Europa ist bekannt für seine vielfältigen Naturlandschaften und seine weit zurückreichende Kultur. Niemand würde auf die Idee kommen, dass die idyllischen Kleinstädte, pittoresken Urlaubsgebiete oder traditionsreichen Metropolen quer durch Europa von Erdbeben bedroht sein könnten.
Im November 1983 ließ ein Beben der Stärke 5.0 auf der Richterskala zum ersten Mal Zweifel an der Sicherheit in Europa aufkommen. Die Erdstöße trafen die belgische Stadt Lüttich völlig überraschend, die Einwohner waren schockiert. Den Sachschaden bezifferte man mit 200 Millionen Euro, zwei Menschen starben. Geologen beurteilten das Beben als Einzelfall, als "Ausrutscher der Natur". Doch dies ist aus heutiger Sicht ein großer Fehler.

Erst eine ebenso unerwartete Erschütterung am anderen Ende der Welt weckte die europäische Wissenschaftsgemeinde aus ihrem Dornröschenschlaf. Die australische Stadt Newcastle wurde im Dezember 1989 ebenfalls ohne Vorwarnung von einem Beben der Stärke 5.6 getroffen. Der Schaden war immens, 13 Menschen kamen um. Auch diese Region hatten Geologen für völlig sicher gehalten. Für den belgischen Seismologen Thierry Camelbeeck Grund genug, sich näher mit der Situation in Europa zu beschäftigen.
"Wenn große Erdbeben mitten in Australien zuschlagen können, in einer sehr stabilen Region, dann sehe ich keinen Grund, warum es nicht ähnliche Erdbeben zum Beispiel im Nordwesten von Europa geben sollte."

Camelbeeck war der erste, der Unregelmäßigkeiten in den Sedimenten Europas mit Erdbeben in Zusammenhang brachte. In Belgien grub er 1996 eine solche so genannte Verwerfung aus und fand gemeinsam mit seinem Kollegen Mustapha Maghroui zahlreiche Hinweise auf frühere Erdbebenereignisse. Die meisten Forscher blieben allerdings skeptisch.
"In unserer Grabung konnten die Geologen die Erdbewegungen selbst sehen und wir überzeugten sie, dass diese Verwerfungen immer noch aktiv sind und mittlere oder schwere Erdbeben hervorrufen können."
Dass Europa eine feurige Vergangenheit hat, ist lange bekannt. Erst 10.000 Jahre ist es her, dass der letzte Vulkan in Deutschland ausgebrochen ist - nicht mehr als ein Wimpernschlag aus geologischer Sicht. Die Ursache für Erdbeben und Vulkanismus liegt tief im Inneren unseres Planeten. Der 3600 Kilometer dicke, glutflüssige Kern ist der Motor einer erstaunlichen Maschinerie. Mit Temperaturen um die 5000 Grad verflüssigt er das Gestein des Erdmantels und hält es ständig in Bewegung. Eine Computeranimation veranschaulicht, wie heißes Material aufsteigt und durch den Erdmantel dringt, während kaltes nach unten fällt. Die Auswertung von Erdbebenwellen ergab, dass der gesamte Planet lange nicht so fest ist, wie wir glauben möchten.
"Das Material des Erdmantels ist in der Tat etwas eigenartig. Über kurze Zeiträume betrachtet, ist dieses Material auch fest. Betrachtet man es aber über lange geologische Zeiträume, so verhält sich dieses Material wie eine Flüssigkeit. Wenn man viskose Flüssigkeit beheizt, dann steigt sie auf, die kalte Flüssigkeit steigt ab. Aufströme führen dazu, dass sich große Teile der Erdkruste gegeneinander verschieben. Die Abströme sorgen dafür, dass es Erdbeben und Vulkanismus gibt und diese Prozesse laufen sicherlich schon seit Bestehen der Erde."

Auch heute bestimmt das beständige Fließen und Strömen alles Leben auf der Erde. Doch nur wenn sich eine Katastrophe ereignet, nehmen wir den gigantischen Mechanismus überhaupt wahr. Wie beispielsweise in Kobe. Das Beben vom Januar 1995 mit einer Magnitude von 7.2 auf der Richterskala gehörte zu den heftigsten der jüngeren Vergangenheit. 5000 Tote, 25.000 Verletzte und 250.000 Obdachlose, ein Sachschaden von rund 100 Milliarden Euro - so die traurige Bilanz. Das Beben von San Francisco im Jahre 1906 ist legendär, die Stärke von 7.8 führte zu offiziell 3000 Toten. 1989 schlug ein weiteres Beben der Stärke 7.1 zu, 20 Sekunden dauerten die Erdstöße. Ergebnis: 62 Tote und 4000 Verletzte. Der Sachschaden ging in die Milliardenhöhe.
Tsunamis, riesige Flutwellen, sind häufig Folgen unterseeischer Erdbeben. Im Dezember 2004 forderte eine solche Katastrophe 300.000 Menschenleben, die Stärke wird auf 9.3 auf der Richterskala geschätzt. Noch heute sind große Gebiete in Südasien verwüstet.

Erdbeben sind eine Folge der Plattenverschiebung. 14 solcher Platten sind den Wissenschaftlern heute bekannt. Die Landmassen treiben auf diesen Kontinentalplatten wie Eisschollen auf dem Wasser. Seit drei Milliarden Jahren bewegen sie sich aufeinander zu und entfernen sich wieder voneinander, stoßen zusammen und reiben sich aneinander. Das besondere Interesse der Erdbebenforscher galt bisher den Subduktionszonen. An diesen stoßen Kontinentalplatten aneinander, schiebt sich möglicherweise kälteres unter wärmeres Material. Dort ist zwingend mit Erdstößen und Vulkanismus von ungeheurer Kraft zu rechnen.
In Europa gibt es eine Vielzahl geologischer Irritationen, obwohl die Ränder der Kontinentalplatte weit entfernt liegen. Trotzdem erzeugte eine dieser angeblich harmlosen Verwerfungen neun Jahre nach Lüttich ein weiteres starkes Beben. Am 13. April um 1.20 Uhr morgens wurde die niederländische Stadt Roermond von einem der schlimmsten Erdbeben der Neuzeit heimgesucht. Das Beben erreichte eine Stärke von 5.8 auf der Richterskala. Das bedeutet: Es war sechs Mal stärker als das von Lüttich. Den Schaden schätzten Experten auf über 100 Millionen Euro.