Vier Wochen vor Beginn der Olympischen Winterspiele 2010 in Kanada machte sich Sibylle Bassler auf den Weg nach Vancouver, um die Stimmung im Land einzufangen und um spannende Hintergrundinformationen rund um das Austragungsland Kanada zu sammeln. Ein Auszug aus dem Tagebuch.
Ankunft auf dem Vancouver International Airport, dem zweitgrößten Flughafen Kanadas, am Donnerstag, den 21. Januar 2010. Totempfähle der Ureinwohner, der "First Nations" von Kanada begrüßen die Ankommenden. Die Ankunftshalle ist wie ausgestorben, und das abends um acht Uhr. Nur ganz vereinzelt, geradezu versteckt, finden sich olympische Fähnchen.
"By Sea, Land and Air - we prosper" - "Zu Wasser, zu Lande und in der Luft schaffen wir Wohlstand", das Motto der Stadt - in Stein gemeißeltes Versprechen. Alle Wolkenkratzer hell erleuchtet, das Bankenviertel gleicht einer einzigen riesigen Lichterkette. Doch die Stadt wirkt menschenleer. Wo sind die rund 620.000 Menschen, die in der Innenstadt leben?

Vancouver - eine Insel der Glückseligen? "Vielleicht am Anfang, aber nach einer Zeit wacht man auf, denn viele, die hierher kommen und ihr Glück suchen, vergessen, dass sie sich selbst ja auch mitnehmen, ihre Sorgen, ihre Ängste", sagt die Hamburgerin Monika Redekop, die seit 15 Jahren hier lebt und als Rechtsanwältin auf kanadisches Einwanderungsrecht spezialisiert ist. Wir treffen sie auf dem Canada-Place, dem Wahrzeichen Vancouvers. Vor uns der Hafen mit Blick auf North Vancouver. Im Wasser dümpeln zahlreiche Wasserflugzeuge, hinter uns das futuristische Gebäude des deutschen Architekten Ed Zeidler mit seinen riesigen fünf weißen Segeln.

Der Hauptfehler vieler Einwanderer sei, dass sie die Vorstellung haben, gleich wieder da anfangen zu können, wo sie in Deutschland aufgehört haben. Ein großer Irrtum. Denn hier müssen sich alle neu qualifizieren, die mit einer Ausbildung ankommen. Die beruflichen Abschlüsse in der Heimat werden nicht akzeptiert. Und die Gehälter sind lange nicht so hoch wie in Deutschland, das Sozialsystem deutlich schlechter, bei Rentenzahlungen ist man auf sich selbst gestellt. 250.000 Menschen wandern jährlich nach Kanada ein, hauptsächlich Asiaten, dann Engländer und Deutsche. Kanada, das ganze System, sei auf Einwanderer angewiesen, um einen Gleichstand in der Demographie zu haben, so Redekop, denn viele Paare hätten höchstens noch zwei Kinder - und das sei eindeutig zu wenig.
Glitzernde Hochhäuser, eine atemberaubende Skyline, aber auch Natur pur mit Bergen, Wäldern und dem Pazifik vor der Haustür, das ganze Jahr über mildes Klima - Vancouver gilt als eine der lebenswertesten Städte der Welt. Und doch gibt es auch hier Schattenseiten: Down Town Eastside, das ärmste Viertel auf dem gesamten nordamerikanischen Kontinent. Nirgendwo ist die Dichte der Obdachlosen so hoch, hier gibt es die höchste Aids-Infektionsrate der westlichen Welt.

Anna lebt hier seit zehn Jahren. Ihre Habseligkeiten in einem Einkaufswagen hinter sich her ziehend, zeigt sie uns die East Hastings Street, ihre Heimat. "Es ist alles so gefährlich geworden in den letzten Jahren. Der Mensch zerstört sich selbst, mehr und mehr", sagt die 60-Jährige und zeigt auf die junge Crack-Abhängige, die sich vor ihr auf der Straße in ihrem Entzug windet, wie bei einem Veitstanz. In ihrem anderen Leben war sie verheiratet, hatte zwei Kinder, lebte in einem kleinen Häuschen. Bis ihr Mann sie verließ, wegen einer Jüngeren. Sie konnte die Miete nicht mehr bezahlen - und landete hier. Aber sie habe noch Glück: "Ja, andere sterben. Andere hören auf, das Leben zu genießen, ich habe nie damit aufgehört! Da habe ich Glück gehabt."

Morgens um fünf Uhr, vor Sonnenaufgang, Treffen mit Bill Williams, einem der Häuptlinge der Squamish-Indianer und Sprecher der "First Nations", der Ureinwohner Kanadas. Die "First Nations" sind offizielle Mit-Gastgeber der Olympischen Spiele, weil es ihr Land ist, auf dem die Spiele ausgetragen werden. Ein dunkler Parkplatz, mitten in einem Wald, man sieht nicht einmal die Hand vor den Augen. Chief Bill deutet uns, ihm zu folgen, es wird kaum gesprochen. Nur soviel, dass dies ein geweihter Ort sei, wo die Ahnen wohnen und viele Tiere wie Bären und anderes Wild. Man hört Flussrauschen, noch nicht einmal die Vögel zwitschern, dazu ist es zu früh. Wir nehmen einen kleinen Weg, stolpern mehr recht als schlecht einen Berg hinunter - und kommen endlich an einem Flusslauf an. Unserem Ziel.
Hier beginnt Chief Bill jeden Morgen vor Sonnenaufgang seinen Tag. Mit Gebeten, in denen er das Gute für sich und seinen Stamm heraufbeschwört. Mit Formeln, mit denen er das Böse von der Jugend abhalten will und mit einem Bad im eiskalten Wasser, das ihn für die Anforderungen des Tages stählen soll. Als Frau muss ich zurückbleiben, da dieses Ritual von Männern und Frauen getrennt ausgeführt wird: "In unserer Gesellschaft haben die Frauen einen ganz besonderen Rang, da sie Leben gebären, die Kinder auf die Welt bringen und somit mehr Kraft haben als die Männer. Das gemeinsame Bad würde unsere Kraft schmälern."

Fahrt nach Squamish, dem Hauptort des Squamish-Stamms, einem der First Nation Stämme, eine Autostunde von Vancouver City entfernt. Wir folgen der malerischen Straße entlang der Bucht "English Bay". Kleine Inseln, große Frachter, hohe Berge, tiefe Schluchten - ein einmaliges Erlebnis. Das alles hier ist der Grund und Boden der Squamish, einem der reichsten Stämme in Nordamerika. Ihr Reichtum ist begründet durch die Nähe zum fischreichen Meer, das milde Klima und das mit Bodenschätzen verwöhnte Gebiet.

"Die Tafel ist gedeckt", sagt Leah, eine Squamish, und zeigt auf das Meer. "Seit Jahrhunderten ernährten unsere Vorfahren sich vom Fisch, von Muscheln, von Krebsen. Es ging ihnen so gut, dass sie Zeit hatten, zu weben, zu schnitzen und Feste zu feiern." Mit den europäischen Eroberern endete dieser kulturelle Reichtum. Seither kämpften sie um ihre Rechte. Bis Mitte der 90-er Jahre wurden Kinder der "First Nations" aus ihren Familien genommen, um in christlichen Schulen umerzogen zu werden. "Meine Mutter wurde mit fünf Jahren aus ihrer Familie gerissen und in ein Waisenhaus gesteckt. Jeder Kontakt wurde ihr verboten, sie durfte die Sprache nicht sprechen, unsere Bräuche nicht erlernen. Mit 18 Jahren kam sie zu unserem Stamm zurück, zerbrochen und fremd in ihrer Heimat. So wie ihr ging es vielen. Und es wird Jahrzehnte dauern, bis diese Wunden verheilt sind."
Andrea Reimer ist der politische Shooting-Star in Kanada. 38 Jahre alt, einzige Grüne, mit einem IQ von 160. Sie sitzt im Rathaus, der City Hall, ist die Zweite Bürgermeisterin der Stadt und kämpft entschlossen gegen die Armut in Vancouver. Sie kennt Deutschland, hat Kontakte zu den Grünen in Deutschland. Ich will von ihr wissen, warum in Vancouver so viel Armut, Drogensucht, Arbeitslosigkeit und häusliche Gewalt herrschen? "Wir haben dieses Problem jahrelang vernachlässigt. Es gab lange keine Strategie gegen Obdachlosigkeit, keine Wohnprojekte, Sozialhilfe wurde gestrichen. Es gibt vieles zu tun, medizinisch, sozial und im Bereich der Unterkunft, aber es ist kein Geld da."

Andrea Reimer weiß wovon sie spricht. Sie selbst ist mit zehn von zuhause ausgerissen, landete auf der Straße und kam mit Drogen in Berührung. "Die Menschen sind wie du und ich und dann passiert plötzlich etwas in ihrem Leben, ein Drama und sie landen da, wo sie jetzt sind. Ganz unten. Ich weiß wovon ich rede, denn ich habe selbst auf der Straße gelebt, und viele meiner Freunde haben den Absprung nicht geschafft. Sie sind gestorben. Niemand sollte so leben müssen."

Besuch der Waldorfschule, am Rande der Stadt gelegen. Sie ist eine der vielen privaten Schulen hier in Vancouver. In Kanada gehen die Schüler in Ganztagsschulen. Alle machen einen Abschluss, der dem deutschen Abitur entspricht. Wollen die Schüler später eine Universität besuchen, dann kostet das, ähnlich wie in den USA. Luisa kommt aus Heilbronn, lebt seit einem Jahr hier. Die Schule sagt sie, sei so ganz anders als in Deutschland: "Es ist freunschaftlicher. Man umarmt auch mal einen Lehrer, ich finde das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler hier besser." Kein Wunder, denn in jeder Klasse sind höchstens zwanzig Schüler. Da bleibt auch für die Lehrer genügend Zeit, sich um den Einzelnen intensiv zu kümmern und auf die Prüfungen vorzubereiten. "Wenn ich an meine eigene Jugend zurückdenke, das Abitur war schon eine schwere Last auf den Schultern, und das haben wir hier weitgehend abgebaut. Hier ist das Zusammenarbeiten persönlicher. Ich nehme mir Zeit für jeden", sagt Eitel Timm, Philosophie- und Englisch-Lehrer an der Schule.
Doch bei aller Leichtigkeit des Seins gibt es doch etwas, was man hier in Vancouver schon sehr vermisst, so der Direktor der Schule, Arnold Grimm: "Was mir manchmal von Deutschland fehlt ist die Kultur. Aber ich sag mir immer wieder, Kultur kann man schaffen, Natur nicht mehr. Und wir haben hier viel Natur und können Kultur noch schaffen."
Noch knapp drei Wochen bis zum Beginn der Spiele. Die Begeisterung, die Euphorie hält sich bei der Bevölkerung noch in Grenzen. Auf der Fahrt zum Flughafen gibt mir der Taxifahrer eine Erklärung dafür: "Die ganze Stadt wird abgeriegelt, Hauptverkehrsadern gesperrt. Die City zur Sicherheitszone erklärt. Zu den Spielstätten nach Whistler kommt man überhaupt nur mit dem Bus - meinen Sie, das macht uns Spaß? Für mein Geschäft ist das zwar gut, aber ganz unter uns: Ich bin froh, wenn die Spiele wieder rum sind."