In unserer Dokumentation das "Hartz-Haus" berichten wir über Menschen, die von den Reformen betroffen sind. Volker Behnecke ist Geschäftsführer der Wohnbau Gießen. Er hat ein Modell entwickelt, wie Arbeitslose wieder in Beschäftigung kommen können.
Geschäftsführer Volker Behnecke ist der größte Vermieter Gießens: Niemand hat mehr Wohnraum zu vergeben als die Wohnbau, der er vorsteht. Zu ihren Liegenschaften gehört auch der Asterweg, in dem unser "Hartz-Haus" steht.
Behnecke kennt den Asterweg noch aus frühen Kindheitstagen. Seine Großmutter ist voller Stolz in die ehemalige Arbeitersiedlung eingezogen. Stadtnähe und private Garten-Parzellen im Hinterhof machten das Viertel nach dem Krieg attraktiv. "Jetzt ist das Viertel gekippt", sagt der Immobilien-Manager, "obwohl wir als Vermieter keine Einwände haben - Gemüse selbst anbauen möchte keiner unserer Mieter."
Zwischen den Mietshäusern erstreckt sich jetzt eine riesige, fußballfeldgroße Wiese. Sattes, aber anonymes Grün. Nur noch wenige, zerfallene Schrebergärten erinnern an die ehemals intakte Kleingärtnerei. Dabei sind Tomaten Marke Eigenbau nicht nur gesünder, sondern auch deutlich günstiger. Und sparen muss eigentlich jeder, der im Asterweg wohnt. Insbesondere jetzt, wo die Reformen greifen. Doch es mangelt an Eigeninitiative.
Doch spätestens mit "Hartz IV" wird Aktivität verlangt. Viele Mieter der Wohnbau haben einen "Hartz-Bescheid" erhalten, der ihre Wohnungen als unangemessen groß oder teuer einstufte. "Ich rate zum Widerspruch", sagt Behnecke, wissend, dass in Gießen niemand billiger vermietet als die Wohnbau und dass gerade sozial schwache Menschen vor Auseinandersetzungen mit Ämtern zurückschrecken.
In Gießen hätten die Ämter die Bemessungsprofile oft viel zu eng ausgelegt, kritisiert Geschäftsführer Behnecke. "Da werden wegen ein paar Quadratmetern Differenz Bescheide erstellt, ohne zu berücksichtigen, ob es überhaupt Wohnungen gibt, die den Bemessungskriterien entsprechen", klagt der Vermieter.
Neben kleinlich ausgelegten Hartz-Bescheiden, beschäftigt ein anderes Problem den diplomierten Flugzeugbauer Behnecke: "In der Gießener Nordstadt gibt es drei riesige Berge voller Potenzial: die arbeitslosen Menschen, das Geld, das die Stadt Gießen in Form von Arbeitslosenhilfe ausgibt und die Arbeit, die überall im Viertel auf der Straße liegt, aber nicht getan wird, weil sie nicht lukrativ genug ist."

Für Behnecke in strukturelles Dilemma: Die Gesellschaft zahle Milliarden von Euro für Arbeitslosenhilfe. Das ausgegebene Geld schaffe keinen Mehrwert oder gar Arbeitsplätze. Gleichzeitig fehle es den Kommunen an Mitteln, um nötige Arbeiten an der Infrastruktur von Problemvierteln durchzuführen, in denen wiederum viele der arbeitslosen Menschen leben.
Behnecke versucht über eine Tochterfirma der Wohnbau diese drei Faktoren zu verknüpfen. Die "Mieterservice Gmbh" kümmert sich um die Instandsetzung der Wohnbau-Immobilien und rekrutiert dabei vor allem Langzeit-Arbeitslose. Fast 100 Stellen konnten so bisher geschaffen werden. Ehemals Arbeitslose verrichten nun Arbeit, die in ihrem direkten Umfeld anfällt. Durch die Arbeit entsteht ein Mehrwert, aus Empfängern von Arbeitslosenhilfe sind Arbeitnehmer geworden, die in die strapazierten Sozialkassen einzahlen.
Natürlich wird man mit diesem Modell nicht jeden Arbeitslosen in Beschäftigung bringen, aber man nutzt vorhandene Potenziale effektiver aus. Straßenzüge wie den Asterweg gibt es in jeder deutschen Stadt, Vermieter wie Volker Behnecke leider nur selten.