Irgendeiner fängt an, streckt die Fackel in die dunkle Nacht und schreit: "Ausländer raus, Russland den Russen." Die anderen fallen reflexartig ein, skandieren ihre faschistischen Parolen mit erhobenen rechten Armen - Neonazis in Russland, in Sankt Petersburg.
Sie schwören sich in dieser Nacht auf neue Verbrechen ein, die sie lauthals als "Kampf für ein Russland ohne Ausländer und Juden" verhökern. Die, die dem Ruf der rechten Rattenfänger willig folgen, belassen es nicht nur bei Beleidigung, Nötigung und Körperverletzung: Die Nazis von Sankt Petersburg töten, blindwütig und aus Überzeugung. Ihr Anführer: Juri Beljajew, ehemaliger Polizeichef von Sankt Petersburg, bekennender Antisemit und Rassist. Er ist Vorbild und Kopf der neofaschistischen Freiheitspartei. Beljajew billigt jede Form von Gewalt, ausdrücklich befürwortet er die Hetzjagden seiner rund 1000 "Kameraden". Hauptsache es trifft einen Ausländer.
Mit Ideologie und Selbstvertrauen nährt er seine Anhänger, die Schwelle zum Mord ohne Skrupel zu überschreiten. "Wir sagen ihnen, dass sie zum besten Volk der Welt gehören, zu den Russen. Und dass sie die Sache ihres Volkes weiterführen müssen. Deshalb kommen die jungen Männer zu uns, weil wir sie preisen, statt sie zu beschimpfen. Die Idee ist ja nicht neu. Schließlich hat Hitler auch dadurch gesiegt, dass er die Jugend für sich gewinnen konnte, zur richtigen Zeit."

Diese Parolen fallen nicht nur in Sankt Petersburg auf fruchtbaren Boden. Mehrere Dutzend nazistische Organisationen gibt es mittlerweile im Vielvölkerstaat Russland. Experten schätzen, dass landesweit rund 40.000 Skinheads ihr Unwesen treiben. Sie verbreiten ihre Propaganda und ihren Hass in dem Land, das einst Hitlerdeutschland mit besiegte, und gehen offen vor gegen alle, die nicht ihren Idealen entsprechen: Araber, Afrikaner, Asiaten. Wer Glück hat, überlebt die Angriffe.

Elasik Fraise hatte kein Glück. Er starb an den schweren Verletzungen, die ihm die Neonazis beigebracht hatten. Elasik kam aus dem Kongo, studierte in Sankt Petersburg. Die afrikanischen Freunde zeigen Fotos von Elasik. Sie haben Angst, sind aus dem Studentenwohnheim ausgezogen, weil Wohnheime regelmäßig von Skinheads überfallen werden. Auf die Straße trauen sie sich oft nur noch in Gruppen. Die Polizei? "Die verhöhnt uns doch nur. Sie sagen, wir sollen unsere Türen abschließen".
Ihre letzte Hoffnung ist Präsident Putin. Er hat in einer Fernsehfragestunde versprochen, entschlossen gegen Neonazis vorzugehen. Doch die Beteuerungen Putins wirken unglaubwürdig angesichts der Bilder von Beljajew und seiner Truppe in Sankt Petersburg. Sie agieren ungestört in der Öffentlichkeit oder bei ihren regelmäßigen Schießübungen, draußen, vor den Toren der Stadt. Da hocken sie im Schnee, das Gewehr auf einen Stein gestützt. Und zielen auf eine Pappfigur, auf der steht: Demokrat.
Aus Sankt Petersburg berichtet unser Korrespondent Joachim Bartz.