Die Wehrmacht - Eine Bilanz (1/5)
Angriff auf Europa
Mehr als 17 Millionen Männer dienten in ihr, mehr als fünf Jahre lang führte sie den wohl mörderischsten Krieg der Weltgeschichte, hielt zeitweise halb Europa besetzt und endete doch in der totalen Niederlage: die deutsche Wehrmacht. Über sechs Jahrzehnte nach Kriegsende und zehn Jahre, nachdem die Ausstellung über die Verbrechen der Armee Hitlers eine hitzige Debatte in Deutschland entfacht hat, setzt das ZDF mit der fünfteiligen Reihe "Die Wehrmacht - Eine Bilanz" einen aktuellen Programmakzent.
Jüngst entdeckte Dokumente gewähren einen unverstellten Einblick, wie die deutsche Generalität Hitler und den Krieg sah. Zahlreiche hohe Militärs waren im Offiziers-Gefangenenlager Trent Park bei London interniert; dort hörte der britische Geheimdienst ihre vertraulichen Gespräche ab. Bis vor kurzem waren die Lauschprotokolle streng geheim, nun werden sie erstmals in einer Fernsehdokumentation gezeigt.
Wesentliche Passagen mit aufschlussreichen, bisweilen bestürzenden Aussagen und Selbsterkenntnissen werden szenisch rekonstruiert. Sie illustrieren, wie sich die Wehrmacht zum Werkzeug der Diktatur in einem beispiellosen Vernichtungsfeldzug machen ließ - und wie wenig Widerstand es dagegen gab. Vor allem die Generäle waren keineswegs nur Befehlsempfänger, viele führten diesen Krieg aus Überzeugung.
Die fünfteilige Sendereihe spiegelt den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung. Vor allem kommt eine junge Generation von Historikern zu Wort, die in den letzten Jahren durch neue und unerwartete Erkenntnisse von sich reden machte.
Eine Fülle bislang ungezeigter Filmfunde aus Privatarchiven sowie eindringliche Schilderungen ehemaliger Soldaten vermitteln eine Vorstellung vom Alltag an der Front: "Wir wollten vor allem überleben" - darin stimmen die mehr als hundert Zeitzeugen überein, die für die Reihe befragt wurden. Einige von ihnen waren Augenzeugen von Kriegsverbrechen.
Die erste Folge "Angriff auf Europa" führt vor Augen, wie Millionen von Soldaten den Expansionsdrang des Terrorregimes in die Tat umsetzten. Lang gehegte Mythen werden dabei in Frage gestellt. Nicht erst der Krieg gegen die Sowjetunion zielte auf Vernichtung, sondern schon der Angriff auf Polen.
Neuere Forschungen zum Frankreichfeldzug zeigen, dass die Wehrmacht zu jener Zeit keineswegs die unbezwingbare Kriegsmaschine war, als die sie galt.
Entgegen der Legende hing der Sieg im Juni 1940 am seidenen Faden. Entscheidende Erfolge wurden nicht auf, sondern ausdrücklich gegen den Befehl Hitlers errungen.
Auf Quellenfunde aus jüngster Zeit stützen Historiker eine brisante These: Nicht strategische Gründe hätten den Diktator damals veranlasst, den Haltebefehl vor Dünkirchen an seine Armee auszugeben. Tatsächlich habe er die Machtprobe mit den eigenen Generälen gesucht, nachdem diese zuvor mehrmals eigenmächtig gehandelt hatten - ohne den Diktator einzubeziehen.
Mit dem Dünkirchen-Befehl, so Historiker, habe Hitler die gewünschte Rangordnung wiederherstellen wollen. Die NS-Propaganda aber täuschte darüber hinweg, beschwor die Einheit von "Führer" und Armee. Hitler sah sich nach dem Sieg über den so genannten "Erbfeind" Frankreich bestärkt, sein eigentliches Ziel zu verfolgen: den Eroberungskrieg um "Lebensraum" im Osten
Die nächsten Sendetermine: 20. und 27. November, 4. und 11. Dezember 2007, 20:15 Uhr.