Die Bibel erzählt, dass Jesus am See Genezareth lebte, in der Landschaft von Galiläa. Es ist die Welt einfacher Menschen. Von ihren Bauten haben nur die wenigsten 2000 Jahre überdauert.
Eine Region weitab von den Metropolen der damaligen Zeit und doch mittendrin im politischen Geschehen. Denn die Heimat von Jesus ist Teil des römischen Imperiums. Teil eines Weltreichs, das vom mehr als 2000 Kilometer entfernten Rom aus regiert wird.

Das Rom der Kaiserzeit ist der Inbegriff von herrschaftlichem Glanz und militärischer Stärke. Die Eroberungen, die von hier ausgingen, hatten in Jahrhunderten das größte Reich der Antike geschmiedet. Eine Politik der Härte hielt den gewaltigen Vielvölkerstaat zusammen, der sich in imperialen Gebäuden feierte.
Die Römer haben es verstanden, alle Völker in ihren Machtbereich zu integrieren. Alle haben es akzeptiert - auch die meisten Juden. Dennoch gibt es in Palästina eine resistente Gruppe, die die Römer nicht haben integrieren können. Das sind die eigentlichen Frommen, die von Zeit zu Zeit immer wieder an das Erscheinen des Messias geglaubt haben. Der Messias, der Gesandte des Himmels, der kommt, um das jüdische Volk zu befreien und das Reich Gottes in Jerusalem zu errichten. Eine religiöse - eine politische Vision. Hoffnung auf die Erlösung vom römischen Joch.
Sehnsucht nach Freiheit lässt die Unterdrückten zu den Waffen greifen. Doch die Römer ersticken jedes politische Aufbegehren im Keim. Jerusalem zur Zeit Jesus ist eine Stadt in permanentem Ausnahmezustand. Regiert wird Palästina, die Heimat Jesu, von der Hafenstadt Caesarea aus. Mit den römischen Statthaltern zieht eine fremde Kultur ein. Sie verändert das Gesicht des Landes von Grund auf.
Es gibt auch eine Umbruchszeit in Bezug auf die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen. Langsam entwickelte sich eine Lücke zwischen den ärmeren und den reicheren Schichten. Die Bibel spiegelt diese Verhältnisse sehr genau wider. Sie berichtet von den armen Menschen aus Galiläa und ihrem harten Dasein. Die Bilder, die sie in ihrer Sprache benutzt, entstammen diesem schlichten Leben. Der Halm, der im Wind weht; das Korn für das tägliche Brot; die gute und die schlechte Ernte. Eine bescheidene Welt. Keine, die eine große Karriere verspricht. Es ist eine Welt von einfachen Bauern und Handwerkern, in der Jesus aufwächst. In einer ganz gewöhnlichen Familie.
"Die Frage, ob Jesus Geschwister hatte, kann man nach heutiger Sicht unterscheiden, zwischen Voll- und Halbgeschwistern - was im damaligen Sprachgebrauch nicht unterschieden wurde. Von daher ist es denkbar, und manche interpretieren es so, dass Josef Witwer war und Söhne und Töchtern aus einer ersten Ehe hatte, bevor er Maria heiratete. Dann wären diese Kinder Halbgeschwister Jesu, aber nach jüdischem Recht Vollgeschwister - eine Trennung fand nicht statt. So können die Texte völlig unbefangen von Geschwistern reden."
Die Bibel nennt die Brüder sogar mit Namen: Jakob, Josef, Judas und Simon heißen sie. Josef, der Stiefvater Jesu, ist Handwerker, ein Zimmermann, und wahrscheinlich hat auch Jesus diesen Beruf erlernt. Von seiner Mutter aber erzählt die Bibel eine außergewöhnliche Geschichte. Sie soll Jesus als Jungfrau empfangen und geboren haben. Eine bis heute für manche Christen umstrittene Überlieferung.
"Ich bin immer der Meinung, man soll die Bibel ernst nehmen, aber eben auch genau hinsehen. Wenn man genau hinschaut, fällt auf, dass die ganze hebräische Bibel von keiner 'Jungfrau' redet. Es heißt eben nicht 'die Jungfrau soll gebären', sondern 'eine junge Frau soll gebären', 'alma' auf Hebräisch. Ich habe nichts gegen dieses Ursymbol, das bedeutet natürlich etwas. Aber man sollte es nicht als biologisches Faktum nehmen."