudrun und Jean-Marc kommen gerade richtig bei Ebbe. Perfekte Bedingungen, denn im Schlick zeichnen sich frische Wolfsspuren ab. Sie sind vielleicht sogar noch von diesem Morgen. Es könnten sogar mehrere Wölfe sein. Auf der Insel sucht Gudrun deshalb sorgfältig nach weiteren Spuren und wird fündig. Ein stark ausgetretener Wolfspfad führt sie zu einem Grasstück, auf dem alles niedergetrampelt ist. Ein weiterer Hinweis ist ein aufgebrochener Hirschbeinknochen. Gudrun beschließt, sich ein Versteck zu suchen und abzuwarten. Es ist ihre letzte Chance.

Dann sind die ersten Wölfe zu sehen. Zunächst tauchen ein helles Weibchen und ein schwarzes Männchen auf - Wahrscheinlich die Leittiere, Alpha-Wölfin und Alpha-Wolf. Zwei weitere haben die typisch rötliche Färbung der Regenwölfe. Dann kommen noch zwei jüngere Wölfe hinzu, wahrscheinlich Geschwister und aus dem Wurf von letztem Jahr. Sie haben den Geruch von Gudrun aufgenommen, eine neue Erfahrung für die Wölfe. Ein weiteres etwa vier monate altes Jungtier ist zu sehen, auch schwarz, wie der Vater. Die älteren Geschwister spielen mit ihm.

Das Rudel bewegt sich auf der offenen Flusswiese wie auf einem Präsentierteller. Plötzlich gespannte Aufmerksamkeit: Das Alphapaar nimmt eine neue Spur von einem jungen Weibchen auf, vermutlich aus dem Wurf vom letzten Jahr. In der Natur hat alles seinen Platz und seine Richtigkeit. Auf der einen Seite kümmern sich die Eltern hingebungsvoll um ihren neuen Nachwuchs, und kurze Zeit später verscheuchen sie gnadenlos die Jungen vom letzten Jahr und verstoßen sie aus ihrem eigenen Rudel. Ein Rudel kann nur bis zu einer gewissen Anzahl an Wölfen ernähren.

Während das Wolfsrudel dem Weibchen folgt, bleibt das schwarze Jungtier auf der Wiese zurück. Noch kann der Kleine nicht mit seiner Familie Schritt halten. Sie wird später zu ihm zurückkehren. Gudrun beschließt, den Welpen nicht aus den Augen zu lassen. Sie hat sich dazu entschlossen auf der Wolfswiese zu biwakieren und hofft auf eine weitere Annäherung, denn die Wölfe sind gemeinhin sehr neugierig. Nachts hört Gudrun den jungen Wolf heulen. Er klingt total verzweifelt, er ruft nach dem Rest von seinem Rudel.
Am nächsten Morgen, dem letzten Tag der Expedition, hofft Gudrun, dass das Rudel bald wieder kommt und sie die Wölfe noch einmal aus der Nähe beobachten kann - und das bei idealen Bedingungen im offenen Gelände. Der schwarze Welpe liegt irgendwo im Gras versteckt. Gudrun wartet auf der Wiese und sucht mit dem Fernglas die Umgebung ab. Dann legt sie sich hin und das Unglaubliche geschieht: Die Wölfe schleichen sich an sie heran.

"Es ist verrückt, ich liege in Mitten eines wilden Wolfsrudels, bin umgeben von ihnen. Von Wölfen, die vielleicht noch nie einen Menschen zuvor gesehen haben. Und auch ich habe diese Wölfe noch nie erlebt, wir haben absolut überhaupt keine Erfahrung miteinander. Es kann eigentlich jetzt alles passieren. Ich fühle überhaupt keine Angst. Ich denke, dafür gibt es auch überhaupt keinen Grund."
Neugierig und ohne Scheu, aber dennoch vorsichtig umkreisen die Wölfe Gudrun - eine Sensation. Offensichtlich ist sie der erste Mensch, dem diese Tiere jemals begegnet sind. Alle sechs Wölfe sind total ruhig. Da ist kein Knurren, nichts. Die Alpha-Wölfin steht vor Gudrun, aber es gibt kein Anzeichen von Aggression. Ihre Nackenhaare stehen nicht auf, sie verhält sich absolut ruhig.

"Es ist sehr schön, wie ein Wolf behandelt zu werden - von einem Wolf. Gibt es etwas Harmonischeres als mit total wilden Wölfen tief in einem so ursprünglichen Land einen Abend zu verbringen und den Wölfen beim Spielen zuzusehen? Das ist ja schon fasst paradiesisch."
Der schwarze Welpe hat seine Familie wieder. Noch stundenlang bleibt das Rudel auf der Wiese, Gudruns Gegenwart scheint die Tiere nicht zu stören. Übermütig tollen sie herum. Selbst das Alphapaar zeigt sich völlig entspannt. Nur allzu schnell wird es dunkel, endgültig Zeit zum Aufbruch. Die Wölfe beginnen zu heulen, fast sieht es so aus, als wollten sie Gudrun nicht gehen lassen. Gudruns Erlebnis bringt auch neue Erkenntnisse für die Wissenschaft. Wölfe, die normalerweise als scheue oder aggressive Tiere gelten, können neugierig und sogar zutraulich sein. Für diese Küstenwölfe ist der Mensch noch kein Feind.

Bei Gudrun Pflüger wurde vier Wochen nach Beendigung der Dreharbeiten ein bösartiger Gehirntumor festgestellt. Die Erinnerung an ihre Begegnung mit den Wölfen hat ihr geholfen, ihr schweres Schicksal mit allen Folgen zu ertragen. Inzwischen geht es ihr wieder besser.