Sie kommen aus allen Ecken der Erde, um sechs Tage lang ihren Glauben zu feiern: Über 400.000 registrierte Besucher waren es beim Weltjugendtag 2005 in Köln, in Sydney werden nun rund 220.000 Jugendliche erwartet. Was ist das Erfolgsgeheimnis dieses Ereignisses, das so viele junge Menschen wie kaum ein anderes in seinen Bann zieht? Was sind das für Jugendliche, die dort zusammenkommen? Und welche Rolle spielt die Religion dabei?
Mit diesen Fragen hat sich ein großangelegtes Forschungsprojekt an vier Hochschulen befasst. Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen haben Jugendliche, Macher und Medien beim Weltjugendtag 2005 über Monate hinweg beobachtet, begleitet und befragt.

Am Ende stand für sie fest: Seinen Erfolg verdankt der Weltjugendtag vor allem der Tatsache, dass er professionell wie ein "Pop-Events" organisiert und vermarktet wurde: Die Macher hatten einen bestimmten Zweck im Auge und bedienten sich dazu bestimmter Elemente aus der Pop-Kultur. Mit Hilfe der Medien wurde der Weltjugendtag schließlich als Massenereignis inszeniert und von den Jugendlichen als ein solches erlebt.
Und dennoch sehen die Forscher den Weltjugendtag nicht nur als einen bloßen Marketingevent der katholischen Kirche: Er ist Party und religiöses Glaubensfest in einem. Ein "postmodernistisches religiöses Hybridevent" nennen die Soziologen das.

Was das heißt, zeigte sich am Verhalten der Jugendlichen in Köln, die von den Wissenschaftlern befragt und beobachtet wurden. Sie sprachen von einer "Mordsgaudi", machten La-Ola-Wellen und sangen "Viva Colonia". Aber sie beteten auch, sangen geistliche Lieder und tauschten sich mit anderen über ihre Glaubenserfahrungen aus. Insgesamt beobachteten die Wissenschaftler ein "Wechselbad von religiöser Ritualität und hedonistischem Freizeit- bzw. Ferienverhalten". "Gleichzeitig war die religiöse Dimension der Veranstaltung den Jugendlichen nicht nur bewusst, sie war ihnen auch wichtig", stellt das Forscher-Team fest.
Nach den Ergebnissen der Studie schätzte sich die überwiegende Mehrheit der in Köln versammelten Jugendlichen als religiös ein. Ihre Einstellung zur katholischen Kirche als Institution fiel jedoch gespalten aus: Während rund 45 Prozent der Befragten ihre Einstellung als positiv bezeichneten, kreuzten 40 Prozent der Befragten "mittel" an. Knapp 15 Prozent hatten sogar ein negatives Verhältnis zur Amtskirche.

Mit brisanten Themen wie dem Zölibat oder der katholischen Sexualmoral gehen die jungen Gläubigen pragmatisch um, so ein weiteres Ergebnis der Untersuchung: Sie dulden das Zölibat, können sich aber für sich selbst ein enthaltsames Leben nicht vorstellen. Sie definieren Abtreibung nicht als Sünde, würden aber eine Tolerierung durch die Kirche für unglaubwürdig halten. "Es ist gut, dass es da jemanden gibt wie den Papst, der das relativiert mit dem Sex - aber wie ich meine Sexualität lebe, das lass ich mir von niemandem sagen", stellte eine 20-jährige Pilgerin klar.
Auch wenn der Papst für so manchen Weltjugendtags-Pilger keine bindende Autorität darstellt - die große Mehrheit der Befragten erkennt ihn als Oberhaupt der katholischen Kirche an. Für das Gelingen des Weltjungendtags spielt der Pontifex eine zentrale Rolle: Sein Auftritt bildet regelmäßig den Höhepunkt - und auch in Köln wurde er wie ein Superstar gefeiert: "Auch wenn man nicht so streng katholisch ist - es ist schon irgendwo Gänsehautatmosphäre, wenn der Papst an einem vorbeifährt", beschrieb ein junger Teilnehmer seinen Eindruck.

Die Rolle des Papstes spiegelte sich auch in der Medienberichterstattung wieder: Wie die Analyse von Artikeln und Sendungen zeigt, macht vor allem das Fernsehen aus dem Weltjugendtag ein "Papstereignis". Er gilt als der personalisierte Fokus der Feier, ist Celebrity und Kirchenmann zugleich - und damit eine Klammer zwischen den populären und den sakralen Seiten der Veranstaltung.
Und was bleibt nach dem Ende des Kölner Weltjugendtags? Dauerhafte Auswirkungen auf den Alltag seien bei den meisten Teilnehmern nicht zu erwarten, meint Julia Reuter, Soziologin an der Uni Trier. "Der Weltjugendtag als Event ist von Anfang an nicht darauf angelegt, nachhaltig zu sein. Was bleibt ist letztlich das Gefühl, bei einer außergewöhnlichen, nicht alltäglichen, einzigartigen Veranstaltung dabei gewesen zu sein - und dieses Hochgefühl bleibt wohl als Grundstimmung bis zum nächsten Event erhalten."
Größere Chancen, eine bleibende Wirkung zu erzielen, schreibt die Soziologin den "handfesten Projekten" zu, die die Themen ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit den Jugendlichen näher bringen wollten. Zum Beispiel mit dem "Global Village", einem internationalen Begegnungszentrum in Bonn. "Diesen Jugendlichen ging es weniger ums 'Feiern bis der Papst kommt', als vielmehr darum, sich aktiv einzubringen und nachhaltig - durch Spendensammeln oder dem Renovieren von Kindergärten - an einer gerechten Welt mitzubauen. Aus diesen Projekten sind sicherlich langfristige Kontakte, Freundschaften und Projekte hervorgegangen."