Hauptnavigation:

Sie sind hier:

 

ZDF.reportage

 
sonntags, 18.00 Uhr
Peer Hellmold, 26, Bürokaufmann. Quelle: ZDF
Peer Hellmold, 26, Bürokaufmann

Hartz-Haus: Der Erbe

Peers fiktives Vermögen

Ausbildung schützt nicht vor Arbeitslosigkeit

Philipp Müller

Ein neuer Bewohner für unser Hartz-Haus: Peer Hellmold ist 26 Jahre alt und hat noch nie einen festen Job gehabt - trotz Ausbildung und Bewerbungstraining. Jetzt geht das Geld endgültig aus, ein Erbe bricht Peer das Genick.

 
 
 
 

Peer ist 26 Jahre und Bürokaufmann mit guten Noten. Er hat seinen Zivildienst absolviert, von seinem Vater etwas geerbt und eine Frau gefunden. Nur einmal kam er mit der Polizei in Kontakt.

Bei einer Kontrolle wurde Peer gefragt, ob er Haschisch rauche. Er wollte nicht lügen und sagte: "Ja, gelegentlich". Strafrechtlich war das nicht bedenklich. Aber die Polizei meldete den Konsum bei der Zulassungsbehörde, und damit war der Führerschein weg. Um ihn wieder zu bekommen, hätte Peer die Medizinisch-Psychologische Untersuchung, den Idiotentest, machen müssen. Doch dafür hatte er kein Geld. Nun ist der fehlende Führerschein sein Handicap bei Bewerbungen.

 

Ein Erbe als Verhängnis

490 Euro Arbeitslosenhilfe bekommt Peer derzeit. Die Ansprüche hat er als Zivi erworben, denn lange gearbeitet hat er seit seiner Ausbildung nicht. Drei Monate Probezeit hatte er bei der Drogeriekette Schlecker. Aber widerspruchslos ausbeuten lassen wollte er sich nicht. Nach seinen Beschwerden über unzählige nicht anerkannte Überstunden wurde Peer nicht übernommen.

 

Jetzt kommt Hartz IV und das Erbe des Vaters wird Peer nun zum Verhängnis - es wird als Vermögen betrachtet. Doch so einfach ist die Sache nicht: Ein Sechstel von 24 Garagen hat er geerbt, die anderen Teile gehören seinem Bruder und seinen beiden Onkeln. Wem welche Garage gehört, ist nicht festgelegt. Dadurch ist das Sechstel nicht verkäuflich, zumindest nicht sofort. Trotzdem wird es ab 1. Januar für Peer aller Voraussicht nach kein Geld mehr geben.

Peer Hellmold - sucht Arbeit. Quelle: ZDF
ZDF
Peer Hellmold würde gern arbeiten

Lügen wollte er nicht

Brav hatte Peer das bescheidene Vermögen beim Arbeitsamt angegeben, sogar die Grundbuchauszüge besorgt, denn lügen wollte er nicht. Auch die Grundstücke schnell noch seinen Verwandten zu schenken kam ihm nicht in den Sinn. Das Amt rechnet nun den theoretischen Wert als reales Vermögen. Auf 20.000 Euro werden die Garagen geschätzt, knapp 6000 Euro Freibetrag werden berücksichtigt. Das reicht nach Beamtenlogik für über vier Jahre Lebensunterhalt.

Noch hat Peer seinen Bescheid nicht bekommen. Er rechnet aber damit, dass er und seine Frau Maria ab Januar von ihrem Einkommen leben müssen: 680 Euro Netto aus ihrer Anstellung als Bürokauffrau. Abzuziehen sind 490 Euro Miete warm. Einzige Hoffnung für Peer: Wenn er schriftlich nachweisen kann, dass seine geerbten Garagen zur Zeit tatsächlich nicht verkäuflich sind, bekommt er das Arbeitslosengeld II.

 

Infobox

Freibetrag bei der Vermögensanrechnung

Beim ALG II wird das Vermögen der Antragssteller berücksichtigt, abzüglich eines Freibetrags: Der beträgt 200 Euro für jedes Lebensjahr, maximal 13.000 Euro - jeweils für den Arbeitslosen und den Partner. Den gleichen Freibetrag gibt es nochmals für die Altersvorsorge - sowohl für den Arbeitslosen als auch für seinen (Ehe-)Partner. Auch hier gilt die Höchstgrenze von 13.000 Euro pro Partner.

 

Mittagessen als knappes Gut

Geld ist schon jetzt an jeder Ecke knapp. "Ein Euro 44 kostet das Porto für eine Bewerbung", rechnet Peer vor, "plus ein Foto - derzeit kann ich mir nicht einmal das leisten." Er findet die Briefe nach 155 Absagen ohnehin ziemlich überflüssig. Seine Erfahrung: Ohne Arbeitserfahrung gibt es keinen Job und ohne Job keine Arbeitserfahrung.

 

Seit fast 18 Monaten sucht er schon, mittlerweile ohne Aussicht. "Ich habe mich doch überall schon zwei Mal beworben", sagt er, "und vom Arbeitsamt habe ich in zwei Jahren nur zwei Jobs angeboten bekommen." Einer davon war schon vergeben.

 

Investition Führerschein

Zum Mittagessen geht Peer an diesem Tag zur Oma eines Freundes. Die Eltern seiner Frau wollen diese Woche erst in einigen Tagen wieder für das Paar einkaufen. Dieser Monat ist besonders knapp. Peer hat sein letztes Geld investiert, um endlich wieder einen Job bekommen zu können.

 

400 Euro verlangte der Arzt für die gesundheitliche Überprüfung, die Peer braucht, um seinen Führerschein wieder zu bekommen. 200 Euro konnte Peer anzahlen, er hat einfach die Hälfe seiner Arbeitslosenhilfe auf einen Schlag ausgegeben. Den Rest darf Peer in Raten abstottern, wie, weiß er noch nicht. Er weiß nur: "Mit Führerschein habe ich überhaupt erst wieder eine Chance".

Wählerisch ist der 26-Jährige schon lange nicht mehr. Arbeit nähme er sofort an. "Müllabfuhr wäre super", sagt Peer, "auch einen Ein-Euro-Job würde ich sofort machen." Peer hat alles auf eine Karte gesetzt, den Führerschein. Der Test ist positiv verlaufen, Peer ist absolut führerscheintauglich. Jetzt muss es klappen. Peer will einmal eine Chance bekommen.

 
 
  • del.icio.us
  • digg
  • facebook
  • twitter
  • myspace
  • mrwong
  • webnews
  • yigg