Die verdeckte Recherche ist sein Markenzeichen: Autor und Enthüllungsjournalist Günter Wallraff schlüpft regelmäßig in fremde Rollen, um die Gesellschaft unter die Lupe zu nehmen. Er will austesten, wie es sich anfühlt in der Haut eines anderen, verkleidet sich als Türke Ali oder als Kwami Ogonno aus dem Senegal und berichtet über seine Erfahrungen. Für ZDFzoom ist er jetzt in die Arbeitswelt eingetaucht - entstanden ist die Dokumentation "Das Recht des Stärkeren".
Günter Wallraff ist wandlungsfähig: Unter falschen Namen sammelt er als Fabrikarbeiter am Fließband, als Bürobote bei Versicherungskonzernen, als Gastarbeiter auf Baustellen oder als Call-Center-Mitarbeiter Erfahrungen in deutschen Unternehmen. Und berichtet anschließend darüber. Angst vor großen Namen hat Wallraff dabei nicht: McDonald's, Thyssen, Gerling oder die Bild-Zeitung waren bereits seine Arbeitgeber auf Zeit. Die prangert er auch an: Seine Enthüllungsreportagen bringen häufig miserable Arbeitsbedingungen in den Unternehmen an die Öffentlichkeit.
Geboren wird Günter Wallraff am 1. Oktober 1942 in Burscheid bei Köln. Der Vater arbeitet bei Ford, seine Mutter entstammt bürgerlichen Verhältnissen. 1963 wird er zur Bundeswehr einberufen, weigert sich jedoch, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Wallraff wird - für Krieg und Frieden untauglich - entlassen. Seine Erfahrungen aus dieser Zeit schildert er in seinem Buch "Mein Tagebuch aus der Bundeswehr", für das Heinrich Böll das Vorwort verfasst.
Fortan will Wallraff den Finger in die Wunde legen: Der gelernte Buchhändler nimmt sich vor, die deutsche Wirklichkeit genauer unter die Lupe zu nehmen. Von 1964 bis 1965 arbeitet Wallraff "undercover" in mehreren Industriebetrieben und verfasst den Reportageband "Wir brauchen Dich. Als Arbeiter in deutschen Industriebetrieben". Immer wieder schlüpft er in verschiedene Rollen und erbittet zum Beispiel unter dem Tarnnamen "Ministerialrat Kröver" telefonische Auskünfte über den illegalen Aufbau von bewaffneten Werkschutztruppen, lässt sich als vermeintlicher Alkoholiker in die Psychiatrie einweisen und arbeitet als Hilfskraft für eine Schnellimbisskette.

Seine Reportagen über die deutsche Arbeitswelt machen ihn bekannt. Wallraff, so schreibt sein Freund Heinrich Böll in einem Vorwort zur Sammlung "13 unerwünschte Reportagen", "dringt in die Situation, über die er schreiben möchte, ein, unterwirft sich ihr". Seine Methoden des anonymen Einschleichens werden jedoch heftig debattiert: Wallraff bewege sich am Rande der Illegalität, warnen seine Kritiker. Dennoch bekommt der Autor 1968 den Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstler.
Seinen größten Coup landet Wallraff, als er unter dem Decknamen Hans Esser 1977 in der Redaktion der Bild-Zeitung in Hannover arbeitet. Hier schaut er vier Monate lang als Reporter hinter die Kulissen der größten deutschen Boulevardzeitung - um anschließend das "Prinzip Bild-Zeitung" als tägliche Volksverdummung und menschenverachtende Hetze zu kritisieren. Wallraff plaudert aus den internen Redaktionssitzungen und schildert die für ihn äußerst fragwürdige Rechercheweise der Zeitung. Der Verlag wehrt sich vergeblich. Wallraffs Buch "Der Aufmacher. Der Mann, der bei BILD Hans Esser war" darf veröffentlicht werden, ebenso die Fortsetzungen "Zeuge der Anklage", "Das Bild-Handbuch" und "Bild-Störung".
Anfang der 80er Jahre arbeitet Wallraff verkleidet mit schwarzer Perücke und mit gebrochenem Deutsch als Türke Ali zwei Jahre lang unter anderem als Leiharbeiter auf Großbaustellen und bei großen Industrieunternehmen. In seinem auf diesen Erfahrungen beruhenden Buch "Ganz Unten" beschreibt er, wie Türken in Deutschland als Billigarbeitskräfte unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Das Buch schießt 1985 in den Bestsellerlisten nach ganz oben - aber das Echo darauf ist geteilt: Während die einen Wallraffs Beitrag zur Aufklärung loben, kritisieren seine Gegner ihn als egoistischen Selbstdarsteller, der für sich Werbung machen will.
Im Sommer 2007 heuert Günter Wallraff bei mehreren Call-Centern an und deckt Missstände und Abzocke auf. Im Winter 2008/2009 reist Günter Wallraff für das ZDF als Obdachloser Wolfgang durch Deutschland. Er trifft Menschen, die alles verloren haben: Beruf, Zuhause und Familie. Wallraff begleitet sie für vier Wochen auf der Straße, unter Brücken, in Obdachlosenasylen und Notübernachtungsstätten.
2009 kommt Wallraffs Dokumentation "Schwarz auf Weiß" in die Kinos: In dem Film ist Wallraff verkleidet als schwarzer Senegalese Kwami Ogonno zu sehen. Der Film macht klar: Fremdenfeindlichkeit gibt es nach wie vor in Deutschland. Die Reportagen, die auch in der Wochenzeitschrift "Die Zeit" erscheinen, sammelt Wallraff in seinem neuen Buch "Aus der schönen neuen Welt - Expeditionen ins Landesinnere".
In der zoom-Dokumentation "Das Recht des Stärkeren" beleuchtet Günter Wallraff die Arbeitswelt, spricht mit Arbeitnehmern und Betriebsräten und zeigt, auf welche Weise es Arbeitgebern gelingt, "Unkündbare" zu kündigen.Auch weiterhin wird Wallraff wohl Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen aufdecken: "Drei Leben reichen nicht aus, um all die Ungerechtigkeiten, die zum Teil zum Gewohnheitsunrecht geworden sind, aufzuspüren. Solange die Kräfte reichen, werde ich verdeckt in verschiedenen Rollen unterwegs sein", sagte Wallraff nach seinem Undercover-Einsatz als Call-Center Mitarbeiter 2007.