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12. Februar 2012
 

sonntags

 
sonntags, 9.02 Uhr
Einfach die Welt verändern. Quelle: ZDF
Es gibt Ratgeberliteratur für Weltveränderer - man kann ganz klein beginnen.

Chancen in der Krise entdecken

Menschen mit Visionen sind gefragt

von Dr. Ariane Martin

Die Kassen sind leer, die Wirtschaft geschwächt, die Umwelt verdreckt. Viele fürchten um ihren Arbeitsplatz, leiden unter Stress und werden von Existenzängsten geplagt. Mehr denn je sind Visionen, Innovationen und praktikable Lösungen gefragt, Menschen, die anpacken. Denn Krisen sind immer auch Chancen zur Kurskorrektur.

 
 
 
Niedrigpreisschild: 1-Euro-Shop. Quelle: ZDF
ZDF
Nicht unbedingt ein Zeichen für Armut: Einfach ist "in".

Gerade in Krisenzeiten stellt der Einzelne wie auch die Gemeinschaft sich nicht nur die Frage, was es wert ist zu erhalten, also nützlich und gut erscheint, sondern vor allem, was zu verbessern und zu ändern ist. Menschliche Potenziale treten jetzt mehr als sonst in den Vordergrund und haben größere Chancen, etwas zu bewegen als in "guten" Zeiten. Not macht erfinderisch.

Weniger ist mehr

"Was es alles gibt, das ich nicht brauche", seufzte schon Aristoteles in der griechischen Antike. Auch heute sind immer mehr Menschen die überbordende Fülle der Konsumwelt leid. "Ich hatte keine Lust mehr, dauernd einzukaufen", berichtet eine junge Frau im Interview: "Ich dachte irgendwann: was für ein Blödsinn. Ich arbeite und arbeite und gehe ins Geschäft und kaufe und kaufe. Und bleibe dabei immer ein bisschen unzufrieden." Eine andere ergänzt: "Und wenn, dann Dinge, die gut riechen, die schön aussehen. Ich will lieber Qualität im Leben haben als Quantität. Lieber das besondere Kleine als das Große, das reicht mir."

Hochpreisschild: Juwelier.
Das Geld für Goldschmuck raushauen?

Dass aus dem Trend zur neuen Einfachheit bald eine alle betreffende Notwendigkeit werden wird, zeigen aktuelle Entwicklungen, nicht nur der Finanzkrise. Hoher Lebensstandard, materieller Wohlstand - das ist wohl für große Teile der Bevölkerung bald vorbei. Die dafür notwendigen Ressourcen und Energiequellen werden knapp. In der Frage, wie immer mehr Menschen mit immer weniger auskommen sollen, sieht der Soziologe Ulrich Beck eine der "Kernfragen künftiger Gesellschaftsdiskurse". Er spricht deshalb bereits von der "Gesellschaft des Weniger".

"Ich will mein Leben zurück"

In einer hektischen, Flexibilität und Mobilität fordernden Leistungsgesellschaft wird Konsum zu einer Frage der Haltung, des Bewusstseins und der Ethik. Authentizität und Qualität, Zeit und Ruhe, Frieden, Freiheit, Unabhängigkeit, Geborgenheit, aber auch Einfachheit gewinnen an Wert. So sprach vor Jahren die junge deutsche Band "Wir sind Helden" mit ihrem Sommerhit "Guten Tag" vielen aus dem Herzen: "Ich tausch' nicht mehr, ich will mein Leben zurück", sang Judith Holofernes konsumkritisch lässig.

 
Ich konsumiere, also bin ich!?. Quelle: ZDF
ZDF
Ist Konsum Lebensinhalt? An der Mauer prangt dahinter ein Fragezeichen.

Wo geht es lang? Die Gesellschaft wie der Einzelne ist gezwungen, die eigenen Denkweisen und Handlungsmuster zu hinterfragen, Alternativen zu entwickeln. Naomi Klein, Autorin des viel beachteten Buches "No Logo", weist in einem Interview auf das "Vakuum, das durch die Schrumpfung von Staat und Kirche sowie durch den Zerfall von Gemeinschaften entstanden ist" hin. Die traditionellen Institutionen verlieren an Einfluss, die Folgen von Globalisierung, Klimawandel und Wirtschaftskrise stellen die Gesellschaft vor neue Herausforderungen und jeden Einzelnen vor neue Verantwortungen. Der Philosoph Dieter Thomä dazu: "Wir merken, wie die gewohnten Werkzeuge nicht mehr greifen und stehen hilflos da."

 

Wer, wenn nicht wir?

Immer mehr Menschen geht es nicht mehr darum, bereits bestehende Strukturen zu verbessern; sie suchen von Grund auf neue Wege, die eine andere, eine neue Welt mit neuen Strukturen entstehen lassen können, weil die alten den neuen Herausforderungen an vielen Stellen nicht mehr gerecht werden.

 

Auffallend ist, dass viele menschliche Ressourcen brachliegen und nicht genügend abgerufen werden. Zum Beispiel die Qualitäten von Müttern, die nicht berufstätig sind, aber viele Fähigkeiten aufweisen, die Qualitäten der Arbeitslosen, die Kräfte der noch nicht berufstätigen Jugend und die Kompetenzen und Erfahrungen der Älteren, die bereits aus dem Berufsleben ausgeschieden sind.

Mütter. Quelle: ZDF
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Engagement im Mütterzentrum

Impulse gehen von Einzelnen aus

Impulse für gesellschaftliche Innovationen gehen in der Regel von Einzelnen aus. Mit ihrer Begeisterung für die Sache, ihrem visionsgetriebenen Engagement und ihrer Vorbildfunktion können sie viele andere mitziehen. Nach und nach entsteht eine Art soziokreatives Feld, für das es viele Namen gibt: sozialer Sektor, dritter Sektor, Bürgersektor und so weiter. Es wird besiedelt von verschiedenen neuen Sozialformen und Initiativen von Bürgern: Mütterzentren, NGOs, Local-to-Local-Gruppen, Mentoring, (Bürger-)Stiftungen, ehrenamtlichen Projekten. Soziale Neuerer ermutigen andere, das Leben selbst in die Hand zu nehmen und damit sich und die Welt zu verändern. Ihr Engagement erinnert an ein bekanntes Sprichwort: "Wann, wenn nicht jetzt? Wo, wenn nicht hier? Wer, wenn nicht wir".

 
 
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