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12. Februar 2012
 

ZDF.reportage

 
sonntags, 18.00 Uhr
Die sanierte Altstadt von Görlitz. Quelle: ZDF
Eigentlich malerisch, oder? Die sanierte Altstadt von Görlitz

ZDF.reporter

"Zurück nach Görlitz? Definitiv nicht!"

Die "Flucht" einer ZDF-Hospitantin in den Westen

von Juliane Funk

Schuldig im Sinne der Anklage. Ja, ich gebe es zu. Auch ich gehöre zu den knapp anderthalb Millionen Menschen, die seit der Wende "rüber" in den Westen gegangen sind. Für meine Ausbildung zur Chemielaborantin habe ich Görlitz, die östlichste Stadt Deutschlands, verlassen.

 
 
 
 

Mit zwei Koffern, gut 550 Kilometer von der Heimat entfernt, zog ich nach meinem Abitur nach Gießen in Hessen - damals war ich 19 Jahre jung, das ist jetzt sieben Jahre her. Ein kleines Zimmer in einer 8er-WG (mit sieben Jungs) fand sich bald.

Zwei Jahre lang fuhr ich einmal im Monat nach Hause. Aber nach und nach zogen die meisten meiner Freunde für einen neuen Job oder Studienplatz in eine größere Stadt - oder wie ich in den Westen.

Studium in Gießen

Weil ich mir gerade den Wunsch nach einem Studium der Fachjournalistik erfülle, war klar, dass ich länger in Gießen bleiben würde. Wo es mich nach meinem Abschluss hin verschlägt? Das werde ich sehen. Ob ich nach dem Studium wieder zurück gehen würde? Nein, definitiv nicht. Selbst wenn ich eine gute Stelle in meiner alten Heimat fände. Aber ich habe im Herzen Hessens eine zweite Heimat gefunden. Das Hessische ist mir als Niederschlesierin, schon fast in Fleisch und Blut übergegangen.

 

Ich möchte aber auch deshalb nicht mehr zurück, weil sich in meiner alten Heimat so vieles verändert hat. Wenn ich heute durch Görlitz laufe, sehe ich schön restaurierte Häuser. Aber junge Leute aus meiner Generation gibt es nur noch wenige. Denn vor allem die Jungen und Flexiblen, so wie ich, gehen "rüber".

DDR-Plattenbau in Görlitz. Quelle: ZDF
ZDF
Auch das ist Görlitz: Ein Plattenbau

Wer bleibt?

Wenn aber so viele gehen, wer bleibt? Die frühere Generation, die der Eltern und Großeltern. Die sind hier zu tief verwurzelt, um fort zu gehen. Diejenigen ohne Abschluss und mit wenigen Perspektiven bleiben. Dies bestätigen immer wieder Berichte über Frauen- und Fachkräftemangel im Osten der Republik.

In den letzten Jahren ist die Einwohnerzahl der Stadt Görlitz stark gesunken. Zu DDR-Zeiten wäre sie beinahe mal zur Großstadt (ab 100.000 Einwohner) geworden. Heute wohnen dort nur noch knapp 60.000 Einwohner - inklusive Eingemeindungen. Mit dem Weggang der Menschen wurden viele Häuser nicht mehr gebraucht, ganze Häuserzeilen wurden abgerissen.

 

Touristen kommen - nur kurz

Der Rückbau hat aber auch positive Seiten. So kommt nämlich die gut erhaltene Innenstadt aus den verschiedenen Jahrhunderten der Bauepochen besser zur Geltung. Und das lockt wiederum Touristen an. Die kommen und schauen sich Görlitz an der Neiße an. Leider bleiben sie meist nur kurz.

 

Auch die Dreharbeiten zum Hollywood-Film der "Der Vorleser" bringen der Stadt Bekanntheit. Alte und junge Görlitzer sitzen dann vor Kinoleinwänden und staunen über ihnen vertraute Filmkulissen. Vielleicht ist das eine der Zukunftschancen für die Stadt?

 

Mein Herz gehört Görlitz

Das hoffe ich zumindest sehr, denn mein Herz gehört Görlitz. Auch nach fast sieben Jahren ist das so. Auch wenn ich woanders zu Hause bin, die Stadt an der Neiße, werde ich nie vergessen.

 

Infobox

Go west, young lady!

Eine Reportage von Martin Schiffler
Sendetermin: Sonntag, 26. April 2009, 18.30 Uhr, ZDF.reportage

 
 
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