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12. Februar 2012
 

sonntags

 
sonntags, 9.02 Uhr
Sütterlinschrift und Lupe. Quelle: ZDF
Die Sütterlin-Schrift kann heute kaum noch jemand lesen.

Menschen & Projekte

Retter der Vergangenheit

Senioren übersetzen Sütterlin

von Maria Trübswetter

Egal ob Kriegstagebücher, Familienurkunden oder Poesiealben: In vielen Familien gibt es noch alte handschriftliche Dokumente. Doch kaum einer kann die Texte lesen, denn sie sind oft in Sütterlin verfasst, der deutschen Schrift, die vor dem Zweiten Weltkrieg gebräuchlich war. Damit die Informationen nicht verloren gehen, hilft eine Hamburger Seniorengruppe: Kostenlos übersetzen die Rentner alte Sütterlintexte.

 
 
 
 

Angefangen hat es vor 17 Jahren als Freizeitbeschäftigung für Senioren im Hamburger Altenheim St. Ansgar. Inzwischen können sich die rund 20 Damen und Herren vor Übersetzungs-Anfragen aus der ganzen Welt kaum mehr retten.

 
Senioren beim Entziffern von Dokumenten. Quelle: ZDF
ZDF
Die Sütterlinstube in Hamburg hat Übersetzungs-Anfragen aus der ganzen Welt.

Die alte Sütterlin-Schrift mit ihren Schnörkeln und Kanten macht den Senioren dabei wenig Probleme. Die meisten von ihnen haben sie noch in der Schule gelernt. Schwierig sind eher die verschiedenen, oft krakeligen Handschriften und die Spuren der Zeit: Wasserschäden oder Brandflecken machen die Übertragungen bisweilen sehr zeitintensiv.

Paar beim Lesen. Quelle: ZDF
ZDF
Die Senioren haben Sütterlin noch in der Schule gelernt.

Liebesbriefe und Feldpost

Belohnt werden die Übersetzer aber mit anrührenden Geschichten: So gingen 1880 Liebesbriefe zwischen einer jungen Dame in Hamburg und ihrem Geliebten in Australien hin und her - ein Brief brauchte sechs Monate. Die Übersetzer freuten sich auch 120 Jahre später noch, dass am Ende dieses Briefwechsels ein Happy-End stand.

 

Oft werden die schriftkundigen Hamburger aber gebeten, Dokumente aus dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg zu übersetzen: Feldpost oder Briefe aus Konzentrationslagern verlangen dabei Einiges ab, vor allem Übersetzern wie Heinz Demmin, der selbst im Krieg war: "Ja, da kommen die dunklen Zeiten wieder zurück", berichtet er, "aber es freut mich dennoch, wenn ich Sachen bekomme, die ich teilweise miterlebt habe. Ich denke, das ist eine wichtige Aufgabe, die wir alle erfüllen, dass wir nämlich zum Leben bringen, was die jungen Leute heute nicht mehr lesen können."

Dokument und Lupe. Quelle: ZDF
ZDF
Mit der Lupe Handschriften entziffern

Geschichte vor dem Vergessen bewahren

Momentan übersetzt er Tagebücher eines Angeklagten der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse - für die Wissenschaft. Denn auch dort hat man entdeckt, dass die Hamburger Senioren zuverlässige Schriftkundige sind. So manches Buch ist nur Dank ihres Know-Hows entstanden.

Ganz nebenbei haben selbst die Ältesten in der Gruppe, wie der 94-jährige Heinz Demmin, gelernt mit dem Computer umzugehen. Alle Übertragungen werden feinsäuberlich abgetippt und dann per Post oder Mail zurückgeschickt. Oft machen sich die Senioren sogar die Mühe, im Internet historisches Hintergrundwissen zu recherchieren. Woche für Woche schaffen sie es so, Geschichten und Geschichte vor dem Vergessen zu bewahren.

Infobox

Möchten Sie in Ihrer Region auch eine "Sütterlingruppe" gründen? Peter Hohn, der Leiter der Hamburger Gruppe, unterstützt Interessierte gerne. Kontakt: Sütterlinstube Hamburg(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster)

 
 
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